Vom Sonnenprinzen zum Sohn der Zukunft
In Japan gilt Miyazaki inzwischen als ebenbürtig mit seinem großen Vorbild Osamu Tezuka, dem 1989 verstorbenen „Gott des Manga“. Im Westen stellt man ihn eher auf eine Stufe mit Walt Disney, selbst wenn sein Werk unendlich viel komplexer, seine Grafikpalette reicher und seine Botschaften vielschichtiger sind. Die Anime-Karriere des bescheidenen Genies entwickelte sich dank seiner treuen Wegbegleiter und eines außergewöhnlichen Labels, dem 1985 gegründeten Studio Ghibli. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Isao Tahahata, einem Verbündeten der ersten Stunde und Autor des unvergleichlichen Films „Die letzten Glühwürmchen“ erlangte Miyazaki dort seine Unabhängigkeit. Ihre Zusammenarbeit hatte 1965 in den Toei Animation Studios mit dem ausgefeilten Spielfilmprojekt „The Great Adventures of Horus, Prince of the Sun“ begonnen; der Film kam 1968 nach drei Jahren Arbeit in die Kinos, blieb jedoch unbeachtet. Zu Beginn der 1970er-Jahre verließen Miyazaki und Takahata die Toei Studios und wechselten zusammen mit Yoichi Kotabe zunächst zu den A-Pro Studios, später zu Zuiyo Pictures, einer Tochtergesellschaft von Nippon Animation, wo das Trio an mehreren Fernsehserien arbeitete. Während dieser zehn Jahre unternahm Miyazaki seine ersten Auslandsreisen und entdeckte Europa, dessen Landschaften er in die Settings künftiger Filme einarbeitete. 1978 gaben ihm die Studios endlich die Gelegenheit, seine erste eigene Serie zu schaffen: In „Future Boy Conan“ setzte sich Miyazaki vor allem mit Umweltproblemen auseinander, ein Motiv, das sich durch seine gesamte Filmografie zieht.
Frei und ungebunden
Der junge Journalist Toshio Suzuki interessierte sich schon seit längerem für Miyazaki und berichtete über dessen Arbeiten im Monatsmagazin Animage, das auch den Manga „Nausicaä“ veröffentlichte. Ihm ist auch die Leinwandadaptation „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ zu verdanken, da japanische Produzenten für jedes Animationsprojekt zunächst eine Manga-Vorlage sehen wollen. Die Verfilmung der postapokalyptischen Fabel, die im Frühjahr 1984 in die Kinos kam, war ein enormer Publikumserfolg und brachte Miyazaki sowohl den Durchbruch in Japan als auch internationale Anerkennung. Tatsächlich hob sich „Nausicaä“ in einer Zeit, in der ein Großteil der japanischen Anime-Produktion aus Serien bestand, durch sein hohes inhaltliches und grafisches Niveau von anderen Produktionen ab. Nach der Gründung des Studio Ghibli hatten Miyazaki und Takahata endlich völlige Handlungsfreiheit; bald gesellte sich auch der treue Suzuki zu ihnen. Die Anfangszeiten waren ungewiss und aufreibend. Die beiden Perfektionisten Takahata und Miyazaki arbeiteten nach traditionellen Methoden im kleinen Team und feilten bis zur körperlichen Erschöpfung an Drehbüchern und Regiearbeit. 1988 zahlte sich ihre Mühe aus: Die gleichzeitig erscheinenden Projekte „Die letzten Glühwürmchen“ und „Mein Nachbar Totoro“ – ein „augenblicklicher Klassiker“, dessen Hauptfigur zum Maskottchen des Studios wurde – brachten ihnen Ruhm und Ansehen. „Kikis kleiner Lieferservice“ (1989) nach dem Roman von Eiko Kadono und „Porco Rosso“ (1992), eine „erwachsenere“ Chronik über die Abenteuer von Piloten gegen Ende der 1920er-Jahre, zur Zeit des italienischen Faschismus, bekräftigten Miyazakis Beliebtheit beim japanischen Publikum. Mit „Prinzessin Mononoke“, einem schwierigen Projekt, das 1997 fertiggestellt und irrtümlicherweise als sein letzter Film angekündigt wurde, erlangte Miyazaki weltweite Anerkennung und sprengte Box-Office-Rekorde.
Prinzessin Mononoke - Natur und Kultur
In dem im mittelalterlichen Japan angesiedelten epischen Meisterwerk setzt sich Miyazaki mit den Schattenseiten der eigenen Seele auseinander. Der im Film geschilderte Vernichtungskrieg gegen Natur und Kultur steht für die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, die der Künstler als Kind miterleben musste, und die ihn stark prägte – und bildet einen krassen Gegensatz zur heiteren Welt seiner übrigen Filme, in denen kindliche Unschuld und Mut die schlimmsten Gefahren besiegen.






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