Niki Stein (N.S.): Schule war zu diesem Zeitpunkt, als wir anfingen über diesen Film nachzudenken, ein ganz großes Thema in Deutschland. Das hing mit den schrecklichen Ereignissen am Gymnasium in Erfurt zusammen (wo ein Schüler mit einer Pump-Gun ein Blutbad unter Lehrern und Mitschülern anrichtete und sich dann selbst erschoss). Schule belastet ja jeden aus seiner eigenen Erinnerung, mich auch. Ich habe selbst zwei Kinder, arbeite mich auch an Schule und Lehrern ab. Insofern war ich sofort Feuer und Flamme, als ich das Angebot bekam, da was zu machen.T.N.:Und Sie haben dann auch den Spannungskern in dieser Handlung, in dieser Konferenz, die über eine angebliche Vergewaltigung zu entscheiden hat, gleich gesehen?
N.S.: Das war etwas verzögert. Also ursprünglich ist das ja eine Idee der Redakteurin Liane Jessen, die damit zu mir kam und sagte, sollen wir nicht mal sowas wie „Die 12 Geschworenen“ machen, aber innerhalb einer Lehrerkonferenz. Weil sie aus gemeinsamen Gesprächen mein problembelastetes Verhältnis zu Schule und Lehrerschaft kannte. Ich habe dann reflexartig gedacht, gut das ist im Grunde die Vorgeschichte zu den Ereignissen in Erfurt. Man wird einem Schüler nicht gerecht, und dann nimmt er die Pump-Gun. Das was wir jetzt aber eigentlich gemacht haben führt weg davon. Das war sehr stark der Einfluss von Bodo Kirchhoff, der, wie ich finde, ein eigenes Thema und einen neuen Zugang gefunden hat, indem er eine vermutete Vergewaltigung genommen hat, und das Urteil über die Frage, Vergewaltigung oder nicht Vergewaltigung in den Mittelpunkt gestellt hat. Und so ist dann einfach ein Film entstanden, über die Unfähigkeit, mit Liebe umzugehen. Das hat mich erst skeptisch gemacht, weil ich dachte, das hat doch in einer Schulkonferenz nichts zu suchen. Das ist doch eher ein Fall für einen Staatsanwalt. Aber da wird natürlich auch sehr viel abgewälzt an Verantwortung. Da gibt es immer diese Grauzonen, wo man die strafprozeßliche Verfolgung scheut, um den Einzelnen zu schützen. Das hat mich dann plötzlich sehr von dem Ganzen überzeugt, und das fand ich dann auch wahnsinnig spannend.
T.N.: Die Drehbuchvorlage von Bodo Kirchhoff belässt ja die Handlung ganz in der Einheit von Ort und Zeit. Sie hätten das filmisch, wenn Sie das gewollt hätten, natürlich auch ganz anders auflösen können, mit Rückblenden usw. War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie auch im Film diese strenge Einheit bewahren wollen?
N.S.: Ja, das war die Herausforderung, dass man nur über die Dialoge und über das Verhalten der Lehrer untereinander, das ergangene Geschehen bebildert, also ohne dass man die Bilder zur Verfügung hat. Das war für mich eine reizvolle Aufgabe, und natürlich auch, sich 90 Minuten auf 10 quasselnde Lehrer zu konzentrieren, und trotzdem Spannung zu erzeugen.
T.N.: Für das Lehrerkollegium haben Sie ja eine ganze Reihe der besten deutschen Charakterdarsteller versammeln können. Waren die auch für diesen Stoff so leicht zu gewinnen, also gleich begeistert ?
N.S.: Es war unterschiedlich. Also für die Geschichte selbst, für das Vorhaben, einen Film nur an einem Ort zu machen, 10 Lehrer die sich auf einer Konferenz unterhalten, da war sofort eine Riesenbereitschaft da. Es hing etwas mit der Vorlage von Bodo Kirchhoff zusammen, die sich bei einigen von den Charakteren her nicht sofort ganz erschloss. Aber das haben wir dann im Überarbeitungsprozess bald überwunden, so dass dann jeder seine Rolle sehr transparent vor Augen hatte. Denn wie die Besetzungsliste ja zeigt, haben wir dann alle überzeugt.
T.N.: Während der Konferenz in der über die angebliche Vergewaltigung diskutiert wird, treten die eigenen Verletzungen und die Frustration und Verdrängungen der einzelnen Lehrer des Kollegiums zunehmend hervor. Sind Lehrer dafür eigentlich besonders typisch?
N.S.: Ich glaube, dass die Lehrer, was das angeht, nur Platzhalter für alle sind. Es gibt natürlich wenig Berufsgruppen, die so eng aufeinander sitzen und doch so wenig von einander wissen. Weil sie im Grunde nicht wirklich zusammen arbeiten, sondern eben vor der Klasse arbeiten. Man hätte den Film aber sicherlich auch machen können in einem Ermittlungsteam der Kriminalpolizei oder in einer Fernsehredaktion. Lehrer sind oft sehr beredt und gebildet, und man hat einen gewissen intellektuellen Unterbau schon mal von der Herkunft her, so dass man alle - vielleicht in Nuancen unterschiedlich, wenn ich z.B. an den Sportlehrer denke - auf Augenhöhe stellen kann, was dann spannende Duelle und Wortgefechte ergibt. Das war wohl auch das, was Bodo Kirchhoff so gereizt hat.
T.N.: Gilt dieses Lehrerbild auch für Frankreich? Glauben Sie, dass der Film bei der ARTE-Ausstrahlung in Frankreich dann auch so gesehen wird, oder dass die Franzosen denken, ach das sind ja typisch deutsche Lehrer?
N.S.: Da war mein Eindruck, nachdem ich die synchronisierte Fassung gesehen habe, dass das absolut übertragbar ist. Ich kann da ein wenig mitreden, da meine Tochter auf eine deutsch-französische Schule geht und zur Hälfte von französischen Lehrern unterrichtet wird. Der französische Lehrer, wenn ich das aus meiner Sicht mal pauschal behaupten darf, ist eher noch preußischer als der deutsche Lehrer. Aber die ganze Sozialisation der 68er-Generation, die ja hier im Film auch sehr stark eingreift in das Geschehen, ist ja auch in Frankreich vorhanden. Ich glaube, was in Frankreich anders ist, ist die Überalterung des Lehrerkollektivs. Das ist bei uns in Deutschland durch Einstellungsstopp und Vernachlässigung der Bildung inzwischen besonders deutlich. Das hat es in Frankreich so nicht gegeben, weil einfach Bildung und Jugend und vor allem auch Kinder eine viel wichtigere gesellschaftliche Funktion haben als bei uns. Aber, dass die Archetypen in diesem Lehrerkollegium wieder zu erkennen und übertragbar sind, also da bin ich sehr optimistisch.
Das Interview führte Thomas Neuhauser, ARTE Deutschland, Januar 2005






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