Sie steht seit mehr als 30 Jahren vor der Kamera und arbeitete mit Regisseuren wie Michael Haneke, Axel Corti und Uwe Janson zusammen. Sie spielte auf fast allen großen deutschsprachigen Bühnen, war engagiert am Burgtheater Wien, an den Münchner Kammerspielen, und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Und seit Ende der 1990er Jahre ist Monica Bleibtreu mehrmals jährlich im Kino und im Fernsehen zu sehen. Für die Rolle der krebskranken Bäuerin Maria in „Marias letzte Reise“ ist die Mutter von Moritz Bleibtreu zuletzt mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Sonderpreis des Bayerischen Filmpreises ausgezeichnet worden.
ARTE: Frau Bleibtreu, „Marias letzte Reise“ zeigt das Sterben der Bäuerin Maria. Trotzdem wirkt der Film am Ende hoffnungsvoll – wie konnte das gelingen?
Monica Bleibtreu: Weil der Film trotz seines traurigen Themas eine große Portion Humor hat. Und weil Maria am Ende gewinnt. Man erlebt mit, wie jemand als Siegerin stirbt: Sie stirbt so, wie sie es möchte. Und das ist natürlich eine Gnade. Keiner wundert sich, wenn jemand versucht, sein Leben hinzubekommen. Aber wenn man sein Sterben ordentlich hinbekommen will, wundern sich alle, vor allem die Ärzte.
ARTE: Weil sie weiß, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt ist, hat Maria die Möglichkeit, Abschied zu nehmen.
Ja, sie bittet ihren Sohn aus Australien zu sich, sieht die Enkelin ein erstes und letztes Mal, bis sie sagen kann: „So, jetzt kann ich gehen.“ Und die wichtige Erkenntnis ist, dass man das darf und kann. Wenn man weiß, man muss gehen, dann kann man versuchen, vorher noch alles zu erledigen.
ARTE: Sie haben selbst Ihre Mutter begleitet, als diese an Krebs gestorben ist.
Ja. Obwohl sie langsam gestorben ist und ich das lange vorher wusste und jeder gesagt hat, es ist gut für sie, wenn sie nicht mehr leiden muss, habe ich erst einmal völlig die Orientierung verloren. Aber wir sind uns durch die Krankheit noch mal näher gekommen. Ich musste lernen, ihr Spritzen zu geben und sie so zu betreuen, dass sie ihre Würde nicht verliert. Ich war damals Mitte 40 und total hilflos. Sie war plötzlich die Schwache, ich war die Mama, sie das Kind. Unser Verhältnis hatte sich gedreht, was am Ende schön ist, weil sich ein Kreis schließt.
ARTE: Hat Ihre Mutter sich auch verabschiedet?
Nein, es war das genaue Gegenteil: Sie hat das Sterben überhaupt nicht thematisiert. Maria ist ja sehr hart: „Ich sterbe, basta!“ Bei meiner Mutter durfte man das Sterben gar nicht erwähnen! Es war zwar jedem klar, dass sie stirbt, aber sie tat so, als ob es das nicht wäre. Mir ist erst durch den Film klar geworden, was für ein Wahnsinnstabu das Sterben überhaupt ist.
ARTE: Wie erklären Sie sich, dass dieses Thema in vielen Familien tabu ist, obwohl es gleichzeitig so präsent ist?Ich denke, aus Angst. Meine Mutter mochte nie das Unbekannte. Sie wusste gerne, wo es langgeht. Und der Tod ist nun das Unbekannteste, was es gibt. Die Ärzte haben sich zum Schluss gewundert, dass sie so lange weitergelebt hat. Das gibt es ja manchmal, dass Menschen sich so sehr ins Leben verbeißen, weil sie Angst vor dem Unbekannten haben. Es gibt eine Stelle in „Marias letzte Reise“, die ich besonders gerne mag, da sagt sie: „Ich habe nicht gewusst, dass es so schwer ist.“ Sie meint das Weggehen, das Loslassen.
ARTE: Die Rolle der Maria haben Sie als Glücksfall empfunden. Sind die Rollenangebote besser geworden, seitdem Sie älter sind? Sie drehen immer mehr.
Weil ich nicht mehr fest am Theater bin, aber es hat auf jeden Fall auch mit Moritz zu tun – da schließt sich wieder ein Kreis. Das finde ich absolut romantisch: Man investiert in ein Kind und dann wird das Kind berühmt und der Ruhm kleckert ein bisschen auf einen herunter. Es liegt an der Präsenz des Namens. Als Moritz plötzlich so bekannt wurde, haben sich wohl viele gefragt: „Was ist denn mit der Alten? Die war doch auch nicht schlecht …“
ARTE: Hat es Sie nie geärgert, dass Ihr Sohn Moritz mit weniger Spielerfahrung bekannter geworden ist?
Ach, das wäre aber sehr blöd. Ich muss dazu sagen, je älter ich werde, desto mehr nerven mich Erwachsene, die sich einbilden, sie wüssten es besser – weil man es eben nicht besser weiß. Man hat nur mehr Erfahrung. Ich würde mich von jedem jungen Menschen belehren lassen, weil er einfach einen anderen Blickwinkel hat.
ARTE: Haben sie Angst vor dem Älterwerden?
Nein, das nutzt ja nichts. Wer nicht alt werden will, muss jung sterben – ich weiß nicht mehr, von wem der Satz ist, aber er stimmt. Als junger Schauspieler macht man alles mit Hilfe der Fantasie, weil man keine Lebenserfahrung hat. Je älter man wird, desto mehr kann man eben auf Erfahrungen zurückgreifen.
ARTE: Bei einer Figur wie Maria zum Beispiel?
Naja, vom Sterben weiß ich letztlich nichts, auch wenn ich meine Mutter begleitet habe. Da bin ich doch sehr auf mein Vorstellungsvermögen angewiesen. Aber natürlich muss ich mir weniger ausdenken, weil das Leben, das ich gelebt habe, mir hilft.
Das Gespräch führte David Pfeifer für das ARTE Magazin
Monica Bleibtreu, geb. 1944 in Wien; Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar; lebt in Hamburg.
Filmografie (Auswahl):
„Das Herz ist ein dunkler Wald“ (2006, im Dreh)
„Maria an Callas“ (2006, seit Mai im Kino)
„Verlorenes Land“ (2002)
„Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ (2000)
„Abschied – Brechts letzter Sommer“ (1999),
„Marlene“ (1999)
„Lola rennt“ (1998)
„Lemminge“ (1976)






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

