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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Ornette Coleman: Tone Dialing

Harmolodic/Verve 527 483-2


Ein Blick über den Teller- und den Jahrhundertrand des Jazz
von Bert Noglik

Die Auswahl im Überblick

Das 1995, im 65. Lebensjahr von Ornette Coleman veröffentlichte Album akkumuliert die jahrzehntelangen Erfahrungen eines radikalen Erneuerers und macht seine innovative Klangsprache zugleich einem breiteren Publikum zugänglich. Dabei begibt sich Coleman nicht auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern er erweitert sein Konzept, indem er Einflüsse aus unterschiedlichen Weltkulturen in sein harmolodisches Konzept und in das Spiel mit seiner „Prime Time“ Band integriert.

„Harmolodics“, das von Ornette Coleman entwickelte System beruht auf der simultanen und gleichberechtigten Existenz von Harmonik, Rhythmik (Motion) und Melodik. Mit der Abkehr von der konventionellen Art des Jazzimprovisierens hatte der Altsaxophonist Ornette Coleman Ende der fünfziger Jahre Aufsehen erregt und mit der 1960 eingespielten Platte „Free Jazz“ der neuen Musizierrichtung einen Namen gegeben (siehe Jahrhundertaufnahmen des Jazz, Staffel 1). Nach seiner Reise zu den marokkanischen „Master Musicans of Joujouka“ im Jahre 1973 begann er, dem physischen Aspekt des Musikerlebens mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Die 1975 entstandene Band „Prime Time“ beruhte auf der Kombination von zwei E-Gitarristen, zwei Bassisten, zwei Perkussionisten und den sich durch das komplexe, funkrhythmische Klanggeschehen hindurch ziehenden Saxophonlinien Ornette Colemans.
Nach siebenjähriger Pause entstand 1995 mit einer weitgehend neu besetzten „Prime Time“ Band das Album „Tone Dialing“. Neben Ornette Ornette Colemans Sohn Dernado wirkt nun der Tabla-Meister Badal Roy mit. Indische Skalen und Rhythmen, Latin-Aspekte, Afrikanisches, ja selbst die Adaption des Präludiums aus Bachs erster Cellosuite G-Dur – all das wird eingereiht und eingewoben in einen harmolodischen Bilderbogen, grundiert mit der Erfahrung des Jazz und des Blues, aber auch populäre Farben, Einflüsse aus Rap und HipHop sowie Elektronisches aufscheinen lassend.

„Tone Dialing“, veröffentlicht auf dem von Ornette Coleman gemeinsam mit Dernado ins Leben gerufenen Label „Harmolodic“, wagt den Blick über die Jahrhundertmarke des Jazz hinaus. Während der Saxophonist 35 Jahre zuvor die bis dato geltenden Verbindlichkeiten des Jazz in Frage stellte, setzt er sich nun auch über die Grenzen von Jazz, Funk, Pop, Spoken Poetry und World Music hinweg. Seiner gestaltenden Kraft als Komponist, Bandleader und Improvisator ist es zu danken, dass es er sich dabei nicht in einem kunterbunten Sammelsurium verliert. Unangestrengt widmet er sich existentiellen Themen wie in „Search For Life“.
Mit „Kathelin Gray“ nimmt er ein Thema wieder auf, das er bereits 1985 in der sensationell ungleichen und erfolgreichen musikalischen Paarung mit dem Gitarristen Pat Metheny auf der Platte „Song X“ vorgestellt hatte. Die Stücke auf der CD „Tone Dialing“ wirken zuweilen Hit-verdächtig, haben stellenweise Ohrwurm-Qualitäten, widersetzen sich aber zugleich den Hörgewohnheiten bzw. den Erwartungshaltungen und offenbaren unter der Oberfläche eine erstaunliche Komplexität. Bezeichnend einer der Aussprüche des Altmeisters der Jazz-Avantgarde im Zusammengang mit diesem Album: „Befreit die Klänge vom Kastensystem.“
Text: Bert Noglik

Ornette Coleman & Prime Time: "Tone Dialing"
Harmolodic/Verve 527 483-2 (1995)

Erstellt: 07-10-08
Letzte Änderung: 28-11-08


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