KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 26/06/09
Nick Stone
Der Totenmeister
Krimi-Bestenliste Juli 2009
Spirituelles, Spiritistisches, Spinnertes und Esoterisches all-überall. Der Papst dauer-live im Fernsehen, Poweryoga in Fitness-Studios und allerlei Mystipop und Fidelwipp in Kino und Literatur. Die Zeichen stehen deutlich auf Irrationales, Hysterie und Gekreisch … Und jetzt auch noch Voodoo auf allen Kanälen – aber halt: Bis auf das eine oder andere eso-ethno-kitschige Buch à la Michael Gruber (und ein paar ande-re einschlägige Schocker, die uns demnächst treffen werden) drehen sich Thriller mit Voodoo-Komponenten erstaunli-cherweise um ganz handfeste Dinge wie Mord und Realpoli-tik – das war bei Richard Doolings White Man’s Grave und bei Lena Blaudez’ beiden Westafrika-Thrillern so, und ist jetzt bei Nick Stone der Fall.
In bisher zwei kapitalen Romanen um den Ex-Cop und Pri-vatdetektiv Max Mingus stellt der Engländer Nick Stone, der einige Zeit auf Haiti gelebt hat, Voodoo zwar nicht in den Mittelpunkt der Handlung (wie es die Romantitel andeuten), räumt dieser Religion aber einen bestimmten Platz ein: Für Voodoo steht Max Mingus ewiger Gegenspieler – Solomon Boukman. Der ist eine extrem opake Figur – ein haitianischer Gangster, charismatisch, allgegenwärtig, mit buchstäblich ge-spaltener Zunge ausgestattet, unheimlich, ultrabrutal und ein begnadeter Schauspieler. Ein skrupelloser Rückversicherer, smart, glatt, aber nicht unschlagbar. Voodoo ist für ihn ein In-strument der Manipulation, eine Methode des Terrorisierens von Menschen, deren kulturelle und soziale Disposition diese Art des Terrorisiertwerdens zulässt. Max Mingus, der Ex-Cop, hat allen Respekt vor Voodoo, heißen doch seine persön-lichen Irrationalismen Vigilantismus, Rache, Allmachtfantasie und Utopie. Und die exekutiert er notfalls genauso ultrabrutal, kalkuliert und bösartig wie Boukman.
“Der Totenmeister“, der aktuelle Roman von Stone, erzählt sozusagen als Prequel die Geschichte von Mingus und Bouk-man, bevor sie beide – in Voodoo – auf haitianischem Terrain in den mittleren 1990ern sehr vermittelt aufeinandertreffen.
“Der Totenmeister“ beschreibt das Miami der frühen 1980er, als gerade die Reagan-Administration ans Ruder kam, als die Coca-Kartelle aus Kolumbien ihre Importroutinen u.a. über Haiti abwickelten, das damals noch in den Händen des absur-den Duvalier-Clans war (diese nette Sippe mit Papa Doc und Baby Doc kennen Sie, wenn Sie an Graham Greenes The Co-medians denken und an deren grausige, in coole Outfits ge-hüllte Totschläger-Truppe und Todesschwadron, die Tonton Macoutes ...) und somit – weil anti-kommunistisch – den USA freundschaftlich verbunden. Miami in den 1980ern – das war auch das (Wahl-)Demographie gewordene Kuba-Problem. Castros genial-bösartiger Coup, unter 125.000 legale Emigranten 25.000 Gewaltverbrecher und anderen Bodensatz aus den nicht-politischen Abteilungen seiner Gefängnisse (die sogenannten Marielitos) zu mischen und nach Florida zu schi-cken, erregte die Gemüter. Drogengeld zirkulierte in großen Mengen und legalisierte sich zunehmend, blütenweiß gewa-schen. Die US-Regierung finanzierte, wir erinnern uns an Lt.-Col. Oliver North, u.a. damit ihre blutigen Operationen in Mittelamerika und ihre Killerbanden, die Contras in Nicara-gua und andere Herzchen in Guatemala und Honduras. Gleichzeitig kam es zu immer größeren ethnischen Spannun-gen in Miami, die immer auch soziale Spannungen waren. Der Gewaltlevel im Alltag und auf den Strassen schoss jäh in die Höhe, die Ordnungssysteme gerieten außer Funktion. Die Co-sa Nostra war – traditionellerweise stark im sonnigen Florida – immer noch voll dabei, und allerlei „Dienste“ gierten um Vorteil und Profit. In der grandiosen TV-Serie „Miami Vice“ kulminierte all dies zu der damals noch nicht so populär ge-wordenen Formel: Das Verbrechen hat schon längst gesiegt.
