- Synopsis
Nach zwei Jahren treffen sich Vater Marcel (Milan Peschel) und Sohn Sebastian (Sebastian Butz) wieder – Sebastian lebt sonst bei seiner Mutter. Der Sohnemann räumt auf im Leben seines arbeitslosen Vaters, der mit viel Alkohol seinem Bankrott gegangenen Laden für Alarmanlagen nachtrauert. Doch Erziehung wird nicht unbedingt einfacher dadurch, dass zur Abwechslung mal der Sohn die Führung übernimmt.
- Der Kommentar zum Film
Schon erstaunlich, wie schnell und mit wenig Mitteln man einen Film auf die Beine stellen kann, wenn man wirklich will. Der 1975 geborene Regisseur Robert Thalheim schrieb das Drehbuch alleine in drei Monaten und drehte den Film in nur zwei Wochen – für sage und schreibe 5000 Euro. NETTO entstand im Rahmen eines Seminars unter der Leitung des deutschen Filmemachers Rosa von Praunheim. Der sagt seinen Studenten: „Wenn ihr Regisseure sein wollt, dann müsst ihr drehen, drehen, drehen.“ Recht hat er. Das Ergebnis des Schnittmarathons aus 50 Stunden Rohmaterial auf DV lässt sich sehen. Für einen Filmemacher, der noch mitten in seinem Studium steckt, eine große Leistung.Mit Milan Peschel, der sonst im Ensemble von Frank Castorf spielt hat Thalheim gekonnt gecastet. Peschel überzeugt in der Rolle des charmanten Losers. Er ist ein sympathischer Donald Duck inmitten einer Welt die vom Kapitalismus regiert wird. Er stellt dem seinen eigenen kleinen Mikrokosmos entgegen, in dem Peter Tschernig, der „Ostberliner Johnny Cash“ den Soundtrack schreibt. Doch schon die Studentin aus dem Stockwerk über ihn interessiert sich nicht für seine nostalgischen Songs. Dabei besitzt Tschernigs Musik wunderschöne Texten, etwa – passend zum Film – „Mein bester Kumpel ist und bleibt mein Vater“.
Sebastian Burz als pubertierender Sohn wirkt bisweilen erwachsener als sein Vater; schauspielerisch bringt er ebenfalls eine sehr gute Leistung. Sebastian beschließt, das Leben seines Vaters mal ein wenig zu ordnen, dazu gehört auch, dass er sich die Bewerbungsschreiben seines Vaters durchliest, um anschließend zu einem vernichtenden Urteil zu gelangen: „Also, mal abgesehen von deiner Form hast du auch überhaupt kein Profil“.
Netto ist ein hübscher kleiner Film, mehr aber auch nicht. Dass er gleich einen Kinostart in Deutschland bekommt, liegt vielleicht auch daran, dass die Thematik im Rahmen von Hartz IV – Diskussionen gerade brandaktuell ist. In seiner realitätsnahen Umsetzung lässt sich Netto durchaus als inspirierender Beitrag zu diesem Thema sehen.
- Das Bonusmaterial
Innovativ ist das Quiz, das Bestandteil der Bonustracks ist. Hier kann jeder Zuschauer selbst testen, wie aufmerksam er den Film verfolgt hat. 1. Frage etwa: Was bestellt Marcel beim Vietnamesen? Frühlingsrollen, Grünen Tee oder Clausthaler? 2. Frage, diesmal zum Berufsbild Marcels, des Personenschützers. Wie endet der Satz: „Wenn Clinton so geschützt worden wäre wie Kennedy,“ dann
–hätte er keine Chance bei Monika Lewinsky gehabt
–dann wäre er bereits 23x ermordet worden
–dann könnte er nicht joggen gehen
Beantwortet der Zuschauer die Frage richtig, läuft sozusagen als Belohnung die Filmszene weiter. Bei den entfallenen Szenen ist auch die Lieblingsszene von Sebastian Butz dabei, der Marcels Sohn verkörpert. Vater und Sohn sitzen beim Sonnenuntergang mit einem kleinen Grill auf der Strasse und sehen sich die vorbeiziehenden Leute an. Marcel beginnt mit der Gitarre eines seiner Lieblingslieder von Peter Tschernig zu spielen, „Ich fahr das Taxi 408.“ Erst ist sein Vater Sebastian fast peinlich vor den vorbeispazierenden Gleichaltrigen, nach einer Weile jedoch singt er sogar mit. Auch ein kurzes – leider entfallenes – Gespräch über ein Quiz in einer Computerzeitschrift, bei der man echte Busen von Silikonbusen unterscheiden soll ist sehr unterhaltsam. Es endet in einem nachdenklichen Aufklärungsgespräch des Vaters, der etwas schockiert ist, solch ein Quiz in einer Computerzeitschrift für Jugendliche zu finden. D och kann er es gleichzeitig nicht lassen, sich sofort als Experte für Fragen dieser Art zu outen.Im Interview erklärt der junge Regisseur Robert Thalheim über seine Regiearbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg (HFF). „Ich habe mir die Frage gestellt, wie kann man Arbeitslosigkeit mit einer konkreten Geschichte umsetzen, ohne pädagogisch zu sein.“ Diese Aufgabe ist ihm hervorragend gelungen. In einem Vietnamimbiss hatte der Regisseur eine Begegnung mit einem Arbeitslosen, der ihm sein gesamte Biographie erzählte. Dieser gestand ihm: „Ich habe mein Leben verpfuscht, aber auf meinen Sohn bin ich wirklich stolz.“ Auf seine Hauptdarsteller ist Robert Thalheim auch sehr stolz: „Milan Peschel strahlt eine menschliche Wärme aus, die er auch in der Lage ist zu zeigen.“ Die Ernsthaftigkeit und der Humor von Sebastian Butz - der den Sebastian spielt – begeistert ihn. Countrymusik hat er sich ausgesucht, um eine zusätzliche Ebene für die Träume Marcels zu schaffen. Denn „In einem Countrysong ist die Welt einfach: Es gibt Männer, Frauen und ein weites Land.“ Weil oft improvisiert wurde, sind Ton und Bild nicht immer perfekt – aber, meint der Regisseur: „Das Bild repräsentiert auch die Neugierde des Zuschauers, in dem Fall also des Teams selbst, die beim Improvisieren selbst Zuschauer waren.“ Interessante Interviews mit den Hauptdarstellern und Stephanie Koetz sind ebenfalls bei den Bonus Tracks zu finden.
Nana A.T. Rebhan
Netto gewann 2005 den Förderpreis Langfilm des Max-Ophüls-Festivals und bei den 55. Internationalen Filmfestspielen in Berlin den Preis Dialogue En Perspective, Sektion Perspektive Deutsches Kino.

NettoLand/Jahr: Deutschland 2004
Genre: Komödie
Darsteller: Milan Peschel, Sebastian Butz, Stephanie Charlotta Koetz, Christina Große
Regie: Robert Thalheim
Produktion: Matthias Miegel
Laufzeit: ca. 86 Minuten
Kinostart 05. Mai 2005
Auf DVD erhältlich: ab 07.02.2006
Technische AngabenBildformat: 16:9 Widescreen (1.78:1)
Tonformat: Dolby Digital 5.1 (Deutsch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
FSK: ab 12 Jahren
Sprachen: Deutsch, Englisch, deutsche Untertitel
Extras-Bildergalerie
-Quiz
-Entfallene Szenen
-Interviews
-Trailer






per E-Mail verschicken
Eine Vater-und-Sohn-Geschichte
Facebook
Twitter
RSS

