Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac hat am 25.1.2005 in Paris das „Mémorial de la Shoah“ – ein Gedenk-, Forschungs- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust eingeweiht.
Eine Institution mit einer langen Geschichte: 1943 verschafften sich Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Grenoble Dokumente der Gestapo über die Verfolgung der Juden in Frankreich und gründeten das „Centre de documentation juive contemporaine“. In den Fünfziger Jahren folgte dann im historischen Marais-Viertel von Paris die Errichtung eines Mahnmals für die Opfer der Shoah – das „Mémorial du martyr juif inconnu“. Das Gebäude wird auch die Heimat des jüdischen Dokumentationszentrums – seit Jahrzehnten eine wichtige Adresse für die jüdische Gemeinde und für Historiker. Das neue „Mémorial de la Shoah“ soll nun ein größeres Publikum anziehen – es versteht sich als d i e europäische Referenz-Institution neben dem Holocaust-Musuem in Washington und Yad Vashem in Jerusalem.
oder werfen Sie einen Blick in das Manuskript des Beitrags, der am 25.1.2005 im Journal von SWR2 ausgestrahlt wurde:
Drei Jahre lang war es geschlossen, wurde das Dokumentations- und Gedenkzentrum im Pariser Marais-Viertel um- und neugebaut. Am 27. Januar, dem 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, wird das neue „Mémorial de la Shoah“ nun endlich für Besucher geöffnet sein. Eine Eröffnung an einem Gedenktag, der bei der jüdischen Gemeinde in Frankreich schmerzvolle Erinnerungen weckt. Erinnerungen daran, wie isoliert sich die Überlebenden der Shoah im Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit fühlten, sagt Jacques Fredj, Direktor des „Mémorial de la Shoah“:
"Wir sind immer noch sehr zurückhaltend, was den Begriff Befreiung angeht. Denn die Befreiung von Auschwitz, die Befreiung von Paris – das waren Momente, die die Juden völlig anders erlebten. Für die französische Bevölkerung waren das verständlicherweise freudige Ereignisse. Für die Juden aber war es ein Moment der Trauer, man zählte die Toten, versuchte Familienangehörige wiederzufinden, die Waisenkinder, die in Verstecken überlebt hatten. Die jüdische Gemeinde war kleiner geworden."An die Gleichgültigkeit der französischen Nachkriegsgesellschaft erinnert auch die heutige Präsidentin der Stiftung für das Gedenken an die Shoah, Simone Veil. Im April 1945 wurde sie aus dem KZ Bergen-Belsen befreit. Eine ihrer Schwestern hatte als Resistance-Kämpferin im KZ Ravensbrück überlebt. In einem Interview erzählt Simone Veil, wie die Schwester bei der Rückkehr nach Frankreich als Heldin gefeiert wurde – während sich im Gegensatz dazu niemand für das Schicksal der Überlebenden des Holocaust interessierte. Resistance-Kämpfer waren gern gesehene Helden im Nachkriegsfrankreich – Holocaust-Überlebende aber erinnerten an die Rolle der französischen Vichy-Regierung, die die Deutschen bei der Verfolgung der Juden in Frankreich tatkräftig unterstützte. Die kollektive Amnesie der französischen Gesellschaft währte 50 Jahre. Erst 1995 hat Staatspräsident Chirac in einer offiziellen Erklärung die Verantwortung des französischen Staates für die Verfolgung der Juden in Frankreich anerkannt. Und erst dann, so Jacques Fredj, war die Erinnerung, wie er sagt „befriedet“:
"Von diesem Moment an konnte man beginnen, echte Fragen zu stellen, wurde den Opfern der Opfer-Status zuerkannt. Erst dann konnte die Arbeit der Erinnerung, der historischen Auseinandersetzung und die Trauerarbeit der jüdischen Familien wirklich beginnen. Ich nenne das eine „Befriedung“. Denn seit der Erklärung des Staatspräsidenten fühlen sich viele Juden mit ihrer Geschichte versöhnt, mit der Geschichte ihres Landes, des Landes, in dem sie leben."Im Zeichen dieser Versöhnung steht nun auch die Neu-Eröffnung des Pariser Gedenkzentrums. Wer sich von der Straße kommend dem Eingang nähert, findet sich zunächst zwischen drei hohen Mauern wieder. In hellen Marmor sind da Name, Vorname und Geburtsjahr von 76-tausend Menschen eingraviert – die Namen der jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die von 1942 bis 44 aus Frankreich deportiert und in Auschwitz ermordet wurden. Diese „Mauer der Namen“ soll den Besuchern auf einen Blick das Drama der Shoah begreiflich machen – so Eric de Rothschild, Präsident des „Memorial de la Shoah“:
"Mit der Mauer schenken wir diesen Menschen eine Art Grabstätte, sagt er. Einen Grabstein. Ihre Familien und Freunde hatten bisher keinen Ort der Besinnung. 76-tausend Menschen sind keine namenlose Masse – es sind 76-tausend Individuen. Und das wollen wir hervorheben: das gebrochene Schicksal jeder einzelnen Person, die während der Shoah verschwunden ist."Dieser Blick auf Einzelschicksale setzt sich wie ein roter Faden in den Ausstellungen des neuen Gedenk- und Dokumentationszentrums fort. Auf eine Wand im Eingangsbereich sind Fotografien projiziert. Großformatige, leicht unscharfe Aufnahmen zeigen etwa einen Mann in Motorradmontur, einen Rabbiner beim Gebet, lachende Frauen und Kinder am Strand – dann folgen noch einmal dieselben Bilder, scharf, im Ausschnitt: die lachenden Mädchen im Badeanzug, lesen wir, heißen Arlette, Rose, Margarete und Liliane Bloch. Sie wurden in Auschwitz ermordet.
Tagebücher, Fotos, Augenzeugenberichte, individuelle Lebensgeschichten stehen auch in der neuen Dauerausstellung im Vordergrund. Das Dokumentationszentrum mit einem Bestand von über einer Million Dokumenten hat in der vierten Etage neue Räumlichkeiten bezogen – ergänzt durch einen frei zugänglichen Multimedia-Bereich im Erdgeschoss.
Seit Jahrzehnten schon eine wichtige Adresse für die jüdische Gemeinde und für Historiker, will das erweiterte und neu konzipierte „Memorail de la Shoah“ 60 Jahre nach Kriegsende nun heraus aus der Isolation – will, auch angesichts aktueller anti-semitischer Ressentiments und Gewalt, d i e Referenz-Institution in Europa werden – neben dem Holocaust-Museum in Washington und Yad Vashem in Jerusalem. Konkurrenz aus Deutschland – im Hinblick etwa auf das Berliner Mahnmal-Projekt – fürchten die Verantwortlichen übrigens nicht. Denn, so sagt Jacques Fredj, heute werden keine eindrucksvollen Monumente gebraucht, sondern Bildungseinrichtungen.