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Interview - 27/08/07

Muslime in Europa

Wie leben Muslime in Europa, wie steht es um ihre Integration und wie aktiv sind islamistische Bewegungen in Europa? Auf diese und andere Fragen antwortet Prof. Dr. Dietrich Reetz, Koordinator der derzeit laufenden Studie "Muslime in Europa" am Berliner Zentrum Moderner Orient (ZMO).

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Dietrich Reetz © Hiroki Mano
Herr Prof. Reetz, welche Ziele verfolgt die Studie „Muslime in Europa und ihre Herkunftsgesellschaften in Asien und Afrika im Vergleich“?

In fünf Studien von islamischen Bewegungen und zwei Studien zu islamischen Institutionen versuchen wir zu verstehen, wie Muslime religiöses Leben gestalten, welche Vorstellun- gen von Europa sie haben und wie sie die Verbindungen mit ihren Herkunftsgesellschaften leben.

Oft wird behauptet, der Islam sei nicht mit den Werten des „christlichen Abendlandes“ vereinbar. Doch die europäische Lebenswelt hat auch Auswirkungen auf den Glauben der hier lebenden Muslime. Entsteht ein „Euro-Islam“?

Es ist nicht sicher, ob man inzwischen von einem Euro-Islam sprechen kann, auch wenn einige ihn so bezeichnet haben. Wo der Begriff fällt, wird oft etwas sehr verschiedenes darunter verstanden, so bei dem Wissenschaftler Bassam Tibi, der ihn in Gegensatz zu einem politischen Islamismus setzt, oder der Muslim-Aktivist Tariq Ramadan, dem es darum geht, als Muslim in Europa zu leben. Mit Sicherheit ist es jedoch so, dass viele Muslime in Europa ihr Leben auch in Übereinstimmung mit der Religion führen wollen und sich dabei gleichzeitig als Teil der europäischen Gesellschaft verstehen. Vielfach geht es dabei um eine Interpretation des Islam und dessen Vorschriften für den Alltag. Dafür gibt es aber auch eine lange Tradition im Islam, denn immer schon haben Minderheiten in anderen religiösen Kontexten gelebt und sich angepasst. Gleichzeit ist darin der Wunsch vieler Muslime, insbesondere der zweiten und dritten Einwanderergeneration, erkennbar, als selbstbewusster und eigenständiger Teil Europas wahrgenommen und anerkannt zu werden. Dabei nimmt sowohl das Bestreben zu, den Islam in Übereinstimmung mit religiösen Autoritäten zu leben, als auch der Wunsch, ihn unabhängig, entsprechend den Bedürfnissen in der heutigen Gesellschaft zu interpretieren. Leider wird jedoch dieser Prozess durch die politische Polarisierung belastet. Das macht es schwer, Lösungen zu finden, die oft einer längeren Zeit der Aushandlung bedürfen.

Welche Rolle spielen die Frauen in diesem Prozess?

Entwicklungen des Islam in Europa sind keineswegs homogen. Das trifft sicher auch auf das Auftreten von Frauen zu. Es ist jedoch kein Zufall, dass Frauen in Verbindung mit dem Islam gegenwärtig stärker wahrgenommen werden. Muslimische Frauen treten in Europa zunehmend selbstbewusst auf. Das trifft sowohl auf Frauen mit einem säkularisierten Selbstverständnis, als auch auf jene zu, die sich direkt in Bezug zur Religion setzen und das Recht für sich in Anspruch nehmen, sich auch öffentlich mit dem Islam zu identifizieren. Religiöse Organisationen des Islam nehmen darauf in Europa verstärkt Rücksicht, so wenn es darum geht, Frauen den Zugang zur Moschee zu erleichtern. Dabei wehren sich muslimische Frauen dagegen, nur über ihre religiöse Identität wahrgenommen zu werden.

Viele Europäer haben Angst vor einer „schleichenden Islamisierung“ unseres Kontinents. Sie untersuchen in Ihrer Studie die Auswirkungen des Agierens islamischer Missionsbewegungen in Europa. Führt diese Missionstätigkeit nicht zu einer weiteren Ausgrenzung der Muslime?

Dass Muslime ihre Religion selbstbewusst vertreten, sollte uns in Europa nicht überraschen. Das hat auch im Christentum eine lange Tradition. Wenn wir uns bewusst werden, dass Muslime heute zu Europa gehören, werden wir auch mit den unterschiedlichen religiösen Aktivitäten umzugehen lernen müssen. Dabei ist dies sicher ein zweiseitiger Lernprozess. Muslimische Organisationen sind dabei herauszufinden, wie sie sich auf die Gegebenheiten der europäischen Gesellschaft stärker einstellen können. Nicht-muslimische Europäer lernen, nicht jede religiöse Äußerung von Muslimen als Bedrohung wahrzunehmen. Wie in dieser Situation Missionsbewegungen agieren und sich möglicherweise auch verändern, wollen wir dabei erst noch in Erfahrung bringen.

