Kritik: Der Film beginnt ganz unspektakulär nur mit einem Text, dem Eid, den das Militär auf den Oberbefehlshaber Adolf Hitler schwört – laut und begeistert. Das gibt die Konflikthöhe vor, in der sich der militärische Widerstand um Oberst Stauffenberg befand, wobei man sich allerdings vergegenwärtigen muss, dass so ein Eid für diese Offiziere damals noch eine andere Bedeutung hatte als heute. Und das ist nicht die geringste Leistung dieses insgesamt großartigen, historisch genauen und spannenden Films über das Attentat vom 20. Juli 1944, das mit dem Namen Stauffenberg verbunden ist: nämlich deutlich und nachvollziehbar zu machen, in welchem Koordinatensystem diese Offiziere sich bewegten, wie sie dachten und handelten, bis sie sich endlich zum Attentat auf den „Führer“ entschlossen. Nach viel zu langem Zögern, das ist unbestreitbar, und wenn der Staatsstreich gelungen wäre, hätten sie wahrscheinlich auch nicht gleich eine freiheitlich-demokratische Rechtsordnung installiert, aber solche Einwände waren schon immer unhistorisch, und der Film lässt sich auf diese Diskussion auch gar nicht erst ein. Er zeigt die Männer um Stauffenberg mit ihren Widersprüchen und Bedenken und realistischerweise einige auch bei dem Versuch, sich nach beiden Seiten abzusichern, um am Ende auf jeden Fall auf der Gewinnerseite zu stehen.

Ein Film von Bryan Singer (USA 2008, 120 Min.)
Drehbuch: Christopher McQuarrie, Nathan Alexander
Mit: Tom Cruise (Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg), Kenneth Branagh (Generalmajor Henning von Tresckow), Bill Nighy (General Friedrich Olbricht), Tom Wilkinson (General Friedrich Fromm), Carice van Houten (Gräfin Nina von Stauffenberg), Thomas Kretschmann (Otto Ernst Remer), Christian Berkel (Mertz von Quirnheim)

Wer von einer Hollywood-Produktion eindimensionale Helden und Sympathieträger erwartet hatte, wird erstaunt feststellen, wie differenziert Bryan Singer und die beiden Drehbuchautoren (die von dem Nestor der Stauffenberg-Forschung, dem Historiker Peter Hoffmann, informell beraten wurden) die einzelnen Figuren entwickelt haben. Natürlich musste verdichtet und dramatisiert werden, schließlich bietet der Film auch zwei Stunden Spannung für ein internationales Publikum, das vom 20. Juli noch nie etwas gehört hat, aber die Geschichte selbst ist ja dramatisch genug, da musste der Film die Emotionalisierung gar nicht übertrieben einsetzen. Selbst die sonst immer gern betonten und funktionalisierten „family values“, also der Held zerrissen zwischen der Liebe zu seiner Familie und seiner Aufgabe, werden hier für Hollywood-Verhältnisse angenehm zurückhaltend eingebaut. Immerhin wusste Stauffenberg, dass er nicht nur sein eigenes Leben sondern auch das seiner Frau und seiner Kinder aufs Spiel setzt.
Der Film besticht aber nicht nur durch die gelungene Dramatisierung der Attentats-Geschichte, durch Timing und Präzision, sondern auch durch die „kleinen“ Szenen, Beobachtungsmomente, die mehr Atmosphäre vermitteln als manche lange Einstellung: beispielsweise wie vor Hitlers Ankunft die Zigaretten nervös mit den Stiefeln ausgedrückt werden, oder in der Sommerhitze im Wald vor der Wolfsschanze die Stechmücken auf der Hand mit der Zigarettenglut verbrannt werden, oder Stauffenbergs übertriebener Hitlergruß mit erhobenem Arm, dem die Hand fehlt.
Wenn man hier noch einmal sehen kann, an welchen Kleinigkeiten und Zufällen der mehr als legitime Staatsstreich scheiterte, und wenn man bedenkt, wie viele Menschen vielleicht nicht hätten nutzlos sterben müssen, wenn die „Operation Walküre“ erfolgreich gewesen wäre, dann hinterlässt der Film auch Trauer und schiere Verzweiflung.
So ist es doch noch ein starker Film geworden, mit hervorragenden Darstellern – nicht zuletzt auch den beiden Deutschen Thomas Kretschmann und Christian Berkel – der allen davon erzählt, dass es auch unter höchsten Militärs einen Widerstand gegen Hitler gab. Was natürlich nichts daran ändert, das viel zu viele viel zu lange mitgemacht haben. Aber das gilt ja nicht nur für die Soldaten.
Thomas Neuhauser






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( Arte Bewertung: 4 )






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