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Cannes 2008

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Cannes 2008

Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Un Certain Regard - 21/08/08

O’ Horten

Ein Film von Bent Hamer



Eines Tages bist du 67. Und was nun?

In einer sehr nordisch geprägten grafischen Skizze erzählt Bent Hammer mit sehr viel Feingefühl die absurden Abenteuer von Odd Horten, einem Zugführer.

Synopsis: Eisenbahningenieur Odd Horten beginnt seinen letzten Arbeitstag vor der Berentung. Er lässt die norwegischen Schneelandschaften auf seinen Fahrten als Lokomotivführer hinter sich und lässt sich treiben. Sein ‚neues’ Leben bringt ihm allerhand kuriose Situationen und Begegnungen mit skurrilen Nordlichtern – und endlich seiner Liebe.

Kritik: Frei nach Udo Jürgens fängt das Leben heute mit 67 Jahren an. Aber was kommt danach? Da drängen sich bereits die allübergreifende Problematik der Überalterung der Bevölkerung und die andauernde Rentendebatte einem auf. Und man möchte man einen leisen Film wie „O’ Horten“ spontan umarmen, weil er diese Themen für einen klitzekleinen Moment gnädig ausklammert. Was könnte eine schönere Vorstellung für den Lebensabend des frisch gebackenen Pensionärs Odd, beseelt dargestellt von Bard Owe, sein wenn nicht von vorne, aber doch noch einmal anders mit dem Alltag umzugehen. Zum Beispiel, um sich auf was neues einzulassen.

Denn Odd Hortens Leuchten in den blauen Augen und sein energetischer Gang stellen vorn vorneherein klar, dass er sicher nicht zum ‚alten Eisen’ gehören will. Es ist die jahrzehntelange Gewohnheit, der er entkommen muss. Still und zurückgezogen lebte er bis dahin vor sich hin, bis er unversehens am Baugerüst des Hauses eines Arbeitskollegen hochklettert und in einer fremden Wohnung landet. Das ist erst der Anfang von einigen tragik-komischen Begegnungen mit schrulligen – und meist älteren – Bewohnern der nordischen Eislandschaften, die Regisseur Bent Hamer auf höchst liebenswerte Weise portraitiert.

Hamer hat ein Faible für seine sonderlichen Landsmänner, was er 2003 mit seinem gleichsam surrealen „Kitchen Stories“ bewies. Vielleicht ist die Exzentrik seiner Figuren etwas, das man in der Einsamkeit der Schneelandschaften und andauernder Dunkelheit pflegen muss. Sonst beginnt man vielleicht zu Trinken, und Rentner Odd Horten ist viel zu wach und agil, um in der eigenen Leere zu versinken. Denn außer einem Wellensittich wartet nach 40 Jahren Schichtarbeit bei der Eisenbahn keine auf ihn zu Hause. Vielmehr ist es der Tod, der demnächst vorbeikommt. Aber mit dieser Fatalität haben sich alle Charaktere in „O’ Horten’ schon lange abgefunden und treten ihm gleichmütig gegenüber. Doch bis dahin, scheint die Zeit still zu stehen und Horten genießt neue Freiheiten: nachts Nacktschwimmen im Schwimmbad oder eine Kamikaze-Autofahrt mit verbundenen Augen, beides mit einer guten Portion Situationskomik inszeniert. Das Leben im Alter muss so schön sein.

Verena Dauerer


Synopsis: Ein Zug in einer ländlichen Gegend Norwegens. Im Führerhaus Odd Horten, 67 Jahre alt, auf seiner vorletzten Fahrt von Oslo nach Bergen. Morgen wird es seine letzte Fahrt sein. Aber zum ersten Mal in fast vierzig Jahren kommt er zu spät und verpasst seinen letzten Zug.

Kritik: Mit großer Feinsinnigkeit breitet Bent Hamer Einstellung für Einstellung die Persönlichkeit seines Protagonisten Odd Horten zu Beginn des Films vor uns aus. Am ausdrucksstärksten sind dabei die Details des Szenenbilds, der Gesten, die, so scheint es, von diesem Zugführer seit mindestens einem Jahrhundert wiederholt werden, die Sauberkeit seiner kleinen mit Resopal-Möbeln der 50er ausgestatteten Wohnung, wo die Zeit irgendwo zwischen zwei Porzellantellern stehen geblieben zu sein scheint. Der diskrete und verlässliche Odd Horten geht in Rente und Bent Hamer umhüllt dieses Ereignis mit viel Gespür für visuelle Metaphern mit dem Schnee des norwegischen Winters. Allerdings kommt es dann wie bei Aki Kaurismaki: Zu Beginn eines neuen Lebens fern der täglichen Routine scheint plötzlich alles außer Kontrolle zu geraten. Eine Klingel, die nicht funktioniert, ein Baugerüst, ein Kind, das ihn als Sandmännchen zur Geisel nimmt, und schon verpasst er seinen letzten Zug. Dieser erniedrigende Schicksalsschlag zieht eine eine ganze Reihe von Ereignissen nach sich, die sich für Odd als Rettung erweisen werden. Oder auch nicht.

Bent HamerIn diesem Film stützt sich alles auf den grafischen und gleichzeitig empathischen Blick Bent Hamers auf seine Figuren, die sich in einem wohlgeordneten, zivilisierten, fast gleichgültigen (kurz gesagt extrem nordischen) Umfeld entwickeln, um manchmal ganz unvermittelt ihren Wahnsinn auszuleben, wie ein vorübergehender exzentrischer Anfall, der sich nicht unterdrücken lässt. Der ebenfalls fast stoische Humor versteckt sich im Detail, in der Absurdität einer Situation, die immer weiter ausartet. Der extrem korrekte Odd findet sich mitten in der Nacht nackt in einem verlassenen Schwimmbad wieder, das er fluchtartig verlassen muss, als unerwartet zwei ebenfalls nackter Lesben auftauchen, die im im Wasser herumtollen. Er macht sich in roten Stöckelschuhen davon und landet schließlich in einem Saal voller alter afrikanischer Masken, wo ihm ein eigenartiger Mann den Sinn des Lebens dank eines Meteoriten offenbart. Am Ende hat Odd einen Hund und seinen Stolz zurück. Dem Regisseur (der auch der Drehbuchautor ist) gelingt es mühelos, diesen offensichtlich außergewöhnlichen Ereignissen einen völlig plausiblen und realistischen Anschein zu verleihen. Auch das Ende dieser Fabel, die trauriger ist und mehr Tiefgang hat, als man meinen möchte, stellt seine Feinsinnigkeit unter Beweis: Eine weiße Winternacht, alles ist in leichten Nebel getaucht. Und so lässt er uns die Freiheit, unser eigenes Ende zu wählen, am Ende eines langen Lichttunnels. Denn wie bereits der Protagonist in „L’homme au crâne rasé“ von Delvaux sagte: „Manchmal gibt es nicht nur eine Wahrheit, sondern zwei oder sogar drei.“

Delphine Valloire
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O’ Horten
Norwegen/Deutschland/Frankreich 2007, 90 Minuten
Regie: Bent Hamer
Mit Bard Owe, Espen Skjonberg, Githa Norby, Bjorn Floberg, u.a.
Un Certain Regard
ZDF/ARTE France Cinema Koproduktion


Erstellt: 20-05-08
Letzte Änderung: 21-08-08