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Interviews, Hintergründe und Filmkritiken rund um den Schwerpunkt "Neues Deutsches Kino" auf ARTE.

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Neues Deutsches Kino - 20/10/08

Muxmäuschenstill

Auf Arte am 01.10.2008 / Wdh. 20.10.08 um 3 Uhr


„Muxmäuschenstill“ ist ein grandioses Debut über einen zwiespältigen urdeutschen Helden in der Tradition von Faust und Nietzsche.

  • Muxmäuschenstill

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Synopsis: Die Welt geht vor die Hunde und Gott ist tot – auch und gerade in der deutschen Hauptstadt. Weil die immer verantwortungslosere Menschheit dringend auf den Weg der Besserung gebracht werden muss, hat MUX (Jan Henrik Stahlberg), den Kampf gegen Unrecht und Gleichgültigkeit aufgenommen. Mux, der Philosoph des Alltags, der Faust und Houellebecq zitiert, hasst die so genannten Bagatelldelikte, wie Geschwindigkeitsübertretungen, Schwarzfahren, Graffiti-Sprayen und zieht die Täter mal mit Sofortkasse, mal mit körperlicher Gewalt gnadenlos zur Verantwortung.
Dabei hilft ihm nicht nur seine Pistole ‚Mäuschen’, sondern auch der willenlose Langzeitarbeitslose Gerd, der den Kampf für eine bessere Welt mit der Kamera dokumentiert. Da Mux dabei auch manches Gesetz brechen muss, bleibt sein Handeln nicht ohne Folgen.

Kritik: So jemanden wie Mux haben viele hierzulande insgeheim sehnlich erwartet – einen idealistischen Leinwandhelden des Alltags, weder links, noch rechts, der Roland Koch und Dieter Bohlen seine Verachtung ins Gesicht spuckt und im Angesicht einer immer gröber werdenden Horde von Falschparkern, Schwarzfahrern, Geschwindigkeitsübertretern, Kinderschändern das Recht in eigene Hände nimmt.

Wie groß das Bedürfnis nach neuen moralischen Mabstäben ist, erfuhren die beiden Freunde und ehemaligen Schauspielschüler Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg nach der Premiere ihres 2004 auf dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken vielfach ausgezeichneten Erstlingsfilms - viele Zuschauer hielten ihre vor Sarkasmus triefende Komödie für einen Dokumentarfilm und erkundigten sich, wie man Mitglied im Club der ‚Muxisten’ werden könnte.

Dabei trägt Mux, gespielt von dem deutschen Serienschauspieler Jan Henrik Stahlberg, der auch das Drehbuch schrieb, durchaus ziemlich psychopathische, ja faschistoide Züge. Zunächst ist es noch ziemlich lustig, wie er einen Raser mit vorgehaltener Pistole dazu zwingt, das Lenkrad seines aufgespoilten Wagens abzuschrauben und ihm einen wütenden Vortrag über die unzähligen Unfalltoten hält. Oder einen aufsässigen Schüler in die Ecke stellt und ihm eine Schweinsmaske aufsetzt. Doch seine Methode zur Einführung eines neuen Gemeinsinns hat bei aller Tugendhaftigkeit einen ziemlich schulmeisterlichen Tonfall. Das korrekt Joviale seines Umgangstons kann dabei gelegentlich abrupt in Gewalt umschlagen. Insofern ist Mux ein größenwahnsinniger Nachfolger von Travis Bickle/Robert de Niro in Taxi Driver und mindestens genauso charismatisch wie gefährlich.

„Muxmäuschenstill“ ist ein grandioses Debut über einen zwiespältigen urdeutschen Helden in der Tradition von Faust und Nietzsche. Die Stärke dieses elliptischen, im Guerilla-Stil mit zwei DV-Kameras gedrehten Episodenstücks besteht gerade darin, dass der Film mit nur 40 000 Euro, 25 Drehtagen und ohne die übliche finanzielle Hilfe von Filmförderung und Fernsehanstalten auskommen mußte. Kein Gremium, kein Redakteur konnte so mit seiner Forderung nach Ausgewogenheit die unbekümmerte Radikalität des Films zerreden, kein aufgeblähter Produktionsapparat den rauschhaften, chaotischen Entstehungsprozess zerstören.

Martin Rosefeldt
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Mittwoch, 01. Oktober 2008, um 22.30 Uhr, Wdh. am 20. Oktober 2008 um 3 Uhr
Muxmäuschenstill
Regie: Marcus Mittermeier
Drehbuch: Jan Henrik Stahlberg
Darsteller: Jan Henrik Stahlberg, Fritz Roth
Deutschland, 2004, 90’
ARTE/ARD

Erstellt: 16-09-08
Letzte Änderung: 20-10-08