Daniel Barenboim: Ich finde die Musikerziehung steckt in einer weltweiten Krise. Es gibt nur sehr wenig Musikerziehung, praktisch gar keine, nicht nur in Frankreich, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt. Das heißt, dass Musik mehr und mehr vom gesellschaftlichen und kulturellen Leben getrennt wird. Musik wird als etwas vollkommen Spezialisiertes wahrgenommen.
Wir werden sehr gute Musiker haben. Da, wo es Musikerziehung gibt, ist sie aber viel zu spezialisiert. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente sehr gut, viel besser noch als vor 10 oder 20 Jahren. Auch das Publikum hat sich „spezialisiert“. Leute gehen in ein Konzert oder in die Oper, weil sie Klänge mögen, weil sie die Musikerfahrung mögen.
Aber Musik wird meines Erachtens leider immer mehr als ein Mittel zum Vergessen empfunden. Man vergisst seine täglichen Probleme und das wirkliche Leben, um in eine Traumwelt von Musik einzutauchen. Ich habe jedoch durch die Musik sehr viel über mich selbst, über die Menschen, über die Welt und über viele Dinge gelernt. Ich will sagen, dass die Verbindung zwischen der Musik und dem Leben der Menschen Gefahr läuft, sich zu verlieren.
Wenn man Musik nur von der spezialisierten Seite vermittelt, d.h.: man muss die Finger hier auf diese oder auf jene Weise ansetzen, um einen Ton sehr schnell zu spielen und das Pedal am Piano zu einem bestimmten Zeitpunkt betätigen, oder auch nicht…, dann verfehlt man die wahre Dimension der Musik. Also versuche ich, wenn ich richtig Musik mache, ihren wirklichen Gehalt zu erfassen. Denn den wahren Gehalt einer Sinfonie von Beethoven kann man nicht in Worte fassen oder benennen. Wenn ich dazu in der Lage wäre, wäre es nicht mehr nötig, sie zu spielen. Der Umstand, dass ich bzw. dass man den Gehalt von Beethovens Sinfonie nicht in Worte fassen kann, bedeutet jedoch nicht, dass sie keinen hat.
Worin besteht also dieser Gehalt? Das muss etwas mit dem menschlichen Dasein zu tun haben. Nun, Beethoven war schließlich nicht nur ein Fachmann für Kontrapunkt und Harmonie, der schwarze Punkte auf ein weißes Blatt gemalt hat. Er hat all seine Kreativität, sein Wesen, sein menschliches Dasein in seine Werke gelegt. Beim Spielen dieser Melodien müssen mein Kollege Zubin Mehta und ich erkennen, worin der wahre Gehalt dieses menschlichen Daseins liegt.
Und genau darin liegt die Stärke dieses Projektes! Und deshalb haben Sie auch nicht ganz Unrecht, wenn Sie sagen, es ginge dabei nicht nur um Musik. Vom spezialisierten Standpunkt aus gesehen, der Musik als Notenkunst definiert, handelt es sich nicht nur um Musik.
Denn diese jungen Musiker lernen. Was lernen sie? Sie lernen z.B. anhand der Sinfonie von Tschaikowski, aus der Sie soeben Ausschnitte gesehen haben. In dieser Sinfonie gibt es ein großes Oboen-Solo, das von einem Ägypter gespielt wird.
Wenn Sie sich den Film genau anschauen, sehen Sie, dass auch alle Israelis – nicht nur sie, aber auch sie – alles dafür tun, dass er es gut spielt, indem sie ihm die klangliche Unterstützung liefern, die er braucht. Und er ist in diesem Moment kein Opfer israelischer Gewalt, oder wie immer Sie es nennen mögen. Aber bei den letzten acht Takten zieht er sich aus seiner Rolle als Solist zurück und fügt sich in das Kollektiv ein, und es folgt das Horn-Solo, das in diesem Stück zufällig von einem Israeli gespielt wird. Das ist es, was sie lernen. Wie sie sich entwickeln werden, das wird sich zeigen.
Video (7/7) (4'43"; Real video)Barenboim im Gespräch... weitere Artikel:
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