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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

05/11/08

Michail Gorbatschow (Russland)

und „das gemeinsame Haus Europa“


Michail Gorbatschow, der 1931 in Priwolnoje in der ehemaligen Sowjetunion geboren wurde, ist schon zu Lebzeiten in die Geschichte eingegangen. Der Agraringenieur, der die Erfolgsleiter bis ganz oben erklommen hat, kennt die Widersprüche und Schwächen, von denen das System gekennzeichnet ist, und leitet 1985/1986 ein Reformprogramm ein, das unter dem Namen Perestroika („Umgestaltung“) bekannt wird. Als er 1988 zum Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjet gewählt wird, nimmt er den Dialog zwischen Ost und West wieder auf.
Im Juli 1989 wird er mit dem Status eines Sondergastes vom Europarat empfangen. Er wählt diesen Schauplatz, um mit Bezug auf die Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die 1975 in Helsinki unterzeichnet wurde, einen neuen Vorschlag zur Abrüstung zu unterbreiten und um die Frage der Menschenrechte anzusprechen. Vier Monate nach der Rede von Gorbatschow fällt die Berliner Mauer. Kurze Zeit später folgt die Auflösung des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe), einer Organisation, die 1949 in Moskau gegründet wurde, um den Handel zwischen der UdSSR, den osteuropäischen Satellitenstaaten, Kuba und Vietnam zu fördern. Es folgt auch die Auflösung des Warschauer Paktes, dem militärischen Bündnis.
Als Träger des Friedensnobelpreises, den er 1990 erhält, gilt er in seinem Land für eine Reihe von Reformgegnern als Totengräber der Sowjetunion. Tatsächlich zerfällt die UdSSR am 8. Dezember 1991, und Gorbatschow ist gezwungen, wenige Tage später, am 25. Dezember 1991, zurückzutreten.

„Seit Jahrhunderten leistet Europa seinen unersetzbaren Beitrag zu Politik, Wirtschaft und Weltkultur sowie zur kulturellen Entwicklung insgesamt. Die Rolle, die Europa in der Weltgeschichte einnimmt, wird allgemein anerkannt und geschätzt. Lasst uns dennoch nicht vergessen, dass sich die Metastasen der kolonialen Sklaverei von Europa aus in der gesamten Welt verbreitet haben. Europa ist die Geburtsstätte des Faschismus. In Europa haben die zerstörerischsten Kriege begonnen.

Europa, das allen Grund dazu hat, auf seine Errungenschaften stolz zu sein, ist also noch sehr weit davon entfernt, seine Schulden der Menschheit gegenüber beglichen zu haben. Dies gilt es noch zu bewältigen. [...] Mit dem Helsinki-Prozess wurde bereits der Grundstein zu diesem großen Werk gelegt, das von so weitreichender Bedeutung ist. [...] Von nun an sind alle diejenigen, die am europäischen Prozess mitwirken, dazu aufgerufen, so vollständig wie möglich die Prämissen umzusetzen, die dank unserer gemeinschaftlichen Arbeit geschaffen wurden. Auch die Idee von einem gemeinsamen Haus Europa steht im Dienste dieser Sache.

Diese Idee [...] hängt mit der wirtschaftlichen und politischen Umgestaltung unseres Landes zusammen, für das es unverzichtbar war, dass neue Verbindungen in erster Linie zu dem Teil der Welt hergestellt werden, zu dem die Sowjetunion gehört und zu dem wir mehr als alle anderen seit Jahrhunderten gehören. […]

Im Laufe der Treffen mit den europäischen Staats- und Regierungschefs, die in der letzten Zeit stattgefunden haben, ging es hauptsächlich um die Architektur dieses gemeinsamen Hauses wie auch um die Bauweise und sogar um seine „Einrichtung“. […]

Die Philosophie, die hinter dem Konzept des gemeinsamen Hauses Europa steckt, schließt jede Wahrscheinlichkeit einer militärischen Auseinandersetzung aus, wie auch jede Möglichkeit einer Inanspruchnahme oder Androhung von Gewalt, besonders aber die Anwendung von Militärgewalt zwischen Bündnissen, innerhalb eines Bündnisses oder wo auch immer. […]

Wollen wir eine Vernichtung der Atomwaffenvorräte oder ihre Aufrechterhaltung um jeden Preis? Wird die Stabilität durch die Strategie der nuklearen Abschreckung gestärkt oder geschwächt? Die Nato und der Warschauer Pakt scheinen bezüglich dieser Fragen gegensätzliche Positionen einzunehmen. Dennoch wollen wir nicht die Divergenzen dramatisieren. Wir selbst suchen nach den Lösungen und laden unsere Partner dazu ein, es uns gleich zu tun.“
Auszüge der auf Russisch gehaltenen Rede von Michail Gorbatschow, Vorsitzender des Obersten Sowjets der Union der Sozialistischen Sowjetunion (UdSSR), vor dem Europarat am 6. Juli 1989.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08