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ARTE & Leipziger Buchmesse - 28/03/06

Neue Krimis

  • Andrea Maria Schenkel am 17. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseAndrea Maria Schenkel: „Tannöd“
    Einhausen, Oberpfalz 1954: Auf Tannöd sind der Bauer, die Bäuerin, die alte Bäuerin, die Magd und alle Kinder erschlagen. Ein Dorf versucht zu begreifen. Zeugen reden um den leeren Raum, dazwischen Gebetslitaneien. Selten war die Heimat so schwarz. Ein Debüt, sehr nah dran.

  • David Peace am 17. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseUngewöhnliche Krimikarrieren:
    David Peace, Heinrich Steinfest, Elisabeth Herrmann und Andrea Maria Schenkel im Gespräch

  • Die 10 besten Krimis 2005

  • Der Mörder saß im Wembley-Stadion
Ein alter neuer Krimi von Erich Loest
Rezension von Ariane Thomalla

„Der Mörder saß im Wembley-Stadion“ ist ein guter Titel, auch wenn man den Verdacht hat, dass er dort nur auf der Bank hockt, um der Fußball-WM in England l966 und Namen wie Uwe Seeler oder Franz Beckenbauer Gelegenheit zu geben, vorzukommen. Jedenfalls ist - weil offenkundig vom gleichen Kalkül diktiert - des Mörders letzter finsterer Plan kriminologisch dünn und wenig ausgeführt. Der alte Herr der deutsch-deutschen Literatur, Erich Loest, der Wieder-Leipziger, der 1981 die DDR verlassen musste, besaß schon immer eine Nase fürs Aktuelle, auch wenn es gelegentlich aktuell plakativ war. Das mag auf das literarische Genre zurückzuführen sein, das ihm nach seiner Entlassung 1964 nach sieben Jahren Zuchthaus in Bautzen lange Zeit nur blieb. Seine Lektoren, offenkundig Stasivertreter, legten ihm damals in freundlicher Eindringlichkeit nahe, mit seinem literarischen Großtalent dem DDR-Krimi aufzuhelfen, was Loest denn auch unter dem Pseudonym Hans Walldorf tat. Anderes zu veröffentlichen, war nicht möglich. Eine Geschichte für sich, im Nachwort des Buchs nachzulesen.

Erich Loest am 18. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseNachzulesen auch dies, daß er 1967 mit dem „Mörder im Wembley-Stadion“ einen Riesenerfolg hatte, für den er, der niemals die Welt außerhalb der DDR gesehen hatte, aus Büchern wie „London für Anfänger“ schöpfte. Der Reißer wurde mit Starbesetzung aus dem Deutschen Theater verfilmt. So wundert nicht, daß nun zum 80. Geburtstag der Steidl-Verlag den Autor ermunterte, diesen Krimi „aus der Schublade zu ziehen, kräftig durchzubürsten“ und noch einmal herauszubringen.

Kein Geschenk nur für den Jubilar. Auch der Leser kommt auf seine Kosten, wenn er sich durch die ersten Seiten durchgearbeitet hat, in denen ihm der Ton falsch zu klingen und der Ort jedweder britischen Couleur zu entbehren scheint. Danach gewinnt der verflixt gute Autor Erich Loest. Immer mehr Dynamik und Spannung kommen auf. Inspektor Varney von Scotland Yard ermittelt wegen eines Raubüberfalls auf einen Geldtransporter. Ihm gelingt es, einen der Täter zu fassen. Die Bande versucht ihn aus dem Zuchthaus Hertford zu befreien. Doch ein falscher Mann klettert mit der herabgeworfenen Strickleiter über die Mauer. Mord folgt jetzt auf Mord, offensichtlich vom Bandenchef selbst ausgeführt. Keiner kennt ihn, nicht einmal seine Leute wissen, wer der „Delphin“ ist, wie er sich im Glauben eigener überragender Intelligenz arrogant nennt. Ein naseweis auf Geld spekulierender Provinzreporter stirbt in einer Telefonzelle in Hampstead. Auch das Ex-Fotomodell Jane Hetschop weiß zuviel. Am Ende überschlagen sich die Wogen von Endspiel und Enttarnung des Mörders in dramaturgisch geschicktem Gleichklang. Wer der Delphin ist, darf freilich nicht verraten werden.


Der Mörder saß im Wembley-Stadion
von Erich Loest
Steidl Verlag, Februar 2006
ISBN: 3865212506








Erstellt: 13-03-06
Letzte Änderung: 28-03-06