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European Award 2007

Wir haben den „Begründer des modernen Films“, der sich seit seinem letzten Film aus dem Jahr 2004 („Notre Musique“) zurück gezogen hatte, getroffen...

European Award 2007

03/09/08

Paper cannot Wrap up Embers

Der Dokumentarfilmer Rithy Panh wurde für seinen Film "Paper cannot Wrap up Embers" (Le papier ne peut pas envelopper la braise) bereits mit dem FIPA D’OR Biarritz 2007 ausgezeichnet. Am 1. Dezember wird er bei der Verleihung der European Film Awards 2007 mit dem „Prix ARTE“ für den besten Dokumentarfilm geehrt.

Dokumentarfilm von Rithy Panh
(Kambodscha, 2007, 90 Min.)



Nach „S 21 – Die Todesmaschine der Roten Khmer“ und „Das Theater in den Ruinen“ ist auch Rithy Panhs jüngster Dokumentarfilm, in dessen Mittelpunkt eine Gruppe von Prostituierten in Phnom Penh steht, ein Versuch der Auseinandersetzung mit Erlebtem durch kollektive Neuinszenierung. Der Regisseur dreht an den Orten des Geschehens: Im Mittelpunkt seines ersten Films stand die Begegnung ehemaliger Häftlinge des Pol-Pot-Lagers S 21 mit ihren Peinigern. „Theater in den Ruinen“ berichtete über die Mitglieder einer großer Armut lebenden Schauspieltruppe. In seinem neuen Film lässt er junge Frauen zu Wort kommen: In einem heruntergekommenen Raum laden sie gemeinsam ihre Schande ab, so wie es die ehemaligen Gefangenen von „S 21“ taten, als sie ihren Alltag in Haft am heute zweckentfremdeten Ort ihrer Gefangenschaft erneut in Szene setzten und durchlebten. Auch die Schauspieler, zum Teil Überlebende der Verfolgung durch die Pol-Pot-Diktatur, luden ihren Ballast „Angst“ auf der Bühne ab. So auch die jungen Frauen, die sich in der Kunst der Distanzierung üben, wenn sie über ihren von Tragik und Absurdität geprägten Alltag berichten. Schauspiel als Therapie.

Rithy Panh will daran erinnern, dass in einem Land, in dem jahrzehntelang Krieg herrschte, das soziale Trauma an der wirtschaftlichen und politischen Ausbeutung von Geist und Seele sichtbar wird. Die im Krieg gefallenen Soldatenväter hinterleißen Waisen, aus denen unterbezahlte Arbeiter oder, schlimmer, Prostituierte wurden. Doch Schweigen und Verleugnung können Wut und Scham nicht ersticken: Glühende Kohlen kann man nicht in Papier einwickeln, sagt der Filmtitel. In Kambodscha gibt es heute fast 30 000 Prostituierte. Der Regisseur dreht in den Räumen des „White Building“, eines großen, heruntergekommenen Wohnpalastes in der Hauptstadt, der in ein riesiges Bordell umfunktioniert wurde. Wie viele der Mädchen kommen auch Line, Aun Toch, Da und Ksav vom Land. Sie wurden geschändet, an Menschenhändler verkauft und hatten nicht „das Glück, Arbeit in einer Fabrik zu finden“. Heute leben sie wie Sklavinnen. Verleugnet, verachtet und oft von den Freiern geschlagen, haben sie schon längst die Selbstachtung verloren. Ihre Lage halten sie vor den Familien auf den Dörfern geheim; doch um sie zu unterstützen, verschulden sie sich. Hinzu kommt die Drogenabhängigkeit, denn Drogen nehmen sie, um durchzuhalten und einen Augenblick lang zu vergessen. Geld verdienen heißt für sie auch, sich der Illusion hinzugeben, zur Konsumgesellschaft zu gehören und „frei zu sein“.

Der Film wurde bei den jungen Frauen zu Hause gedreht. Dort findet keine Prostitution statt, denn sie benötigen einen Raum, wo sie sich unterhalten und zurückziehen können. Sie alle gehören einer gesellschaftlichen Schicht an, in der man den Mund zu halten hat, zumal diese Mädchen, die einem geächteten Gewerbe nachgehen. Wie in „S 21 – Die Todesmaschine der Roten Khmer“ und „Das Theater in den Ruinen“ steht der Drehort, auch wenn oder gerade weil es sich dabei um eine heruntergekommene Bleibe handelt, für Vergangenheit und Zukunft der Protagonisten. Er ist fester Bestandteil der dokumentarischen Ermittlung und muss daher im Bild erscheinen. Wichtigstes Anliegen ist jedoch, die Frauen zu Wort kommen zu lassen und ihnen ihre permanent mit Füßen getretene Würde zurückzugeben. Der Filmemacher will die düstere und beengende Atmosphäre von Drehort und Situation nicht noch verstärken. Im Gegenteil: Durch den bewussten Einsatz von Großaufnahmen und hellem Licht versinnbildlicht er den Glauben an den Traum, dass das Leben an diesen Orten nicht verschwunden ist, dass es überall dort fortdauert, wo Menschen auf engstem Raum zusammen sind, selbst wenn es sich als Kampf ums Überleben gestaltet.

