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Miles Davis hat Jazzgeschichte geschrieben, insbesondere weil er keine Berührungsängste kannte. Mit offenen Ohren suchte er nach musikalischen Inspirationen außerhalb des Jazz, ob in der Klassik, der Welt- oder Popmusik. Auf „You’re Under Arrest“ coverte er Cindy Lauper und Michael Jackson, und sein letztes Album war vom HipHop geprägt. Nicht alle Davis-Fans konnten und können ihm Schritt halten, zu extrem sind die Unterschiede zwischen Bebop, CoolJazz, Fusion und dem Electricjazz des „On The Corner“ Albums. Und so ist für viele Jazzhörer der Funkjazz der „Cellar Door Sessions“ (siehe CD-Besprechung vom 25.04.06) eine Wendemarke, an der sie sich spätestens von Miles Davis und seiner musikalischen Rastlosigkeit verabschieden. Denn die zwei Jahre später beginnenden Aufnahmen zu „On The Corner“ sind eine radikale Abkehr vom herkömmlichen Jazz. Davis war nicht mehr an einem perfekten Solo interessiert, stattdessen machte er sich auf die Suche nach Atmosphären und Texturen. Zudem bediente er sich verstärkt der Technik des Aufnahmestudios, die von nun an einen maßgeblichen Anteil am Entstehungsprozess hatte. Während es im Jazz immer noch weit verbreitet war, den Jazz live zu dokumentieren, begann Davis mit soundtechnischen Experimenten. Die Manipulation der Aufnahmen steht diametral entgegengesetzt zum Anspruch der Jazzwelt an der Virtuosität eines Musikers.
Die sechs CDs, mit zwölf bisher unveröffentlichten Songs, und das 120seitige Buch der „On The Corner“ Box beleuchten detailliert die musikalische Vision des Jazztrompeters. Denn mit Hilfe elektrischer Instrumente und der technischen Möglichkeiten eines Studios schuf Davis eine futuristische Bigband, unter anderem mit Herbie Hancock, Chick Corea und John McLaughlin. Interessiert an der Verwandlung von Klangfarben jagte er sogar seine Trompete durch Effektgeräte, wodurch ihr Klang partiell zwischen E-Gitarre und Synthesizer oszilliert. Zudem griff Davis mit seinen Loops, Samples und vielschichtigen Rhythmen Elemente des zeitgenössischen Turntablism vorweg, von der Ambient Musik bis hin zu Drum’n’Bass. Und mit dem Einbezug der indischen Sitar und von Tablatrommeln öffnete er den Jazz zur Weltmusik.Selbst heutzutage wird Miles Davis’ „On The Corner“ Album von der Jazzwelt diskreditiert. Derweil bieten die Aufnahmen eine nicht versiegen wollende Quelle an musikalischen Inspirationen, die mit der aufwendig gestalteten und informativen „On The Corner“ Box nun erstmals ihre längst überfällige Würdigung erfahren.
Matthias Schneider







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