Über diese Ausnahmeserie mit ihren zahllosen Untertönen ließen sich endlose Abhandlungen schreiben. Sie schneidet einige der wichtigsten Daseinsfragen an: die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft, die Legitimität auf Lügen erbauter politischer Regimes, Machtmissbrauch und Verlogenheit der herrschenden Klassen, den ständigen Widerspruch zwischen Freiheit und Konformismus, soziale und politische Indoktrinierung, die Wahrheit des Einzelnen gegenüber einem vorherrschenden Diskurs, die Frage der Identität und vieles mehr.
Was Nummer 6 aber so bemerkenswert macht, sind weniger die angeschnittenen Themen als die Art und Weise, wie sie behandelt werden. Dies gilt für das Originaldrehbuch, hinter dem die Synchronfassung deutlich zurückbleibt, da sie die subtile Doppeldeutigkeit der Dialoge oft nur holzschnittartig wiederzugeben vermag. Vor allem aber gilt dies für die filmische Umsetzung: Der dramaturgische Aufbau von Nummer 6 ist zyklisch, auf Wiederholungen basierend, fast quälend.
Wiederkehrende Themen, Einstellungen, ja ganze Szenen, Brüche, der fast monolithische Charakter von Nummer 6, die zunächst scheinbar durchschaubaren, aber letztlich komplexeren Beziehungen zu Nummer 2 und den Dorfbewohnern (zunächst wehrt sich der Gefangene, lernt aber nach durchlittenen Prüfungen, seine Gegner besser zu verstehen, um schließlich zum Angriff überzugehen und seine Bewacher zu überwältigen), das alles wird in zwar nicht immer nachvollziehbar, aber auf ausgesprochen poetischer Weise präsentiert.
Formal ist Nummer 6 ein Rätsel, ein Puzzle. Ein unvollständiges Puzzle, dessen fehlende Stücke der Zuschauer für sich selbst finden und einzufügen muss ... Werbung, Fernsehen, Printmedien und Internet bombardieren uns Tag für Tag mit vermeintlich beinharten Fakten, fertigen Lösungen, vorgegebenen Antworten. Ganz anders Nummer 6: Immer wieder wird der Zuschauer vor neue Fragen gestellt.
Moralische, philosophische, politische Fragen, die wie ein Bumerang zum Zuschauer zurückkehren und bei deren Beantwortung er ebenso auf sich gestellt ist wie Nummer 6. Fragen, die jeder für sich anders beantworten mag.
Nummer 6 ist in seiner zwanghaften, verstörenden Zerrbildhaftigkeit ein ebenso zwanghafter wie intensiver (Alp-)Traum wie Alice im Wunderland von Lewis Carroll. Ein Alptraum in Folgen, in den der Zuschauer jede Woche neugierig eintaucht, um daraus mit einer sonderbaren Mischung aus Beklemmung, Bestürzung und nicht zuletzt auch einer gewissen Begeisterung entlassen zu werden.
Denn Nummer 6 ist keine düstere oder dogmatische Serie, sondern ein opulentes und provozierendes Werk, nicht zuletzt durch die Werte und Gegenwerte, die es in Frage stellt, aber auch durch die Intensität der Regie. Ein Werk voll von bissigem Humor, hochbrisant und zugleich illusionslos, dass sowohl die Mächtigen als auch ihre Handlanger dem Spott aussetzt.
Dank der fulminanten Schauspielkunst von Patrick McGoohan und weiterer bemerkenswerter Darsteller sowie einer atmosphärisch ausgesprochen dichten Filmmusik (die Titelmusik von Ron Grainer ist unvergesslich) ist Nummer 6 den Fernsehstandards seiner Zeit weit voraus: keine Längen, schnellere Schnitte und mehr Kreativität als in vielen Videoclips von heute.
Nur ein Künstler kann seine Alpträume in ein Meisterwerk verwandeln. Nummer 6 ist eines der besten Beispiele dafür. Die kraftvolle Vision von Patrick McGoohan, die Ihresgleichen sucht, ist ein Kind ihrer Zeit – der 1960er Jahre, einer Epoche der politischen und moralischen Bewusstseinsbildung – und ihres Mediums – des Fernsehens, für das sie bis heute in der ganzen Welt als Meilenstein gilt.







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