
Das Museum der Unschuld. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag. München 2008. 560 Seiten, 24,90 Euro

Ein Museum der Liebe
„Das Museum der Unschuld“ erzählt vom reichen, 30-jährigen Kemal Besmaci, der 1976 kurz vor der Verlobung mit Sibel steht, sich aber plötzlich in die schöne achtzehnjährige Verkäuferin Füsun verliebt. Kemal will beides, die Ehe und die amour fou, doch Füsun verschwindet nach der Verlobung, und die Verlobte trennt sich schließlich von dem schwermütig gewordenen Kemal. Dann meldet sich Füsun wieder, die mit ihrem Ehemann bei Vater und Mutter lebt, und Kemal besucht sie und die Eltern acht Jahre lang vier Abende in der Woche, an denen er die Geliebte ansehen und sprechen, aber nicht küssen und berühren darf. 1984 will Füsun endlich Kemals Ehefrau werden, verbringt eine Nacht mit ihm und steuert am Morgen das Auto gegen einen Baum. Sie stirbt, ihr Beifahrer Kemal überlebt - und beschließt nach diesem Ende, das ein an ein kitschiges Filmmelodram erinnert, seiner Liebe ein Museum zu errichten.
Phantasma der Jungfräulichkeit
Was sich in der knappen Zusammenfassung noch recht dramatisch anhört, zieht sich auf nicht weniger als 560 Seiten doch sehr hin. Schließlich glaubt man, jedem der 1593 Abende beiwohnen zu müssen, die Kemal in der Nähe Füsuns verbringt (der Ehemann ist glücklicherweise immer unterwegs). Zumal Pamuk die Außenwelt weitestgehend ausblendet. Er schildert die ausgelassenen Parties der Istanbuler jeunesse dorée, jedoch nicht die zahlreichen Attentate der siebziger Jahre, und der Militärputsch von 1980 findet nur Erwähnung, weil die Ausgehsperre Kemals Fahrten zu Füsun behindern. Die Monomanie des Ich-Erzählers, seine selbstverliebte Lethargie und sein betulicher Predigerton können einem ganz schön auf die Nerven gehen.
Im Zentrum des Romans steht das Phantasma der Jungfräulichkeit. Kemal ahmt wie seine reichen Freunde die westliche Lebensweise nach. Er und Sibel schlafen vor der Ehe miteinander – aber beide wissen, das allein die Eheschließung Sibels Ehre wahrt.
Unschuld als Übereinkunft
Die amour fou mit Füsun scheint frei von diesen Erwägungen. Kemal und Füsun erfahren die Liebe sogar zweimal: erst in der fleischlichen, dann in der keuschen Variante, und verglichen mit beiden wirken deren Vorbilder, die westlich-moderne und die türkisch-traditionelle Moral, wie blasse Zerrbilder. Nach acht Anbetungsjahren sagt Füsun zu Kemal, sie habe mit ihrem Ehemann nie geschlafen und sei eigentlich noch Jungfrau – was sie, keiner weiß es besser als Kemal, in biologischer Hinsicht nicht ist. Die Unschuld, zeigt Pamuk, ist kein biologisches Faktum, sondern eine Übereinkunft zwischen Mann und Frau.
In den acht Anbetungsjahren hat Kemal viele Dinge aus dem Haushalt von Füsuns Eltern mitgehen lassen, um sich mit ihnen zu trösten: Ohrringe, ein Feuerzeug, Porzellanhunde, mehrere tausend Zigarettenkippen, Speisekarten, ein Salzstreuer, ein Slip, ein Toilettengriff, Kindersocken, die Nachbildung einer Zimmerdecke und vieles mehr. Die Alltagsgegenstände, deren Geschichte der Roman erläutert, will Kemal nach dem Tod Füsuns in einem Museum der Unschuld ausstellen. Dieses Museum wird es bald wirklich geben. Denn wie seine Romanfigur hat auch Orhan Pamuk allerlei Gegenstände gesammelt und in Istanbul ein Haus gekauft, um ein Museum einzurichten. Es soll seinen an sich selbst zweifelnden Landsleuten zeigen, dass sie auf ihren Alltag stolz sein können. So sagt es jedenfalls Kemal im Roman, der als Ausstellungskatalog möglicherweise mehr Freude bereitet.
Eine Rezension von Jörg Plath
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Die Grafik für die Seite kommt diesmal von dem ARTE Zuschauer Philippe Bichon. Er hat mehrere Entwürfe für elektronische Postkarten geschickt. Mehr Lust auf Türkeiimpressionen von Philippe Bichon? Klicken Sie auf unsere Rubrik „Reiseskizzen aus der Türkei“.







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