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ARTE: Die « Kinder von Don Quichotte » haben mit ihren Zeltstädten in Frankreich die Debatte um die Situation wohnungsloser Menschen neu entfacht. Hat sich seitdem viel verbessert ?
Hector Cardoso: Es ist Bewegung ins System gekommen, aber die Dinge ändern sich nicht so schnell, wie wir es uns wünschen. Seit den Aktionen der « Kinder von Don Quichotte » hat man sehr viele Überlegungen angestellt zur Reform unseres veralteten Notaufnahmesystems. Die wichtigere Frage ist, wie diese Konzepte dann tatsächlich umgesetzt werden. Natürlich wird regelmäßig, vor allem zur Winterzeit, die Anzahl der zur Verfügung stehenden Plätze erhöht, aber diese Plätze bestehen nicht auf Dauer und die Qualität der Unterbringung und die Bedingungen sind nicht besonders gut.
Der Staat stellt aber weder die Qualität noch das bestehende System wirklich infrage – und hinkt auch immer etwas hinterher. Denn in der Zwischenzeit hat sich die Situation auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt eher verschlechtert, immer mehr Menschen leben unter dem Existenzminimum. Das soll nicht heißen, dass die Maßnahmen nicht gut waren, sie sind nur nicht durchgreifend genug.
In Frankreich ist seit Juli 2007 das Recht auf Wohnung gesetzlich verankert. Was bedeutet dieses neue Gesetz für Sie ?
Das neue Gesetz ist eine sehr gute Sache und hat uns alle aufatmen lassen – aber die Umsetzung ist natürlich noch ein ganz andere Sache. Unserer Meinung nach gibt es einfach zu viele Protagonisten – der Staat, die lokalen Vereine, private Initiativen usw. Wir befürchten, dass da eine eindeutige Steuerung fehlt. Und dann kann man natürlich auch die Art und Weise kritisieren, wie das Gesetz entstanden ist. Viele Vereine hatten dieses Gesetz schon lange vorher gefordert, entstanden ist es letztendlich in einem Klima von sozialem Druck.
Man spricht viel, vor allem im Winter, über Notunterkünfte – wie wird wohnungslosen Menschen auf lange Sicht geholfen ?
Seit den Aktionen der « Kinder von Don Quichotte » können die Betroffenen zum Beispiel ein Hotel finden, wenn sie stabil genug sind. Aber man kann nicht davon ausgehen, dass die Menschen nach ein oder zwei Gesprächen bereits bereit sind für eine solche Umstellung, dass sie es alleine aushalten, ohne Umfeld, ohne Einbindung in einen kollektiven Zusammenhalt. All diesen Fragen müsste man tiefer auf den Grund gehen. Es reicht nicht aus, den Menschen ein Dach über den Kopf zu geben, eine solche Umstellung muss im Vorfeld mit den Betroffenen intensiv vorbereitet werden, vor allem mit denjenigen, die schon sehr lange auf der Straße leben. Wenn wir die Menschen individuell betreuen möchten, dann sollten wir auch die Mittel dafür bereitstellen – davon sind wir momentan noch weit entfernt…
Sind die Betroffenen eingebunden in die Entscheidungsfindung ?
Aus unserer Sicht leider nur ungenügend. Die Betroffenen werden viel zu sehr als Hilfsbedürftige gesehen, es wird viel zu wenig mit dem Potential gearbeitet, das in ihnen steckt. Man geht vom aktuellen und funktionierenden System aus und versucht die Menschen in Schubladen zu zwängen – anstatt sich zu fragen, welches ihre wirklichen individuellen Bedürfnisse sind. Man müsste sich eher umgekehrt fragen: Was braucht dieser Mensch, um weiterzukommen, um würdig zu leben, selbst wenn er momentan unter einer Brücke lebt.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen ?
Die Menschen, die eine Antwort, eine Hilfe von der Gesellschaft erwarten, haben häufig bereits selber eine gefunden: Sie haben Mikro-Gesellschaften gebildet, in besetzten Häusern, im Wald oder unter Brücken. Sie beweisen oft sehr viel Courage und Organisationstalent und haben ihren Platz und eine wenn auch limitierte Privatsphäre gefunden. Sie leben zurückgezogen, unsichtbar, mit der ständigen Last, im Unrecht zu sein. Niemanden erkennt ihre enorme Leistung und ihren Lebensmut an. Diese Menschen kann man zwar nicht von einem Tag auf den anderen in eine Wohnung setzen, sie sind aber häufig dynamischer als jemand in einer Notaufnahme – wir brauchen Zwischenstrukturen, man sollte zusammen nach einer Lösung suchen und keine Angst haben, denjenigen Verantwortung zu übertragen, die Potential haben.
Mehr Respekt statt Schuldzuweisung und Mitleid - wie lässt sich das im Alltag umsetzen ?
Es kann schon sehr positiv sein, einfach einige Worte auszutauschen. Alle Experten sind sich darin einig, dass das Fehlen gesellschaftlicher Kontakte, die fehlende Anerkennung für die Betroffenen am schwersten zu ertragen sind. Im Winter sind Helfer häufig beunruhigt, wenn jemand bei -10 Grad immer noch in seinem Hauseingang sitzt statt in einer Notunterkunft– für diese zutiefst isolierten und verstörten Menschen ist aber der Gruß eines Nachbarn, die Geste von jemandem, der weiß, dass er da sitzt, häufig sehr viel wichtiger als das Risiko zu erfrieren.
Das Interview führte Nicola Hellmann






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