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19/10/09

Music History St. Pauli

Für internationale Nachwuchskünstler sind die kleineren Clubs auf St. Pauli wichtige Adressen. Damit könnte es bald vorbei sein, denn: Das Clubsterben geht um. Trauer und Zorn sind groß. Auch bei Jan Delay!

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Jan Delay : „Das ganze Areal hier soll abgerissen werden. Und besonders schade ist es halt für mich, wegen diesem schönen Geschäft hier. Das ist nämlich der Waagenbau. Einer der Clubs, die dem ganzen zum Opfer fallen. Und war halt vor allem damals extrem mit unserem Label, unserer ganzen Entertainment Blase verbandelt. Alle das, was es noch zum alten Schanzenviertel gehört, was ja irgendwie zu St. Pauli gehört, ist weg. Und zwar ab dem ersten Januar. Und das ist ziemlich hart! Das ist so das Problem, mit dem wir hier so zu kämpfen haben. Weil, den ganzen Leuten, die rausgeschmissen werden, den werden keine Alternativen geboten von der Stadt. Obwohl hier überall in Hamburg, auch auf St. Pauli überall leer stehende Büroflächen haben. Wie wahrscheinlich in jeder anderen Großstadt in Deutschland auch. Da müssen wir in den nächsten Monaten mal ein bisschen Lärm machen, damit die uns zuhören und verstehen, dass es so nicht weitergeht.„

Ende September ist auf der Reeperbahn nichts von einem Clubsterben zu merken. Ganz im Gegenteil. St. Pauli rockt! Beim Reeperbahnfestival toben die am höchsten gehandelten Nachwuchskünstler über den Hamburger Kiez, die die internationale Musikbranche zu bieten hat. An einem Wochenende bespielen 150 Künstler 24 unterschiedliche Clubs. Eines der vielen Highlights: Die Neo-Soul Diva Oceana. Ihr Auftritt im Moondoo Club lockt außergewöhnliche Besucher. Mit dem Song „Cry Cry“ klettert Oceana europaweit in die Charts, in Russland, Ungarn und Polen gar bis an die Spitze. Der Club, auf dessen Bühne Oceana spielt, ist für Beatles Fans eine historische Adresse. Im ehemaligen Top Ten sammelten die Jungs aus Liverpool Anfang der 60er Jahre ihre Bühnenerfahrung, machten sich fit für die Weltkariere. Hautnah dabei: Der Fotograf und St. Pauli Chronist Günter Zint.

„Das sagt ja auch John Lennon: Geboren bin ich in Liverpool, aber erwachsen geworden und aufgewachsen bin ich in Hamburg. Die haben eine harte Schule hier gehabt. Die mussten jeden Abend zwei, drei Auftritte absolvieren. Weil die Auftritte im Cavern Club und in anderen Clubs in Liverpool, die die Beatles hatten, die kannst Du an einer Hand abzählen. Aber hier in Hamburg hatten sie mehr als hundert Auftritte, wenn man alles zusammen zählt, Indra, Kaiserkeller, Top Ten und Star Club gemeinsam.“


Die Beatles! Ein Hamburger Mythos! Seit einem Jahr ist ihnen ein Museum und ein eigener Platz gewidmet. Günter Zint hat mit seinen Fotos die Erinnerung an die Zeit der Beatles auf St. Pauli bewahrt. Jetzt hat auch die Politik die Bedeutung der Musikhistorie für das Marketing der Stadt erkannt. Die Förderung des Reeperbahnfestivals ist die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Abseits von Beatles Hype und Reeperbahnfestival sieht es um die Livemusik-Szene allerdings düster aus. Etablierte Clubs wie das Molotow kämpfen ums Überleben. Der Strukturwandel hat den Stadtteil fest im Griff. Die vielfältige Musikkultur auf St. Pauli droht zu verschwinden. Andi Schmidt erkrärt: „Generell wichtig ist es, dass es überhaupt Clubs gibt. Mit Clubs mein ich halt Läden, in denen die Musik nicht beliebig ist. Leider geht der Trend dahin auf St. Pauli, dass man einfach Eventgastronomie macht, wo die Musik nur dazu dient, die Leute zum trinken zu animieren. Wichtig ist, dass es ein Programm gibt. Und davon gibt es auf St. Pauli leider immer weniger. „

