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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 12/09/08

Miles Davis : "Bitches Brew"

EIN PRODUKTIVER SCHOCK
von Reinhard Kager

Die Auswahl im Überblick

Der Weg war bereits vorgezeichnet. Die Aufregung in der Jazzwelt dennoch ziemlich groß: Miles Davis hatte nach einer Phase des Experimentierens mit hochkomplexen rhythmischen und harmonischen Strukturen Ende der sechziger Jahre damit begonnen, wieder linearer orientierte Rhythmen zu verwenden. Und die stammten zum Entsetzen puristischer Jazzfans aus dem Gefilde der Rockmusik. Mit Alben wie „Filles de Kilimanjaro“ und „In a Silent Way“ war dieser Prozess eingeleitet worden, mit dem 1970 erschienenen Doppelalbum „Bitches Brew“ brach eine neue Ära der Jazzgeschichte an, die in ihren Anfängen zu den umstrittensten zählte.

Heute ist die große Aufregung kaum noch nachvollziehbar. Ganz selbstverständlich werden jetzt Elemente aus allen nur erdenklichen Musiken – von der zeit-genössischen komponierten Musik bis zur Popularmusik, vom HipHop bis zur Folklore – in die improvisierte Musik integriert. Doch in den angehenden siebziger Jahren galt es noch als Sakrileg im Jazz, mit der Popkultur zu kokettieren, die auf „Bitches Brew“ optisch in einem modisch-psychedelisch angehauchten Bild von dem Popkünstler Mati Klarwein auch noch ziemlich plakativ auf dem Cover prangte.
Musikalisch war die Entrüstung durch nichts zu rechtfertigen. Zwar hatte Miles Davis rhythmisch deutliche Anleihen bei der Rockmusik gemacht. Auch das Instru-mentarium wurde um Geräte erweitert, die damals im Rock üblich waren: Die E-Gitarre spielte John McLaughlin, den Fender-E-Bass Harvey Brooks, und mit Chick Corea, Larry Young und Joe Zawinul gingen phasenweise sogar drei E-Pianisten zu Werke. Vor allem Zawinul, der bereits „In a Silent Way“ entscheidend mitgestaltet hatte, war prägend für den neuen Sound der Miles Davis Group. Über all dem elektrischen Gebräu seiner Sidemen schwebte der klare, wenngleich um Echo- und Wah-Wah-Effekte bereicherte Trompetenklang von Miles Davis, flankiert von Wayne Shorter am Sopransaxophon und Bennie Maupin an der Bassklarinette.

So sehr das Klangbild und die Rhythmik von „Bitches Brew“ auch von der Rockmusik geprägt sind, so wenig ist das bahnbrechende Album damit identifizierbar. Dank ihres offenen Gestus', ihrer überraschenden thematischen und harmonischen Wendungen und ihrer oft hochkomplexen Polyrhythmik sind die Stücke von „Bitches Brew“ meilenweit vom kommerziellen Pop entfernt und dem Jazz weitaus näher, als es Traditionalisten Anfang der siebziger Jahre wahrnehmen wollten.
Verschiedene Etikette sind seither geprägt worden für die Musik des Miles Davis der siebziger Jahre: Ob Rockjazz oder Jazzrock, ob Fusion Jazz oder Electric Jazz – mit „Bitches Brew“ und den nachfolgenden, harmonisch noch weit freieren Alben wie „Live at Fillmore East“ und „Live-Evil“ ist es Miles Davis gelungen, den Jazz hellhörig zu machen für andere kreative Strömungen seiner Zeit. Und damit hat er den Grundstein gelegt für jene stilistische Offenheit und Vielfalt, die bis heute so wichtig ist für improvisierte Musik.

Text: Reinhard Kager

Miles Davis " Bitches Brew":
2 LP (1970), CBS S 66236
2 CDs (1970/1999), Columbia/Legacy 500673 oder Sony/BMG 1C2K65774

Erstellt: 19-07-07
Letzte Änderung: 12-09-08


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