Nuit Blanche Paris 2008 - 02/10/08
Die Pariser „Nuit Blanche“: 7. Runde, 7. Kunst
Die Pariser „Lange Nacht der Kunst“ findet dieses Jahr am Samstag, dem 4. Oktober statt. Die Themen „Film“ und „Reisen“ stehen im Mittelpunkt dieser siebten Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von Hervé Chandès (Generaldirektor der Cartier-Stiftung für zeitgenössische Kunst) und Ronald Chammah (Kurator der Ausstellung über Patti Smith und Kenner aller Facetten des Filmgeschäfts, von der Produktion bis zur Restaurierung alter Streifen).
Weitere Artikel zum Thema
In dieser Nacht wird sich also alles um den Film drehen – und natürlich um Paris. Und wer sich nun fragt, was das Ganze mit Reisen zu tun hat: Ganz einfach, zahlreiche Events finden in den Pariser Bahnhöfen statt. Am Nordbahnhof wird ein Projekt des New Yorker Künstlers Tony Oursler zu sehen sein.
Pierrick Sorin bietet am Ostbahnhof eine Live-Performance, in die auch das Publikum einbezogen wird. Und am Gare de Lyon steht der indische Regisseur Shaad Ali ebenfalls live hinter der Kamera und dreht ein Bollywood-Musical im Stil der 50er Jahre. Wer lieber Kung-Fu-Filme mag, wird bei dem Hongkonger Regisseur Johnnie To auf seine Kosten kommen, der vor dem Gebäude der Comédie-Française agiert.
Auf dem Parkplatz der Konzert- und Sporthalle in Bercy geht es ruhiger zu: Hier debattiert das Schweizer Künstlerpaar Kunz & Glazer in einem kleinen roten Fiat über den Sinn des Lebens und der Kunst, während im Hintergrund „Unser Jahrhundert“ läuft, ein experimenteller Dokumentarfilm des armenischen Filmemachers Artavazd Pelechian über die Eroberung des Weltalls durch den Menschen. Danach geht es weiter zum Bahnhof Saint-Lazare, wo das britische Duo Semiconductor in seinem dreiteiligen Opus „Brillant Noise“ einen multimedialen „Big Bang“ in Szene setzt.
Anschließend wird es höchste Zeit, ein wenig in dem weißen Licht zu baden, in das der Japaner Ryoji Ikeda mit seiner Performance „Spectra“ das Montparnasse-Hochhaus taucht. Und wer nah genug herangeht, kommt zugleich auch in den Genuss der reinen Klänge von Ikedas Komposition „Matrix“, die das Gebäude in waagerechten Sound-Schichten umgibt. Nicht weit davon belebt der chinesische Künstler Gu Dexin die spätgotische Fassade des in siebenjähriger Arbeit restaurierten Turms Saint-Jacques, einziges Überbleibsel einer ehemaligen Kirche.
Doch nicht nur die offiziellen Veranstaltungsorte sind einen Besuch wert: Im Rahmen der „Nuit Blanche“ werden in ganz Paris rund einhundert verschiedenartige Kunstprojekte angeboten, die zum Teil von Vereinen, religiösen Gemeinden, Galerien u.ä. unterstützt werden. Diese Darbietungen sind gewiss oft experimenteller und weniger spektakulär, aber sie sind genauso sehenswert.
So wird zum Beispiel bei der Kirche Saint-Eustache eine Kreation des Videokünstlers Javier Téllez gezeigt, der sich an Diderots „Brief über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden“ sowie an eine alte indische Parabel über einen Blinden und einen Elefanten anlehnt. Vor der Kirche Saint-Paul-Saint-Louis läuft auf fünf Plasmabildschirmen der digitale Trickfilm „Station to station“ von Jeremy Blake, einem unlängst verstorbenen Pionier der New Yorker Elektronikkunstszene. Allein zwischen diesen beiden Schauplätzen gibt es rund dreißig weitere Projekte zu entdecken, von Jean-Pierre Formicas Wächtern aus Salz („Les sentinelles de sel“) vor der Polizeipräfektur über gregorianischen Chorgesang und improvisierte Orgelkonzerte in der Kathedrale Notre-Dame bis zu einem originellen Beitrag zum Thema Recycling von dem Fernsehsender Métazone, der von einem Verein getragen wird. Auf dem Place Sainte-Catherine kann man mit „Voisimages“ von Yann Mihn eine Reise in 3D erleben – sofern man den „FogScreen“ des Letten Gint Gabrants im Musée Carnavalet durchdrungen hat.
Wie wär’s danach mit einer kleinen Pause am „Hôtel de Retz“, wo Sigalit Landau nackt in einem Meer aus Wassermelonen treibt, oder mit der sehr persönlichen Performance von Eloise Fornieles in der Galerie Nuke? Oder doch lieber ein kleiner Abstecher zum „Hôtel d’Albret“, wo aus Prousts Werken vorgelesen wird?
