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KrimiWelt auf www.arte.tv - Zurufe der Jury - 27/02/08

Oliver Bottini: Im Auftrag der Väter

Rezensionen zu Krimis der Bestenliste


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Es ist erst der dritte Bottini, aber ein neuer Bottini ist inzwischen schon ein kleines Ereignis in der deutschen Krimiszene. Der in München lebende, seine Bücher im Freiburger Raum ansiedelnde Autor hat einen eigenen, mätzchenlosen Ton, mit dem er trotzdem Atmosphäre schafft. Dazu Mut zu Komplexität. Weit greift er aus, sowohl zeitlich als auch räumlich: Hauptkommissarin Louise Bonì reist bis in den Balkan, um, inoffiziell, die letzten Fäden eines Falls zu verknüpfen. Ein geheimnisvoller Fremder macht ihr zu schaffen, der in ein Haus einbricht und einem normalen Familienvater einer normalen deutschen Zwei-Kind-Familie eines Nachts befiehlt: "Gehst weg mit Familie, ist mein Haus." Ein Ultimatum. (…)
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau

Ein gedrungener, verwitterter Mann steht im nebligen Garten von Paul Nieman. Er tritt an die Glasscheibe und zielt mit einer Pistole auf den panischen Hausbesitzer Nieman. Sekunden später ist er verschwunden. Doch der Fremde kehrt nachts wieder und stellt ein seltsames Ultimatum. Ein Fall für Hauptkommissarin Louise Bonì aus Freiburg: Nieman, ein schwacher Mensch, dessen Familie in Auflösung scheint, hat einmal bei der Asylbehörde gearbeitet und psychisch sehr darunter gelitten. Hatte er da mit dem seltsamen Besucher Kontakt? Warum will er sich an nichts erinnern? Was der mehrfach ausgezeichnete, in München lebende Autor Oliver Bottini in seinem dritten, 440 Seiten dicken Kriminalroman entwickelt, ist eine über das Genre hinausweisende Auseinandersetzung mit ethischen Fragen, die er anhand der Ereignisse im Jugoslawienkrieg von der Theorieebene in die Realität holt. Der Wunsch nach Rache ist ein sehr menschlicher; auch Louise Bonì hegt Rachegedanken, als das Mädchen, das sie eigentlich hätte schützen sollen, ermordet wird.
Aber sie will auch verstehen und, kaum bewusst, auch ihre eigene Wurzel- losigkeit aufarbeiten. So reist sie in die Heimat des Täters. Sie beginnt mit dem Feld in Bleiburg, wo die kroatischen Flüchtlinge glaubten, den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben und dann im Mai 1945 von den Engländern in den Tod geschickt wurden. Sie taucht ein in die Vergangenheit Südosteuropas, in die Geschichte der von Maria Theresia angesiedelten deutschen Bauern in Jugoslawien, sie fährt nach Zagreb, nach Osijek, nach Vukovar und begreift schließlich, dass in diesen scheinbar unauflösbaren Konflikten keine neuerliche Gewalt helfen kann. All dies schildert Bottini episch, berührend, aber auch mit tiefem Pessimismus. (…)
Ingeborg Sperl/Der Standard

Na, das geht dem Häuslebauer bis ins Mark: In der Nähe von Freiburg taucht eines Samstagnachmittags im Garten des Beamten Paul Nieman ein fremder Mann auf. Der Mann starrt minutenlang böse ins Fenster, dann verschwindet er wieder. Unheimlich, bedrohlich. (…)
Die Niemans und die Polizei fragen sich, was es mit dem irgendwie ost- europäisch wirkenden Mann auf sich hat, aber der ist und bleibt verschwunden. Dann, mitten in der Nacht, steht er plötzlich neben dem Sofa, auf dem Nieman gerade wach wird: „Gehst du weg mit Familie“, flüstert der Mann dem Erwachenden mit deutlich osteuropäischem Akzent ins Ohr. „Gehst du weg, ist mein Haus.“ Und: „Sieben Tag. Gehst du weg sieben Tag.“
Diesmal nimmt die Polizei die Sache ernster, schließlich ist der Mann ins Haus eingedrungen, schließlich wurde eine Drohung ausgesprochen. Aber der Fremde bleibt unauffindbar, so sehr die Ermittler ihre Kräfte auch bündeln, bis, ja bis sieben Tage vergangen sind, beinahe zumindest. Dann ereignet sich genau das, was alle befürchteten, was alle zu vermeiden suchten, wogegen sie trotz allem aber machtlos waren…

Ein Fall für die Freiburger Kommissarin Louise Bonì, Alkoholikerin, halb Deutsche, halb Französin, mit dem Leben hadernde, am Leben scheiternde Ermittlerin für Kapitaldelikte, die diesmal – wieder möchte man sagen, wie immer bei Oliver Bottini – eine ganz besondere Ermittlung tun muss: Sie durchsucht und durchforstet die uns so nahe und doch so fremde Welt der Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie muss feststellen, dass es nicht nur Deutschstämmige aus Russland und den umliegenden Ländern gibt, sondern auch aus dem ehemaligen Jugoslawien. Sie muss sich mit der deutschen, der serbisch-bosnisch-kroatischen, der europäischen, der Geschichte hier und dort befassen. Und sie muss schließlich genau aufpassen, inwieweit sie sich persönliche Verstricktheit erlauben kann…

Oliver Bottini ist einer der besten deutschen Kriminalschriftsteller; zurecht wurde er mit seinen ersten beiden Romanen „Mord im Zeichen des Zen“ und „Im Sommer der Mörder“ jeweils mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. „Im Auftrag der Väter“, Bottinis dritte Krimiveröffentlichung, hält das hohe Niveau seiner beiden Vorgänger: Wieder beginnt die Geschichte mit einem Bild, in dem sie im Prinzip schon komplett enthalten ist; wieder sind Dramaturgie, Figurencharakteristik und die sprachliche Gestaltung mit viel Fingerspitzengefühl gelungen.

Oliver Bottini, so scheint es, wird sich seiner selbst beim Schreiben von Kriminalromanen immer sicherer; er beherrscht sein Handwerk aus dem Effeff; und es ist beeindruckend, wie virtuos er mit dem fragilen Kräftefeld von Tempo und Spannung spielt: Wie weit man das Tempo reduzieren und wie weit man dabei die Spannung ausdehnen kann, das testet er teilweise bis exakt an die Grenze des Zumutbaren aus.
In Passagen ist das Ergebnis große Kunst. Krimi-Kunst mit historischer Tiefe und Provinz-Appeal; die deutsche Genre-Variante auf dem globalisierten Markt der Unterhaltungsliteratur. Man muss bloß, auch das zeigt „Im Auftrag der Väter“, gut aufpassen, dass bei alldem nicht irgendwann der Krimi, das Genre mit all seinen Eigenheiten zugunsten der „Literatur“ auf der Strecke bleibt.
Ulrich Noller/WDR

Erstellt: 30-01-08
Letzte Änderung: 27-02-08


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