„Wenn wir unsere Beine breit machen, sind wir tot“, berichten die Frauen. Aus dem plötzlichen Bedürfnis sich mitzuteilen, sprechen sie stockend, von Schluckauf unterbrochen - ein Symptom von Drogenabhängigkeit und Misshandlungen. Die fast 300 Stunden Rohfilmmaterial führen Rithy Panh zu dem Schluss, dass die Verbrechen nach dem Völkermord Verbrechen ungesühnt blieben (In „S 21 – Die Todesmaschine der Roten Khmer“ wurde eine Szene gezeigt, in der sich Opfer und deren straflos ausgegangene ehemalige Peiniger heute auf der Straße begegnen). Es geht um das Geld, dass man mit Korruption verdienen kann Geld, um den Graben zwischen Arm und Reich und das große Unverständnis zwischen Volk und Machthabern, das in andauernde, unfruchtbare Kämpfe mündet („Le Papier ne peut pas envelopper la braise“ ist eine französische Koproduktion. Rithy Panh spricht jedoch von Kambodscha). Der Verfall der Körper und das Bröckeln von Bauten wie des von Elendsvierteln umgebenen White Building stehen für die Zersetzung einer Gesellschaft, in der die Jugend fast die Hälfte der 13 Millionen Kambodschaner ausmacht.

Es ist dem Regisseur wichtig, sein erschütterndes Porträt nicht zu „entmenschlichen“. Er will nicht anstelle der Protagonistinnen sprechen, er will einen Film für und nicht gegen sie drehen. Geduldig vermittelt er die kulturellen Eigenheiten dieser Cour des Miracles, zu dem das White Building geworden ist: das traditionelle Reisgericht Bobor mit Fleisch oder Fisch wird ebenso gezeigt wie die Lokaldroge Mâ, ein Amphetaminderivat. Man nennt es auch Yama, was soviel wie Rosskur bedeutet. Jede der jungen Frauen wird bei alltäglichen Arbeiten oder anderen Beschäftigungen gefilmt, beim Kartenspielen, Wäschewaschen, Geschirrspülen, beim Schreiben eines Tagebuches, „damit meine Tochter sich einmal nicht für mich schämen muss, sondern weiß, dass ich mich für sie durchgeschlagen habe.“ Zwar hat ihre prekäre finanzielle Lage zur Folge, dass geringste wirtschaftliche Veränderungen, wie der plötzliche Preisanstieg für ein Gramm Mâ, als reinste Katastrophe empfunden werden. Doch ihr chaotisches Leben in dieser Parallelgesellschaft wird sorgfältig von Puffmutter Ming geregelt (Ming bedeutet ‚Tante’; im Khmer wird in der Anrede des Gesprächspartners immer dessen Alter mit einbezogen). Während die jungen Frauen auf Kunden warten, verkaufen sie im Bordell Orangen. Dieses legale Geschäft erspart ihnen Unannehmlichkeiten mit der Polizei. Nicht verbergen kann es allerdings die extrem hohe Zunahme der Aidsfälle in Kambodscha, wie die Zahlen des UN-Programms für Entwicklung (UNDP) belegen. Diese Frauen sind dauerhaft aus der Gesellschaft ausgeschlossen und können dem Teufelskreis, in dem sie sie befinden, nicht entrinnen. Gewalt und Erniedrigung hinterlassen tiefe Spuren. Die hübschesten unter ihnen bekommen zu hören: „Warum bist du mit einer solchen Haut bloß Prostituierte geworden?“ Worauf sie erwidern: „Du Miststück, was hat Armut mit Fleisch und Blut zu tun!“ Wehmütig sehen sie den Frauen vom Land hinterher, die mit ihren rot karierten Krama-Turbanen der Khmer vorbeigehen. Auch sie wären Bäuerinnen geblieben oder geworden, hätte ihnen das Schicksal nicht anders mitgespielt. Das bittere Fazit eines Mädchens: „Ich bin in Phnom Penh keine Bürgerin, sondern eine Gefangene“.

Julien Welter

Quelle: „Le Papier ne peut pas envelopper la braise“ von Ritty Panh und Louise Lorentz (Grasset-Verlag).

Erstellt: 28-11-07
Letzte Änderung: 03-09-08