Rezension zu Das verborgene Netz von Oliver Bottini
Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 28. Oktober 2010
KrimiWelt-Bestenliste November 2010
Die auf skandinavische Krimis so versessenen Deutschen müssten gar nicht in die Ferne schweifen. Bis nach Freiburg genügt völlig, wo Oliver Bottini jetzt zum fünften Mal die sich gern in ihre Fälle verbeißende Ex-Alkoholikerin und Hauptkommissarin Louise Bonì ermitteln lässt. In "Das verborgene Netz" nützt es erwartungsgemäß gar nichts, dass irgendwelche Geheimdienstler möchten, dass sie die Finger lässt vom auch politisch brisanten Fall: Auf dem Finger-weg-Ohr ist Louise Bonì taub.
Diesmal bekommt der Bottini-Leser außerdem Berlin kostenlos dazu: Dort passiert in einem Hotel Seltsames, wird eine Frau beschattet, ein Mann zusammengeschlagen. Die Frau ist so nett, im Zuständigkeitsbereich der Kommissarin zu leben, da kann Bonì doch gar nicht anders, als die wichtige Zeugin im Blick zu behalten ...
Oliver Bottini, Jahrgang 1965, liebt es zwar manchmal auch spektakulär-blutig, doch in der Regel wahrt er die Plausibilität. Und lässt seine Ermittler ins Leere laufen, den einen oder anderen Handlungsfaden gleichsam baumeln. Vor allem aber hält er sich fern von Klischees, von Sprachklischees insbesondere. Seine Texte sind schlank, präzise, ohne in die Lakonik amerikanischer Hardboiled-Romane zu verfallen. Und er pflegt die psychologischen Hintergründe dezent, ohne einem Erklärungen aufzudrängen.
Vermutlich wirken seine Figuren gerade deswegen lebensnah. Diesmal scheint Louise Bonì ganz kurz davor, wieder mit dem Trinken zu beginnen. Und also ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Aber das fände nicht nur ihr knurriger Chef schade, auch für den Krimileser wäre es ein Verlust.
Tobias Gohlis/What’s new auf der KrimiWelt November 2010
KrimiWelt-Bestenliste November 2010
Wie von einem Netz…
umsponnen ist Oliver Bottinis fünfter Kriminalroman mit der Alkoholikerin und Kommissarin Louise Bonì als zentraler Ermittlerfigur. Zu Beginn befinden sich Leser und Erzähler außerhalb des Netzes und beobachten das Zimmer einer Frau in Berlin. Sie ist ersichtlich nicht gesund und betrübt und wird von einem Mann überfallen. Doch bevor der in ihr Zimmer eindringen kann, schlägt ein anderer, der das ganze von einem Überwachungsposten aus beobachtet hat, den potenziellen Eindringling nieder.
Der bleibt schwer verletzt liegen, verschwindet dann und erregt dadurch das detektivische Interesse von Louise, die eigentlich nur nach Berlin geschickt worden ist, damit sie nach Entziehungskur und Trockenübungen in der Fortbildung etwas Leichtes zu tun hat. Doch nichts ist leicht und unproblematisch in Louises Augen, zumal die attackierte Frau, eine Freiburgerin aus der Solarbranche, sich als schwer Traumatisierte erweist und als Selbstmörderin.
Das verborgene Netz setzt Bottinis Erzählungen aus der Welt des Geheimen fort: Diesmal geht es um eines der wichtigsten Spionagegebiete, die Industriespionage. In dieses Netz dringt Louise zwar ganz kurz ein, doch dann löst es sich, schwups, in Luft auf.
Rezension zu Jäger in der Nacht von Oliver Bottini
- Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 16.3.09
KrimiWelt-Bestenliste April 2009
Zu den Dingen, bei denen der Krimi - als Film, als Buch - die Lebenswirklichkeit außer Kraft setzt, gehört das sozusagen abwaschbare Gemüt der Ermittler und oft auch der Hinterbliebenen. Brauch ist, dass den Kommissaren Woche um Woche oder Roman um Roman Tote vor die Füße purzeln - doch gleich sind sie wieder so fidel/witzig/mürrisch wie vor dem neuesten blutigen Fall.
Oliver Bottini, einer der wenigen deutschen Autoren, die in der Krimi- Oberliga spielen, durchbricht manches Klischee; die Teflon-Seele ist eines davon. Sehr zart, sehr einleuchtend beschreibt er nun in "Jäger in der Nacht", wie Thomas Ilic - Hauptkommissarin Louise Bonìs Lieblingskollege - zwar nach längerer Behandlung zurückkehrt in den Dienst, aber doch ganz offensichtlich nie mehr derselbe sein wird. Direkt neben ihm wurde ein Mensch erschossen, er braucht Antidepressiva und kann sich nicht lange konzentrieren. Und der Fall, in dem er Louise Bonì nun zuarbeitet, ist schon deswegen heikel, weil bei der Hauptkommissarin bald der Groschen fällt, dass es nicht nur ein Informationsleck gibt, sondern es so sein könnte: ein Polizist ist zumindest beteiligt am Verschwinden einer jungen Frau. Und ein Junge musste offenbar sterben, weil er das Verbrechen zufällig entdeckte. "Jäger in der Nacht" heißt der Roman etwas melodramatisch, auch könnte Oliver Bottini in allen seinen - bisher vier - Krimis zu böser Letzt mit dem ein oder anderen Toten weniger auskommen: Seine schreiberische Meisterschaft hält den Spannungsfaden allemal straff, ohne dass die Opferzahlen im schönen Breisgau so steigen müssten. Er weiß zu erzählen, hat ein feines Gehör für Dialoge, schneidet Szenen scharf gegeneinander. Vor allem aber sind eben seine Figuren plausibel - die "Guten" mit ihren Schwächen und Lebensverletzungen, die "Bösen" mit ihrem manchmal eher zufälligen moralischen Versagen. Menschen in allen Charakterschattierungen gibt es bei Bottini. Diesmal bewegt besonders der junge Eddie, der noch nicht viele Chancen hatte - sie aber wohl auch nicht nützen würde. Weil er in seiner Familie kein Mitgefühl lernen konnte - der Vater prügelt, die Mutter ist feige -, trifft er eine miese kleine Entscheidung, die ihn das Leben kostet. Das Was-wäre-wenn ... führt hier zu besonders bitteren Schlüssen.