Welche Rolle spielen Konvertiten - Europäer, die zum Islam konvertieren - im Integrationsprozess? Welchen Einfluss haben sie innerhalb der muslimischen Gemeinde und nach außen?

Sowohl muslimische Organisationen als auch die europäische Gesellschaft könnten Konvertiten als eine Art kulturelle und religiöse Brücke betrachten.
Es ist heute schon erkennbar, dass sie in vielen Gruppen eine zunehmend einflussreiche Rolle spielen, wo es darum geht, sich stärker auf die Befind- lichkeiten der europäischen Gesellschaft einzustellen. Wenn wir es mit der Freiheit der Religionsausübung ernst meinen, sollten muslimische Konvertiten nicht als Bedrohung wahrgenommen werden. Das wirft allerdings die Frage auf, ob muslimische Gruppen akzeptieren können, dass auch Muslime ihre Religionszugehörigkeit ändern.

Welche Beobachtungen haben Sie bisher bezüglich muslimischer Bildungseinrichtungen in Europa gemacht? Fördern sie die Integration oder führen sie eher zu Abgrenzung, zu Isolation?

Wenn wir unter Bildungseinrichtungen eher allgemeinbildende, konfessionell bestimmte Privatschulen verstehen, dann gehören sie für viele Religionen in Europa schon längst zum Alltag. Der Islam und die in Europa lebenden Muslime stehen hier vergleichsweise erst am Anfang. Islamische Schulen, die reguläre Schulabschlüsse anbieten, haben sich in den letzten Jahren besonders in den Niederlanden und Großbritannien ausgebreitet. In beiden Ländern gibt es eine politisierte Debatte über die staatliche Finanzierung dieser Schulen. In Deutschland haben wir bisher kaum Erfahrungen mit solchen islamischen Bildungseinrichtungen machen können, wobei der Bedarf bei muslimischen Eltern offenbar vorhanden ist und weiter wächst. Inwieweit islamische Schulen die Integration fördern, hängt in starkem Maße davon ab, wie sie neben einem religiösen Umfeld auch ein erstklassiges allgemein bildendes Angebot unterbreiten können. Danach entscheiden letztlich die Eltern auf dem sich entwickelnden Bildungsmarkt, was Untersuchungen zu islamischen Schulen in England und den Niederlanden gezeigt haben.

Wie aktiv sind islamistische Bewegungen in Europa?

Wenn man unter islamistischen Bewegungen eher politische Gruppen versteht, dann müssen sie sich in ihrer Betätigung in Europa an die entsprechende Rechts- und Verfassungsordnung halten. Dem stimmen in der Regel auch alle muslimischen Verbände zu. Bisher gibt es noch keine islamischen politischen Parteien. Versteht man unter Islamismus im weiteren Sinne aber religiösen Aktivismus im öffentlichen Raum, dann ist durchaus ein Anwachsen der Selbstorganisation europäischer Muslime festzustellen. Auch Gruppen aus den Herkunftsländern sind in Europa aktiv. Dabei gibt es auch hier ein sehr breites Spektrum, das von eher auf Frömmigkeit bedachten Bewegungen bis hin zu radikalen oder gar militanten Aktivisten reicht. Nach bisherigem Überblick handelt es sich bei den Letzteren eher um Randerscheinungen, mit denen sich auch die Sicherheitsbehörden der europäischen Länder auseinandersetzen. In Einzelfällen nutzen islamische Gruppen auch die europäische Rechtssicherheit, um sich den Repressionen in ihren Herkunftsländern zu entziehen, wie z.B. die aus Südasien stammende Reformgemeinde der Ahmadiya, die in Pakistan verfolgt wird. In letzter Zeit gibt es auch verstärkt Bemühungen, politisch aktive Muslime in Dialogforen und andere Organisationsformen der europäischen Zivilgesellschaft einzubeziehen. Verschiedene europäische Parteien haben inzwischen muslimische Abgeordnete, die auch eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielen.

Viele in Europa aufgewachsene junge Muslime möchten selbstbewusst ihre Religion leben. Was können die europäischen Gesellschaften tun, damit diese jungen Menschen nicht in die Netze islamistischer Extremisten geraten?

Ich denke, es ist für alle wichtig zu vermeiden, die Fragen der Religions- ausübung für politische Zwecke zu benutzen. Es scheint wichtig, den Grund- konsens darüber zu stärken, dass alle Bürger in Europa unabhängig von ihrem Glauben die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten besitzen und dabei die Rechts- und Verfassungsordnung einhalten müssen. Eine Politisierung des Zusammen- lebens mit Muslimen sowohl seitens westlicher Politiker als auch durch Führer islamistischer Gruppen kann diesen Aushandlungsprozess nur behindern.

Das Interview führte Elisabeth Stirnemann.

Erstellt: 23-08-07
Letzte Änderung: 27-08-07