Obwohl der Umkreis, in dem die Veranstaltungen stattfinden, dieses Jahr bewusst eingeschränkt wurde, kann man unmöglich alles „mitnehmen“. Jeder muss also selbst entscheiden, ob er auf gut Glück durch die Stadt streifen will oder sich lieber an einem der Info-Stände das Programm besorgt und sich dann auf ein „Velib’“ (eines der neuerdings in der ganzen Stadt in „Selbstbedienung“ verfügbaren Fahrräder) schwingt, um dem Künstler seiner Träume zu begegnen.
Skall oder Patti Smith?
Ich habe meine Wahl schon getroffen: Ich sehe mir Skall im Kulturzentrum „Le Générateur“ in Gentilly an, nur 200 Meter von der „Porte d’Italie“ entfernt. Zur improvisierten Live-Musik von Cbaonet bietet Skall auf den 600 m² des Zentrums eine vierstündige Performance inmitten der „mechanisch-psychotischen“ Installationen von Vladimir Cruells. Ich kenne Skall, ich habe schon eine seiner ausgefallenen Skulpturen in der Galerie Thaddaeus Ropac gesehen: eine subtile Collage aus China-Porzellan, die wie ein zerbrechlicher und zugleich kraftvoller Gulliver von kleinen, durch Perlen miteinander verbundenen Figuren gezogen wird. Ich mag es, wie er aus ganz alltäglichen, oft eher kitschigen Gegenständen die raffiniertesten Kunstwerke schafft. Ich weiß auch, dass er manchmal mit der Gruppe Lasdada tanzt und Luftgitarre spielt.
Beeindruckt haben mich ebenfalls die Schrägheit und Entschlossenheit seiner blauen Figur namens „Aquasidérale“ auf ihrem Sockel aus Wasserflaschen-Packs in der Pariser Hochschule der Schönen Künste. Hier hinterfragt Skall den biologischen Determinismus im Hinblick auf die Geschlechteridentität von Mann und Frau.
Voller neuer Eindrücke verlasse ich anschließend den Saal und höre mir Patti Smith in der Kirche Saint-Germain-des-Prés an. Die legendäre Rockröhre, die in den Seventies mit „Free Money“ den Kapitalismus aufs Korn nahm, lehnt sich hier an Texte des Heiligen Franziskus von Assisi an (dessen Gedenktag der 4. Oktober ist). Die Sängerin wird von ihrer Tochter Jesse am Klavier und ihrem Sohn Jackson an der Gitarre begleitet; gemeinsam will das Trio bis in die frühen Morgenstunden improvisieren. (Nach Mitternacht ist der Eintritt frei; wer früher kommen will, sollte im Rathaus einen Platz reservieren.)
Unterwegs werde ich beim Brunnen des chinesischen Künstlers Chen Zhen anhalten, der im Jahr 2000 viel zu jung an einer seltenen Form von Anämie verstorben ist. Bevor er nach Frankreich kam, hatte er im Institut für Theaterwissenschaft in Shanghai das physische Verhältnis zwischen Werk und Zuschauer untersucht. Chen Zen verglich den Künstler, der sich gegen die vom totalitären Regime aufgezwungene Kultur auflehnt, mit einem „Virus, der von außen kommt und gegen die Antikörper im Inneren kämpft“. Er sah zahlreiche Parallelen zwischen Kunst und traditioneller chinesischer Medizin.
Dann gehe ich weiter und übe mich, dem Rat von Malte Martin und Agrafmobile folgend, in der „Kunst, sich in der Stadt zu verirren“. Wenn ich dabei zufällig in der Rue Crémieux landen sollte, umso besser: Hier kann ich mich ins Gras setzen und mir den Elektro-Chorgesang von François Vey und seiner White Spirit Band anhören. Am Place de la Catalogne werde ich zum Himmel aufblicken, um mir die fliegenden Skulpturen von Otto Piene und der Düsseldorfer Künstlergruppe ZERO anzuschauen. Man sagt, dass sie Hilfe brauchen, um die Figuren am Tag der Veranstaltung mit Helium zu füllen. Es heißt auch, dass eigens zur Pariser „Langen Nacht der Kunst“ 2000 Gymnasiasten aus Nordrhein-Westfalen anreisen werden. Und dass es Interessantes für Kinder insbesondere in Bercy zu sehen gibt. Ich aber glaube, dass Kinder an diesem Abend überall in der Stadt Kunst entdecken können, sei es in der „Hasen-Oper“ nach der Musik von Steve Reich und Ligeti („Nabaz’mob“von Antoine Schmitt und Jean-Jacques Birgé) oder bei einer Begegnung mit Schamanen in der Installation „la Forêt des Mânes“ von Léa de Saint Julien und Emile Romney.
Erstellt: 30-09-08
Letzte Änderung: 02-10-08