Kritik: Der amerikanische Regisseur Todd Solondz hat schon immer ganz gerne in seinen Filmen Figuren zu Hauptrollen gemacht, die im wirklichen Leben eher auf der Schattenseite stehen. In seinem Debüt Welcome to the dollhouse (1996) war Dawn Wiener, ein kleines Mädchen mit dicker Brille, Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Mit dem ganz alltäglichen Albtraum dieses Mädchens konnten sich viele Zuschauer identifizieren, denn sie war sympathisch. In Happiness stand Bill Maplewood, ein pädophiler Psychopath im Mittelpunkt seiner Geschichte und auch hier funktionierte das mit der Identifikation noch erstaunlich gut. In Palindromesgeht Todd Solondz noch einen Schritt weiter. Er lässt den Charakter der Aviva von mehreren Schauspielern gleichzeitig verkörpern: von zwei Frauen, vier Mädchen zwischen 13-14, einem 12-jährigen Jungen und einem 6-jährigen Mädchen. Das ruft anfangs natürlich Irritationen beim Zuschauer hervor. Man denkt an Rückblenden oder diverse andere filmische Tricks bevor man das Spiel des Regisseurs begreift. Palindromes ist Synonym für ein Wort, das vorwärts und rückwärts gelesen denselben Sinn ergibt, etwa der Name Aviva.
Der Regisseur nimmt sich die Freiheit, diese Idee auch auf die unterschiedlichen Schauspieler/innen zu übertragen, die alle Aviva verkörpern. Es ist ein interessantes Spiel, das Solondz da vorschlägt. Immer wieder ertappt man sich beim Zusehen, dass man die eine Darstellerin der Aviva lieber sieht als eine andere. Jede einzelne zeigt eine Facette Avivas, aber erst alle zusammen sind Aviva.
Solondz mutet seiner Protagonistin Aviva ungewöhnliche Begegnungen zu – auf der Flucht vor den Eltern und immer auf der Suche nach einem Erzeuger ihres Wunschkinds. Da trifft sie etwa auf die Sunshines. Ein Paar mit fast schon unheimlicher Freundlichkeit hat mitten im Wald ein Haus. Sie haben ein Dutzend Kinder adoptiert, die alle an unterschiedlichen Krankheiten leiden. Die Sunshines wollen Aviva aufnehmen, aber sie reißt aus. Sie begreift, dass sie hier niemals glücklich werden wird...und kehrt früher oder später - zurück nach Hause.
Palindromes ist ein seltsamer, ein irritierender Film. Er ist wie ein Märchen, spielt aber in der Gegenwart. Solondz sagt, dass Avivas Reise auch ein Rundweg ist, klar bei einem Film der Palindromes heißt. Aber trotzdem wird sie nicht mehr dieselbe sein, auch wenn sie noch genauso aussieht.
Nana A.T. Rebhan
- Palindromes
Buch und Regie: Todd Solondz
Mit Ellen Barkaber, Stephen Adly Guirgis, Jennifer Jason Leigh, Debra Monk
Offizieller Wettbewerbsbeitrag Filmfestspiele Venedig 2004






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