05/11/08
Mireille Delmas-Marty (Frankreich)
Ist es möglich, im Zeitalter der Globalisierung eine weltweit gültige Rechtsordnung zu schaffen, die frei von Hegemonialansprüchen ist? Mit dieser schwierigen Frage beschäftigt sich die Rechtsgelehrte Mireille Delmas-Marty seit Jahren. Das Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Arbeit wird in vier Bänden unter dem Gesamttitel „Les forces imaginantes du droit“ veröffentlicht. Der Titel spiegelt das eigenwillige Verhältnis der Rechtsgelehrten zu ihrem Fach wider, denn um „diesen hochspezialisierten Bereich des Rechts zu durchmessen“ und dessen „Phantasiepotential zu befreien“ braucht sie Autoren, die keine Juristen sind, sie braucht Bilder und musikalische Strukturen. Genauer gesagt: Ihre Inspirationsquellen sind die Bauhausvorlesungen von Paul Klee und die Kompositionen von Pierre Boulez. Der erste Band, „Le Relatif et l’Universel“, erschien 2004, der dritte Band, „La refondation des pouvoirs“, erschien 2007.
Wahrlich ein kolossales Unternehmen, aber das Rüstzeug dazu hat Mireille Delmas-Marty allemal. Um nur die wichtigsten Etappen ihres Werdegangs zu erwähnen: Nach der Zulassung zur Lehre („agrégation“) in Privatrecht und Kriminalwissenschaft unterrichtete Delmas-Marty an mehreren Universitäten; seit 2002 hat sie am Collège de France den Lehrstuhl für Rechtsvergleich und Internationalisierung des Rechts („Études juridiques comparatives et d’internationalisation du droit“) inne. Sie forscht zudem an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) und im Rahmen des 1991 von ihr gegründeten Vereins für europäische Strafrechtsforschung „Association des recherches pénales européennes“ (ARPE). Seit 1984 ist sie die Herausgeberin der Zeitschrift „Revue de science criminelle et de droit pénal comparé“, außerdem arbeitet sie bei verschiedenen französischen und internationalen Veröffentlichungen mit. Sie wird überall in der Welt eingeladen, um Vorträge und Seminare über den von ihr in spezifischer Weise entwickelten Begriff des „gemeinsamen Rechts („droit commun“) zu halten bzw. abzuhalten. Die Referenzwerke von Mireille Delmas-Marty zu diesem Thema sind: „Le flou du droit“ (1986), „Pour un droit commun“ (1994), „Vers un droit commun de l’humanité“ (1996), „Trois défis pour un droit mondial“(1998).
Mireille Delmas-Marty beschäftigt sich nicht aus rein theoretischem Interesse mit den Möglichkeiten und Perspektiven einer juristischen Weltordnung im Zeitalter der Globalisierung; ihre Beweggründe sind ganz pragmatisch: Sie sucht Lösungen für eine Notsituation. Denn, so Delmas-Marty, „in dem Maße wie sich die Abhängigkeitsverhältnisse entwickeln, globalisiert sich das Verbrechen ebenso wie die Risiken“. Kein Staat ist dem allein gewachsen. „Wir leben gegenwärtig in einer großen Unordnung“, und um dieser Herr zu werden, muss „das Recht und insbesondere die Internationalisierung des Rechts auf eine neue Grundlage gestellt werden“. Um dabei zu vermeiden, dass die Normen der dominanten Mächte – insbesondere der USA nach dem 11. September 2001 – noch gestärkt werden bzw. die Übermacht gewinnen, „müssen Alternativen zu dieser Vormachtstellung erarbeitet werden“. Europa liefert dafür einen günstigen Rahmen, es stellt ein „interessantes Testgebiet“ dar, denn kein Land genießt eine hegemoniale Stellung, und zudem zeichnet sich ein neues politisches und rechtliches Organisationsmodell ab, die Vorstufe eines echten „gemeinsamen Rechts“ auf europäischer Ebene. Die Europäische Union, weder ein Superstaat noch ein Staatenbund, verfügt über zwei Kontrollorgane, den Europäischen Gerichtshof und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, die zumindest theoretisch das Recht der Person auf dieselbe Ebene wie das Recht des Marktes stellen; auf globaler Ebene hingegen genießt das Handelsrecht absoluten Vorrang. Möglicherweise enthält diese neue europäische Ordnung in sich den Keim zu einer pluralistischen Weltordnung.
Die Autoren
- Andruchowytsch, Juri (Ukraine)
- Ben Jelloun, Tahar (Frankreich)
- Delmas-Marty, Mireille (Frankreich)
- Eco, Umberto (Italien)
- Gelassimow, Andrej (Russland)
- Globalisierungskritiker, die
- Grass, Günter (Deutschland)
- Habermas, Jürgen (Deutschland)
- Jeremy Rifkin (USA)
- Laidi, Zaki (Frankreich)
- Malley, Robert (USA)
- Michnik, Adam (Polen)
- Nyssen, Hubert (Frankreich)
- Pleşu, Andrei (Rumänien)
- Rocard, Michel (Frankreich)
- Savater, Fernando (Spanien)
- Sontag, Susan (USA)
- Zizek, Slavoj (Slowenien)
- Zourabichvili, Salomé (Georgien)
Das Recht unter den Bedingungen der Globalisierung
„Europa ist in dieser Hinsicht ein interessantes Testgebiet, denn kein Land genießt gegenüber einem anderen eine Vormachtstellung. Zwischen den Mitgliedstaaten bestehen in rechtlicher, aber auch in politischer, ökonomischer, kultureller und demographischer Hinsicht sehr große Unterschiede – vor allem auch, wenn man an Russland und die Türkei denkt, die bereits Mitglieder des Europarats sind. Europa umfasst ja nicht nur die 25 [ bzw. 27 seit 2007 – A.d.R.] Mitgliedstaaten. Das bipolare Europa, das ebenso auf dem gemeinsamen Markt wie auf den Menschenrechten gründet, ist der ideale Prüfstein für ein komplexes Recht, einschließlich der zu vermeidenden Irrtümer.“
Auszug aus dem Mireille Delmas-Marty gewidmeten Artikel „Imaginer le droit de l’après-11-Septembre“ des Philosophen Roger-Pol Droit in der Literaturbeilage der Tageszeitung „Le Monde“ vom 16.02.2006.
Wir haben uns erlaubt, im letzten Absatz unseres Beitrags weitere Passagen aus dem genannten Artikel heranzuziehen, um die Grundgedanken von Mireille Delmas-Marty wiederzugeben.
Weiterführende Informationen
Die
Website des „Collège de France“.
Die
Vorlesungen von Mireille Delmas-Marty am „Collège de France“ sind als Podcast auf der Website des
Collège de France abrufbar; ferner werden dort Seminare zur Vorlesung über aktuelle Themen angekündigt.
Erstellt: 28-06-07
Letzte Änderung: 05-11-08