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AB 03.03.05 BIS 24.03.05 - 24/02/05

Musik heute filmen

Stéphane Jourdain


Freie Hand für sechs Regisseure:Guillaume Dero, Guy Girard, Jacques Goldstein, Jérôme De Missolz, Anaïs Prosaïc, Claude Santiago.

Ausgangspunkt des Projekts war eine ganz allgemeine, paradoxe Beobachtung: Nur wenige Musikbegeisterte erkennen ihre geliebte Musik wieder, wenn sie für das Fernsehen gefilmt wird. Man hört zu ohne hinzuschauen, so sehr bleibt das Bild hinter der Musik zurück. Zu oft wird Musik falsch verstanden, falsch wahrgenommen und folglich fasch wiedergegeben. Mit der bildlichen Umsetzung wird die Musik ihrer Bedeutungsvielfalt beraubt und einzig auf die Show ihrer Interpretation reduziert.

Dem entgegen stand der Eindruck, dass es durchaus Regisseure gibt, denen Musik etwas bedeutet, die bereit sind, den Stier bei den Hörnern zu packen: Sie behaupten, dass sich organisierter Klang und organisierte Bilder sehr wohl aneinander reiben können und ein Gesamtwerk nicht nur die Summe – oder das Überbleibsel - dieser beiden Ausdruckformen sein muss, sondern aus dem Funken entstehen kann, der durch die Reibung überspringt. Begeisterung statt Langeweile.

Vor diesem Hintergrund beschloss La Huit, für das Fernsehen (als Koproduktion mit Mezzo) und mit dem Festival Banlieues Bleues Filme zu produzieren, die mit Kreativität und großer künstlerischer Freiheit neue Wege beschreiten.Sechs musikbegeisterten Regisseuren wurde freie Hand gelassen. Es entstanden 12 etwa 50-minütige Filme, die sich alle mit der Beziehung zwischen Bild und Musik auseinandersetzen.

Wenn man davon ausgeht, dass es interessant ist, Musik zu filmen, muss man einige grundsätzliche Fragen stellen: Schafft gefilmte Musik neue filmische Ausdrucksformen? Wie kann eine musikalische Form mit einer filmischen Form in Einklang gebracht werden? Welche Verbindung oder welcher Widerspruch entsteht zwischen dem - im Prinzip - rein Musikalischen (Timbre, Rhythmus, Tonlage usw.) und dem Visuellen (Farbe, Umgebung usw.)?

Wie kann ein Musikfilm unsere Musikrezeption verbessern? Und kann die Musik ihrerseits die visuelle Wahrnehmung schulen?

Es galten folgende Spielregeln: Zunächst wurde ein Künstler ausgewählt, dessen Konzert beim Festival Banlieues Bleues zum Soundtrack des späteren Films werden sollte; danach wurde diese Musik in Bilder umgesetzt bzw. auch andere Bilder vertont, denn die Regisseure waren keineswegs gehalten, nur die Musiker zu filmen. Es war auch möglich, mit der Kamera den Konzertsaal zu verlassen, alle Bildquellen durften ausgeschöpft werden und alle Vorschläge waren willkommen (grafische Gestaltung, Text, Format, Farbe, Typographie usw.).

Alle an dem Projekt beteiligten Regisseure haben zwei Filme gedreht: Jérôme de Missolz (Conjure [Kip Hanrahan, Ishmael Reed, Taj Mahal] - 4 Walls); Guy Girard (Instant Composers Pool Orchestra – Sainkho Namtchylak); Claude Santiago (Cheikha Rabia und Bellemou – Justo Valdez, Hommage an Batata); Anaïs Prosaïc (Dave Douglas Septet – Abaton [Sylvie Courvoisier]); Jacques Goldstein (DJ Spooky und Matthew Shipp – Jerry Gonzales); Guillaume Dero (Dirty Dozen Brass BandLe Sacre du Tympan).

Im Ergebnis des Projekts entstanden 12 Filme, die - jeder auf seine Art - die Musik in einen formalen, überlegten Rahmen betten. Alle Regisseure haben bewiesen, dass das Filmen von Musik sich nicht aufs Paraphrasieren oder Unterhalten zu beschränken braucht. Sie alle haben sich das Tonmaterial völlig zu Eigen gemacht (Musik, Geräusche, Texte) und dann damit experimentiert, um eine intensive und enge Beziehung zum Bild herzustellen.

Bezeichnend für alle diese Filme ist die Allgegenwart der Politik: So werden gesellschaftliche Bewegungen wie der Kampf der schwarzen Bevölkerung in den USA, die Lage der Zuwanderer in den französischen Vorstädten und der moderne Krieg in Verbindung mit der zu diesen Erscheinungen gehörenden Musik thematisiert: Jazz, Rai und neue Musikrichtungen. Dabei wird deutlich, dass so mancher Musiker viel zu sagen hat, wenn man ihm nur zuzuhören versteht. Und, dass die Musik bei diesen „ernsten“ Themen nicht außen vor bleibt, sondern sogar – und nun hat es wohl auch der letzte Skeptiker verstanden - sehr viel beizutragen hat.

Bemerkenswert ist auch die innovative und kreative Form dieser Filme; sie reicht vom visuellen Experiment bis zur Konzert-Dokumentation, und lässt immer aufhorchen, sensibilisiert das Ohr.

Es sind 12 ausgesprochen anregende Filme, die die Beziehung zwischen Musik und Bild wieder zu einem Teil unserer Geschichte machen und sie nicht mehr als bloße Unterhaltung behandeln. Sie geben einem zu lange vernachlässigten Genre – hoffentlich auf Dauer - neuen Auftrieb.

Stéphane Jourdain, Produzent

Erstellt: 24-02-05
Letzte Änderung: 24-02-05