Nachdem der dänische Vererbungsforscher Wilhelm Johannsen das Wort "Gen" vor rund 100 Jahren eingeführt hatte, wollte er wissen, welchen Anteil diese Erbanlagen an den sichtbaren Erscheinungen von Organismen haben. Er arbeitete mit Bohnen, konzentrierte sich auf einfache Parameter wie Höhe der Staude und Größe der Frucht und kam zu einem eleganten Schluss: Der jeweilige Mittelwert – so Johannsen – werde durch die Gene festgelegt, während die Anweichungen den Einfluss der Umwelt zeigten.Vielleicht sollte uns diese Einsicht als Richtschnur dienen, denn es sind ganz sicher unsere Gene, die festlegen, dass wir Menschen werden. Wenn wir allerdings wissen wollen, welche Menschen wir werden, dann brauchen wir mehr Faktoren, die eine Rolle spielen, und sie entstammen weniger der Natur und mehr der Kultur. Wer hat nicht davon gehört, wie sehr ein einzelnes Leben von der Lektüre eines Buches, dem Hören eines Musikstückes oder der Begegnung mit einem anderen Menschen beeinflusst worden ist?
Die große Zeit der Milieutheoretiker brach an
Natürlich kann man sagen, dass alles genetisch ist, denn wenn wir zum Beispiel auf Musik reagieren, dann tun wir dies mit unserem Hörapparat bzw. den dafür zuständigen Regionen des Gehirns, deren Aufbau wir letztlich den Genen verdanken. Aber diese banale Einsicht konnte in den letzten Jahren um raffinierte Zwischentöne bereichert werden, die deutlich machen, dass es Gene in uns gibt, die erst nach geeigneten Erfahrungen in Aktion treten. Gene werden auf diese Weise zum Mechanismus der Erfahrung, und das moderne Schlagwort heißt deshalb nicht mehr "Nature or Nuture", sondern "Nature via Nurture". Auf Deutsch: „Die Gene mit Hilfe der Umwelt“.
Vielen Genetikern scheint die strenge Alternative heute so sinnlos wie die Frage, welchen Anteil eine Länge an einer Fläche hat. Aber dies ist nicht immer so gewesen, und im Laufe des 20. Jahrhunderts hat es starke Schwankungen in Hinblick auf die Bewertung von Genen und Umwelt gegeben. Als Beispiel kann vor allem auf die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verwiesen werden, als sich viele Wissenschaftler mit Abscheu von dem Rassenwahn der nationalsozialistischen Ideologie abwandten und es auf keinen Fall mehr riskierten, biologische Erklärungen der besonderen Fähigkeiten des Menschen – Intelligenz, Sprachfähigkeit, Musikalität – zu versuchen. Damals brach die große Zeit des Milieus und der Milieutheoretiker an, die behaupteten, dass Menschen allein durch ihre Umwelt geformt würden. Der Psychologe B. F. Skinner behauptete unter großer Zustimmung in den 1950er Jahren, aus jedem Menschen einen Arzt oder Musiker machen zu können, wenn er nur rechtzeitig seinem Verhaltensprogramm unterworfen würde.
Mitte der 60er Jahre entstand die Mär vom "Verbrecherchromosom"
Die ersten Zweifel an der Milieutheorie tauchten in der Mitte der 1960er Jahre auf. Im Dezember 1965 erschien in der renommierten Zeitschrift Nature ein Aufsatz, der das Vorhandensein bestimmter Chromosomen mit einem negativen Sozialverhalten korrelierte. Menschen verfügen im Normalfall über zwei Geschlechtschromosomen, die X und Y genannt werden. Zwei X-Chromosomen finden sich bei Frauen, ein X- und ein Y-Chromosom zeigen sich bei Männern. In der Natur gibt es immer wieder Abweichungen, und so leben viele Männer, die drei Geschlechtschromosomen haben, und zwar ein X und zwei Y. Wie nun 1965 gemeldet wurde, schienen Männer mit der XYY Kombination besonders leicht gewalttätig zu werden, und durch ein Gemisch von hektische Forschung und allzu rascher Popularisierung entstand bald die Mär von den Verbrecherchromosomen. Man brauchte bis in die Mitte der 1970er Jahre, um diesen Unsinn als solchen zu entlarven, aber ganz aus den Köpfen verschwunden ist die Vorstellung immer noch nicht, dass es allein die Gene sind, die einen Menschen auf die schiefe Bahn bringen können.
Die 1960er Jahre sahen auch das Aufkommen der Behauptung, dass Intelligenz, gemessen über so genannte IQ-Koeffizienten, erblich festliege und durch keine Schulbildung beeinflusst werden könne. Dies wurde von weißen Wissenschaftlern verkündet, die das genetische Anderssein schwarzer Menschen in politische Münze verwandeln wollten. Doch selbst wenn wir die rassistische Motivation solcher bis heute vertretenen Thesen übersehen, bleibt die wissenschaftlich längst festliegende Erkenntnis, dass es genetische Beiträge zur Entwicklung der menschlichen Intelligenz gibt. Damit ist nicht gemeint, dass es Gene für Intelligenz oder eine ähnlich hoch bewertete Qualität gibt. Damit ist nur gemeint, dass sich Intelligenz als nützlicher Faktor in der Evolution bewährt hat und es die Möglichkeit geben muss, sie von einer Generation an die andere weiter zu geben (auch wenn das nicht immer gelingt).
Zurzeit erleben wir die Dominanz genetischer Forschung am Beispiel zahlreicher Genomprojekte (d. h. in der Offenlegung der menschlichen Gene). Zu den wesentlichen Einsichten dieser Forschung gehört die Feststellung, dass es beim Menschen viel weniger Gene gibt, als man im Laufe der Geschichte angenommen hat. Als das humane Genomprojekt zu Beginn des 21. Jahrhunderts an sein vorläufiges Ende gekommen ist, musste man den Schluss ziehen, den eine britische Zeitung als Schlagzeile so formulierte: „Environment, not genes, key to our acts.“ Bei so wenigen Genen ist es die Umwelt, die zählt. Gut, dass uns die Evolution darauf vorbreiten konnte, indem sie uns mit den passenden Genen ausgestattet hat. Wir müssen nutzen, was wir besitzen, und wir können das lernen.






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