Regie: Franklin J. Schaffner
Wenn Sie den Anfang versäumt haben …Bei starkem Wind überqueren drei Männer militärischen Schrittes einen Hof und begrüßen, umgeben vom übrigen Personal des Zuchthauses, von einer Treppe herab die zukünftigen Insassen. Trommelwirbel. Den Sträflingen wird Folgendes mitgeteilt: Von nun an sind sie der Strafvollzugsverwaltung von Französisch-Guyana unterstellt; die zu mehr als acht Jahren Zwangsarbeit Verurteilten müssen nach Abbüßung ihrer Strafe als „freie Arbeiter“ dableiben, und zwar noch einmal genau so lange, wie sie bereits im Strafvollzug waren; Frankreich hat sich von ihnen losgesagt, und: sie können sich wieder anziehen. Die bis dahin auf den Redner gerichtete Kamera zeigt jetzt in der extremen Totale - von einer hohen Gefängnismauer mit einem Wachturm aus - die Rücken der nackten Gefangenen. Plötzlich herrscht Windstille; Schweigen. In engen, urfranzösischen Gässchen sehen Schaulustige die Sträflinge vorbeiziehen. Unter ihnen ist Louis Dega (Dustin Hoffman), der einer eleganten Dame zuzwinkert, und Papillon (Steve McQueen), dem eine weniger feine Dame verspricht, er werde bald zurückkommen. Aber auf dem Schiff, mit dem die Gefangenen dann losfahren, erfährt man, dass Papillon wegen Mordes an einem Zuhälter zu lebenslanger Haft verurteilt ist. Also bleibt ihm kein anderer Weg als die Flucht, wenn er seine Freiheit wiedererlangen will. Papillon bietet dem reichen Fälscher Dega an, ihn zu beschützen, wenn der die Flucht finanziert. Dega lässt sich auf den Handel ein, denn er fürchtet, dass man ihm seine Ersparnisse, die er im Bauch mit sich herumträgt, herausoperiert.
Ein Erfolgsbuch1969 veröffentlichte der französische Verleger Robert Laffont das Manuskript des ehemaligen Strafgefangenen Henri Charrière, genannt „Papillon“. Darin werden die schrecklichen Zustände in einer Strafkolonie auf der Teufelsinsel vor der Küste Französisch-Guyanas und die wiederholten Ausbruchsversuche des Verbannten geschildert. Höchstwahrscheinlich hat Charrière seine eigenen Erfahrungen mit denen anderer Gefangener (z.B. von René Belbenoît) vermischt, als er das Buch 25 Jahre nach seinem letzten, endlich geglückten Ausbruch schrieb. Doch der nicht hundertprozentig autobiografische Charakter des Textes schmälert in keinster Weise dessen wahrhaftsgetreue Gesamtaussage.
„Papillon“ als FilmEine so gut erzählte, so dramatische und so filmträchtige Geschichte musste Hollywood einfach interessieren, und die Filmrechte lagen auch zuerst in den USA. Dann aber gingen sie nach Frankreich, als sie von dem erfolgreichen französischen Produzenten Robert Dorfmann („Die große Sause“) erworben wurden. Mit Zustimmung von Robert Laffont drehte Dorfmann den Film auf Englisch und benannte als Regisseur Franklin J. Schaffner („Planet der Affen“), der gerade den Oscar für „Patton – Rebell in Uniform“ bekommen hatte. Für die Titelrolle verpflichtete er sofort seine erste Wahl, Steve McQueen; und Papillons Freund Dega besetzte er mit Dustin Hoffman, für den eigens eine Figur entwickelt wurde. Papillons Geschichte erfuhr also eine erneute Bearbeitung, diesmal fürs Kino. Die Drehbuchautoren waren Lorenzo Semple Jr. und Dalton Trumbo. Letzterer zählte zu den „Hollywood Ten“, hatte unschuldig im Gefängnis gesessen und stand danach auf der schwarzen Liste, so dass er jahrelang unter Pseudonymen arbeiten musste. „Papillon“, in dem Trumbo kurz in der Rolle des Kommandanten auftritt, war sein letzter Film, bevor er drei Jahre später verstarb.
Erzählerischer Atem und InnehaltenHenri Charrière hat immer wieder betont, dass Papillon Opfer eines Justizirrtums sei, und der Film folgt dieser Linie. Doch letztlich ist die Frage nach Schuld oder Unschuld („Niemand ist unschuldig“, sagt Dega einmal) belanglos, denn nichts rechtfertigt die inhumane Behandlung der Gefangenen, die systematisch unterworfen, gefoltert und entmenschlicht wurden. Papillons unbändiger Freiheitswille ist Ausdruck seines tiefen Bedürfnisses nach Wahrung der Menschenwürde, für die er bereit, sein Leben zu riskieren. Die Verfilmung wahrt ein wunderbares Gleichgewicht zwischen spannenden, abenteuerlichen Szenen mit realistischen Details und überhöhten Momenten, in denen der Ton verschwindet und Phantasievorstellungen am Rande des Wahnsinns auftauchen. Ein immer wiederkehrendes, alptraumhaftes Schweigen inmitten des Nichts. Doch über dieses entsetzliche Schweigen triumphiert am Ende das Rauschen der befreienden Wellen und die Musik von Jerry Goldsmith.
Jenny Ulrich Der Trailer von „Papillon“Der Trailer von „Patton – Rebell in Uniform“Eine französische Website über die Geschichte der guyanischen StrafgefangenenlagerRené Belbenoit auf EnglischRené Belbenoît auf FranzösischDer Trailer eines Dokumentarfilms über Dalton Trumbo