Ingeborg Sperl/www. krimiblog.at (3-09)
KrimiWelt-Bestenliste April 2009
Oliver Bottini ist gut für ausgefallene Plots und gepflegte Spannung. Auch sein neuer Krimi beweist, dass ihm die Ideen nicht ausgehen und er sein Handwerk beherrscht. Bottini arbeitet mit bekanntem Personal, die Hauptfigur ist Louise Boní, Hauptkommissarin der Freiburger Kripo, eine komplizierte, bindungsscheue und nicht gerade optimistische Frau. Sie bekommt es nicht nur mit einem neuen Freund, sondern auch mit zwei seltsamen Fällen zu tun, die anscheinend nichts miteinander gemein haben. Eddie, ein verwahrloster, gewalttätiger Teenager und sein unterbelichteter Freund finden in einer zerfallenden Scheune ein schwer verletztes Mädchen. Statt Polizei oder Arzt zu rufen, malt sich Eddie aus, wie es wäre, wenn er die hilflose junge Frau vergewaltigen könnte. Aber zuerst einmal begeben sich die beiden hoffnungsvollen Jugendlichen zum Fernsehen, schließlich wird ein Fußballspiel übertragen- irgendwo im Text heißt es, die Prioritäten der Männer wären „Ficken, Fressen, Fußball“. Als Eddie zur Scheune zurückkommt, ist das Mädchen verschwunden und Eddie läuft seinem Mörder in die Arme. Boní hat also einen Mord aufzuklären und soll gleichzeitig eine verschwundene Studentin finden. Dann wird ein Arzt umgebracht, dessen Frau und Kind sich sehr merkwürdig verhalten. Seltsam sind auch zwei alte Damen in einer herrschaftlichen Villa, die Boní nicht ins Haus lassen und geheimnisvolle Andeutungen machen. Bottinis Protagonisten sind gebrochene Charaktere, auch die Guten haben manchmal Angst, sind feige und wollen Unangenehmes verdrängen. Aber manche ziehen trotz aller innerer Widerstände doch Konsequenzen aus ihren Fehlern, was die Welt nicht schöner, aber eine Spur erträglicher macht. Am Besten am Wochenende lesen, da kann man dann ausschlafen, wenn man das Buch nachts in einem Zug gelesen hat.
18.03.05 - Der Start der KrimiWelt
Ausgerechnet zur Präsentation der KrimiWelt-Bestenliste bei der Leipziger Messe bricht die Sonne durch – ein gutes Zeichen? Schlagartig steigt die Temperatur von 30 auf 40 Grad am Messestand von ARTE. High Noon. Moderatorin Lore Kleinert, Autor Oliver Bottini und ich fächeln mit frisch gedruckten Krimibestenlisten, nur Lena Blaudez, afrikaerfahren, erzählt kühl von Bürgerkrieg und Entwicklungshilfe in Benin, wo ihr erster (und gleich auf Platz drei gelandeter) Roman „Spiegelreflex“ spielt.
Am Stand von ARTE ist es proppenvoll: Verlagsleute, viel Publikum, auch einige Kritikerkollegen und immerhin fünf der siebzehn Juroren sind da, darunter unsere Außenagentin in Kairo, Michaela Grom. Großes Interesse, breite Zustimmung.
Der Sonderdruck der „Literarischen Welt“ mit der ersten Bestenliste ist noch vor Ende der Präsentation vergriffen, am nächsten Tag war dann auch keines der blau-weiß-roten Faltblätter mit der KrimiWelt mehr zu haben. Danach gab es die KrimiWelt nur noch im Internet – bei ARTE, auf vielen anderen Krimiseiten im Web und besonders hervorgehoben bei den Alligatorpapieren. Gute Zeichen.
Die wichtigsten Links:
- Homepage des Autors
- Bottini im Krimlexikon
- Bottini in der Wikipedia
- Ein Interview mit Oliver Bottini geführt von Gisela Lehmer-Kerkloh und Thomas Przybilka
(aus: www.alligatorpapiere.de)
- Eine Rezension von Frank Kaufmann über Oliver Bottinis Krimidebüt "Mord im Zeichen des Zen"
(aus: www.alligatorpapiere.de)
- Ein Interview mit Oliver Bottini geführt Michaela Pelz
(aus: www.krimi-forum.de)







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