Das Molotow ist eine Hamburger Musikinstitution. Seit fast 20 Jahren präsentieren sich hier die Bands, denen man heute schon nachsagt, dass sie morgen durch die Decke gehen. Die texanischen Garage-Rocker White Denim wurden beim renommierten Austin Music Award im letzten Jahr zur besten Band gekürt.

Andy Schmidt: „Das Molotow ist – in der Zeitung stand mal – die Kaderschmiede: White Stripes, Hives, Killers, Mano Diao, Maximo Park, solche Bands spielen ihr erstes Hamburg-Konzert im Molotow„. Ohne die Unterstützung privater Mäzene hätte das Molotow bereits ausgespielt. Steigende Mieten und Immobilienspekulation bedrohen die Existenz des kleinen Kellerclubs.

Sind die kleineren Clubs ohne öffentliche Förderung dem Untergang geweiht? Das „Hafenklang“, direkt am Elbufer gelegen, konnte die Kündigung mit Hartnäckigkeit und Phantasie verhindern. Nachdem das historische Gebäude aufgestockt und den neu entstandenen Prestigebauten der Nachbarschaft angeglichen wurde, durfte der Club wieder einziehen. Der raue Charme ging verloren. Die finanziellen Nöte sind geblieben.

Die Crossover Veteranen Mucky Pup - seit über zwanzig Jahren bringen sie Hardcore mit Humor auf die Bühne. Im Hafenklang findet die Band aus New Jersey ihr Publikum. Das Programm des Kulturvereins ist vielfältig, aber nie beliebig. Geht von Soul bis Elektro. Von Punk bis Performance Art. Die Kulturpolitik des Senats wird hier kritisch gesehen. Thomas Hafenklang: „ Die Leute sollen auf Festivals gehen, auf große Festivals, es werden große Events zelebriert mit dickem Sponsoring im Hintergrund, die es ziemlich leicht haben Hochkaräter aus der Musikbranche hinzustellen. Da geben die Leute viel mehr ihr Geld aus. Der kleine Club geht so ein bisschen den Bach runter.“

Für Corny Littmann, „es gibt ja nicht nur die Schließung einzelner Clubs, die immer bedauerlich ist, sondern es gibt ja mittlerweile das große Reeperbahn Musikfestival, was sich in den letzten Jahren etabliert hat, gemausert hat, und sicher in absehbarer Zeit das größte Musikfestival in Deutschland sein wird. Es gibt also beide Entwicklungen„. Impresario und Großgastronom Corny Littmann ist zurecht begeistert. Das Konzept des Reeperbahnfestivals geht auf und ist eine große Chance für den Musikstandort Hamburg. Doch mit der Förderung des Festivals und der Vermarktung der Beatles Historie allein, ist es nicht getan. Ohne strukturelle und finanzielle Hilfe werden zahlreiche kleine Clubs die Aufwertung des Viertels nicht überleben. Die schillernde Clubszene, auf der der Erfolg des Reeperbahnfestivals gründet, droht im Schatten des großen Events zu veröden.

Links

Album

Wir Kinder vom Bahnhof Soul (2009)
Jan Delay
bei Universal

Buch

Zintstoff - 50 Jahre Deutsche Geschichte (2007)
von Günther Zint
Imhof Verlag

Video

Oceana - Cry Cry



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Samstag 17. Oktober 2009 um 03.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2009, 52mn)
ZDF

Erstellt: 15-10-09
Letzte Änderung: 19-10-09


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