Eine kleine Seitenstraße mitten in Berlin - dass hier jahrzehntelang Verbrechen an Kindern verborgen wurden, schockiert die gesamte Republik. Mehr als 22 Schüler des Canisius-Jesuitenkollegs wurden hier von Patern sexuell missbraucht. Und das ist offenbar nur der Anfang eines Skandals: Auch an den Jesuiten-Schulen in Hamburg und St. Blasien gab es Opfer.
Klaus Mertes, Rektor des Canisius-Kollegs Berlin: „Das ist eine pädagogische Katastrophe und das können wir wiedergutmachen, indem wir vielleicht, so weit es geht, nach 30 Jahren, endlich reagieren und sagen: „Ja, Ihr habt gesprochen, wir haben damals nicht hingehört, heute hören wir zu, bitte kommt und sprecht, wir werden Euch glauben.“ Und tatsächlich melden sich täglich mehr Opfer und klagen immer wieder diese beiden Männer an: Pater Peter R., links im Bild, und Pater Wolfgang S.
Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche - unzählige Fälle aus der Vergangenheit wurden in den letzten Jahren bekannt und gerne schnell wieder vertuscht - bis jetzt. Manfred Kappeler, Erziehungswissenschaftler: „Der Fall Canisius-Schule in Berlin ist in gewisser Weise ein Wendepunkt, und das ist wiederum sehr bezeichnend: Denn es handelt sich um eine Eliteschule! Was in den katholischen Kinderheimen passiert ist, mit den Kindern aus den gesellschaftlichen Unterschichten, wurde verleugnet, verdrängt, hat nie diesen Skandal erzeugt. Nun haben wir eine Eliteschule und die Opfer sind arrivierte Mitglieder der Gesellschaft.“ Auch am Jesuiten-Kolleg in Hamburg herrscht Bestürzung, auch hier erfuhr die Leitung erst vor ein paar Tagen, was vor 30 Jahren genau geschah: Friedrich R. Stolze, Rektor des Sankt Ansgar-Schule in Hamburg: „Ich hatte die Mutter eines Opfers am Telefon, die mir erzählte, dass der Junge, der inzwischen 40 Jahre alt ist, seitdem eine schwere psychische Krankheit hat. Ich habe mit einem Opfer direkt gesprochen und ich schäme mich für die Schule, und es ist einfach nur fürchterlich.“
Doch ob das den Opfern von damals genügt? Immer mehr Stimmen fordern, dass die katholische Kirche endlich die Strukturen hinterfragt, die solche Vergehen erst befördern. Erziehungswissenschaftler Manfred Kappeler: „Auch die Frage, was haben diese Skandale mit dem vom Vatikan nach wie vor mit keinem Satz in Frage gestellten Zölibat zu tun? Angesichts der überproportional häufigen Fälle bei katholischen Organisationen müssten diese Fragen angesprochen werden. Das erfolgt aber nicht, sondern es geht immer darum: Wir entschuldigen uns bei den Opfern. Und das ist zu wenig.“ Wie viele Missbrauchsfälle noch ans Tageslicht kommen - in zwei Wochen will man Klarheit haben.
(Arte Journal, 02.02.10, Reportage: Andrea Fies und I. Casado)







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