Wie so viele Innovatoren des Jazz, stieß auch Ornette Coleman in seinen Anfängen Ende der 50er Jahre erst einmal auf helle Ablehnung und heilloses Unverständnis. Nicht nur, daß sich hier ein Musiker scheinbar an der Tradition des Bebop versündigte und eine neue Richtung ständiger Unvorhersehbarkeit einschlug, der Saxophonist besaß auch noch die Chuzpe, seinen ersten Alben Titel zu geben, die geradezu unverschämt selbstsicher klangen: "The Shape of Jazz To Come", "Turn Of The Century", "Tomorrow Is The Question!". Dabei erkennt man aus heutiger Sicht, wie nahtlos und logisch Coleman und sein Quartett damals den Bebop fortgeschrieben haben.Sein Spiel mit der typisch scharfen Intonation und der Manier sich von den vorgegebenen Harmonien zu lösen, galt lange Zeit bestenfalls als verschroben, unverständlich oder dilettantisch. Mit der Zeit jedoch fanden sich einige Musiker, die ihn zu verstehen schienen: der Trompeter Don Cherry, Bassist Charlie Haden und der Schlagzeuger Billy Higgins. Mit ihnen formte Coleman eine Band, die bereit und fähig war, dem damaligen Jazz tatsächlich eine neue Perspektive zu geben. Die Improvisationen lösten sich immer weiter vom Thema ab - wenn Ornette Coleman sich überhaupt mit einem einzigen zufrieden gab. Denn oftmals führte bei ihm ein Thema zum nächsten; gleich mehrfach verlagerte er so mehrmals das tonale Zentrum innerhalb eines Stückes. Es galt jetzt nicht mehr, nach einer Solo-Exkursion zum Ausgangspunkt zurückzukehren, sondern auf diese Weise die tradierte Songstruktur zu verändern. Auf diese Art und Weise hielt er die Stücke offen für die Möglichkeiten, den spontanen Gedanken, Empfindungen und Erfindungen freien Lauf zu lassen.
Colemans Satz: "Let's play the music, not the background" ist zum Schlagwort geworden. Damit meinte er, der Musiker müsse sich von jenen eingefahrenen Denkmodellen lösen, die das Spiel in absehbare Bahnen lenkt. Den entscheidenden Schritt aber, Improvisation nicht als "Nacheinander" sondern als "Gleichzeitigkeit" zu verstehen, vollzog er mit unerwarteter Radikalität am 21. Dezember 1960. Für diese Aufnahme bestellte der Saxophonist ein Oktett ins Studio ein, bei dem alle Instrumente doppelt besetzt waren.
Die Musiker der beiden - im Stereopanorama getrennten - Quartette erhielten nur vage Vorgaben, an denen sie sich orientieren konnten: Alles war jetzt eine Frage der Reaktion auf das Spiel der anderen und eine unerhörte Herausforderung der eigenen Imagination. So gestaltete Ornette Coleman eine neue Vielstimmigkeit, eine Befreiung von festen Formen und Abläufen. Das Unvorhersehbare war Ton geworden. Konsequent nannte er das Album "Free Jazz" - und gab damit einer neuen Spielpraxis und einer neuen Haltung einen Namen. Der Bassist Steve Swallow beschrieb diese Revolution in einem Interview sehr präzise: "Ornette Coleman befreite die Leute - einfach indem er ihnen die Lizenz erteilte, sie selbst sein zu dürfen. Jeder begann, in seiner eigenen Sprache zu sprechen, jeder klang nur wie er selbst. Die Musik war für uns wie ein Zug, der - so wie er sich weiterbewegt - seine eigenen Schienen verlegt. Es war die Umsetzung der alten Forderung, daß die Form der Funktion zu folgen habe. Wir machten uns überhaupt keinen Gedanken um die Struktur der Musik. Die Struktur entstand einfach."
Text: Harry Lachner
Free Jazz - A Collective Improvisation By The Ornette Coleman Double Quartet(CD: Atlantic Jazz 1364-2, Rec. 1960)






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