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Zitaten - Ballade

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Zitaten - Ballade

05/11/08

Tahar Ben Jelloun (Frankreich)

Exil und Immigration aus der Sicht von Ben Jelloun


Tahar Ben Jelloun, der 1987 für La nuit sacrée (Die Nacht der Unschuld) mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, ist mittlerweile der bekannteste Schriftsteller marokkanischer Herkunft in Frankreich. Der Verlag Maurice Nadeau veröffentlichte 1973 seinen ersten Roman Harrouda, ein Jahr später folgte eine erste Gedichtsammlung bei Maspéro. Seitdem hat Ben Jalloun über dreißig Bücher geschrieben. Romane, darunter 1985 Enfant de sable (Sohn ihres Vaters), Essays, darunter 1974 La plus haute des solitudes (Die tiefste der Einsamkeiten) auf der Grundlage seiner Doktorarbeit über affektive und sexuelle Probleme nordafrikanischer Arbeiter in Frankreich, und 1998 Le racisme expliqué à ma fille (Papa, was ist ein Fremder? Gespräch mit meiner Tochter) sowie zwei Autobiographien. Für alle seine Bücher hat Tahar Ben Jelloun die französische Sprache gewählt. Eine Besonderheit, die sich aus seiner persönlichen Geschichte erklärt und auf die er auch auf seiner Website eingeht: "Ich bin ein französischer Schriftsteller besonderer Art, ein Franzose, dessen affektive und emotionale Muttersprache Arabisch ist."  Er wurde 1944 in Fès geboren, studierte Französisch und Philosophie und unterrichtete dann Philosophie in Tétouan und Casablanca.  Als die Arabisierung des Unterrichtswesens angekündigt wurde, verließ er Marokko (1971) und setzte sein Studium in Frankreich fort. Dort wurde ihm bewusst, dass Schreiben seine Berufung ist. Seine Romane sind von der maghrebinischen Tradition und Kultur inspiriert und prangern die Übel der marokkanischen Gesellschaft an: Willkür und Korruption, Stellung der Frau (Le premier amour est toujours le dernier), Prostitution (Harrouda). Der „moralisch engagierte“ Ben Jalloun bezieht Position zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen in Frankreich; insbesondere gegen den Rassismus. Dieser ist auch Thema seines Essays L’hospitalité française (1984), der für Polemik sorgte. Er beklagt auch, dass die EU zum Thema Einwanderung nur mit Ausschluss und Unterdrückung reagiert und keine echte Gemeinschaftspolitik hat. Die illegale Einwanderung bildet auch die Grundlage für sein letztes Buch Partir. Aufbrechen - eine fixe Idee für viele junge Marokkaner, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um ihr Land zu verlassen. So auch Azel, einer der Protagonisten des Romans.  Hier ein Auszug aus einem Brief, den Azel vor seiner Abreise an „sein liebes Land“ gerichtet hat.

"Liebes Land (ja, es muss "liebes Land" heißen, denn der König sagt ja auch "mein liebes Volk"), heute ist ein großer Tag für mich, endlich habe ich die Möglichkeit, das Glück, gehen zu dürfen, dich zu verlassen, nicht mehr deine Luft atmen, nicht mehr die Demütigungen und Erniedrigungen deiner Polizei ertragen zu müssen, ich gehe mit offenem Herzen, mit festem Blick auf den Horizont, auf die Zukunft gerichtet. Ich weiß nicht genau, was ich tun werde, alles was ich weiß, ist, dass ich bereit für Veränderungen bin, bereit für ein Leben in Freiheit, bereit, mich nützlich zu machen, Dinge zu unternehmen, die aus mir einen aufrechten Menschen machen, einen Menschen, der keine Angst mehr hat, der nicht mehr darauf wartet, dass seine Schwester ihm ein paar Scheine zusteckt, damit er ausgehen oder Zigaretten kaufen kann, einen Menschen, der nie wieder mit Al Afia, dem Gauner, dem Dreckskerl zu tun hat, der schmuggelt und besticht, der dem senilen Greis El Hadj nicht mehr die Mädchen beschafft, die er begrapscht, ohne mit ihnen zu schlafen, der keine Handlangerjobs mehr übernimmt, der nicht mehr sein Diplom zeigen muss, um zu sagen, dass es zu nichts nutze ist, ich gehe fort, mein liebes Land, ich überschreite die Grenze, ich breche auf zu anderen Orten, mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche, endlich werde ich meinen Lebensunterhalt verdienen, mein Land war nicht gnädig mit mir und vielen jungen Menschen meiner Generation, wir glaubten, dass unser Studium uns die Türen öffnen würde, dass Marokko schließlich die Privilegien und die Willkür abschaffen würde, aber alle haben uns im Stich gelassen, deswegen mussten wir uns alleine durchschlagen, irgendetwas machen, um einen Ausweg zu finden, manche haben an die richtige Tür geklopft, waren bereit, alles zu akzeptieren, andere dagegen mussten kämpfen …"

Auszug aus Kapitel 8 „Das Land“
Tahar Ben Jelloun
Partir
Gallimard, 2006, Paris
ISBN 2-07-077647-6

Erstellt: 19-06-06
Letzte Änderung: 05-11-08