Stones Roman schildert diese Zeit und alle ihre Kontexte aus Sicht der Polizei. Einst idealistische Cops werden zu Vigilan-ten, weil das Rechtssystem in ihren Augen schon längst auf-gehört hat, irgendwie einsehbar zu funktionieren. Der ganz gewöhnliche Rassismus tritt unverhohlen zu Tage. Die Cops morden, um gute Polizisten zu sein – und stehen am Ende als die Deppen mit den blutigen Händen da. Selbst ihr fataler „I-dealismus“ ist schon längst von höheren Stellen an den Meist-bietenden verkauft und versilbert. „Die Fäkalienfee“ nennen die Cops maliziös den politischen Strippenzieher, der die üb-len Deals zwischen Washington und Miami vermittelt.
Das Duell, das sich Mingus mit Boukman liefert, lässt diesen Wahnsinn, diese völlig verdrehten Verhältnisse aufeinander-knallen und potenziert sie damit. „Du gibst mir Grund zu le-ben“, lautet eine vielsagende (oder nur verwirrende?) Sentenz von Boukman, als er zu blutigem Klump zerschlagen und (beinahe) tot vor Mingus liegt. Ganz am Ende des Romans lacht Boukman nur noch (wie der Baron Samedi am Ende von „Live and let die“) und zeigt seine gespaltene Schlangenzun-ge. In „Voodoo“, der chronologischen Fortsetzung der Saga, werden sie sich nicht mehr persönlich treffen, sondern über andere Vektoren aus Blut, Gewalt und Elend auf Boukmans heimischem Terrain Haiti kommunizieren.
Nick Stones Projekt hat erfreulicherweise den großen Atem und das Gewicht, das derartige Romanzyklen haben müssen, wenn sie nicht dem durchschnittlichen Serien-Algorithmus verfallen wollen. Bemerkenswerterweise sorgt hier eine nicht gerade häufig vorkommende Überschneidung von Polizei- und Privatdetektivroman plus Polit-Thriller für die nötige Komplexion. Der Weg vom Bullen zum privaten Ermittler ist – wie zum Beispiel Leonardo Paduras karibisches Mingus-Pendant Mario Conde auf Kuba – zwar nicht einzigartig, hat aber Raison. (…) Mingus und Boukman sind – und das gene-riert eben den entscheidenden Unterschied zu vielen kleintei-ligeren und auch intellektuell bescheideneren Projekten – uni-versale Gegenspieler. Eine Ebene darunter ist dann viel Platz für geschickte Drehs der Geschichte, für Plots, Subplots, Mi-niaturen: Die Geschichte vom Mord an einem Mafia-Anwalt, inszeniert als Zombie-Gruselshow. Oder die Geschichte von der Grundstücksspekulation in gigantischem Ausmaß, die die gesamte haitianische Community betrifft. Oder die Geschichte von einem haitianischen Möchtegernzuhälter, der ganz anders tickt als man denkt, und der mit seiner sehr abgedrehten Mami eine irre Ödipus-Variante erlebt.
Das Panorama der Figuren ist beeindruckend – bizarr und ba-nal zugleich. Die Details sind von derbem Naturalismus, nichts für Leute mit schwachem Magen (aber keine öden Metzelshows, ganz und gar nicht), das Gedankengut von Sto-ne und den meisten seiner Figuren ist erfreulich unerfreulich und von der Art ausgekochter Bösartigkeit, die man braucht, um nicht der hemmungslosen Einfalt zu verfallen. Die Haupt-figur selbst, Max Mingus, der Musikliebhaber mit den aber-tausenden von Platten (aber ohne den prätentiösen „Kommis-sar-mit-Musik-Macke“-Touch), den man sich so ungefähr wie einen arg zerknitterten Nick Nolte 30 Jahre in der Vergangen-heit vorstellen darf, ist mit seinem Jähzorn, mit seinen Anfäl-len wilder Romantik, mit seiner Fähigkeit zur Brutalität, mit seiner Inkonsistenz und mit seiner Undurchschaubarkeit eine wunderbare Ohrfeige für Leute, die von Kriminalromanen psychologische „Figurenzeichnung“ im Sinne des 19. Jahr-hunderts verlangen. Niemand weiß, wer Max Mingus ist. Niemand will es auch wissen, nicht mal er selbst, nicht mal Solomon Boukman. Und wer der ist, weiß erst recht niemand.
Und so hat die Kriminalliteratur doch einmal wieder eines je-ner wirklich spannenden, viel zu selten vorkommenden, grö-ßenwahnsinnigen, unordentlichen, wuchtigen und irren Pro-jekte, die sie so dringend braucht in den Brackwassern des allgemeinen Biedersinns zwischen Regression und postmo-derner Einfalt.
Thomas Wörtche/ Titel-Magazin, 16. Mai 2009
Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 26-06-09