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Cannes 2007 - Offizieller Wettbewerb - 11/09/08

Paranoid Park

Ein Film von Gus Van Sant


Ein Jugenddrama ohne falsche Sentimentalität, von großer Sensibilität und Poesie

(USA/Frankreich), nach dem Roman von Blake Nelson.
Mit: Gabe Nevins, Dan Liu, Jake Miller

Fotogalerie
Im Gespräch mit Gus van Sant


Synopsis: Für Alex, den eher stillen Teenager einer Mittelstandsfamilie in Portland, ist sein Skateboard der Lebensmittelpunkt. Die besten Skater treffen sich im Paranoid Park, aber man muss reif dafür sein, vor den Augen der anderen auf das Brett zu stehen, und eigentlich, so heißt es in der Szene, ist niemand jemals wirklich reif für den Paranoid Park. Alex hängt dort mit seinem Skateboard rum, als die Idee aufkommt, auch mal auf Frachtzüge aufzuspringen und mitzufahren. Bei einem tragischen Unfall kommt durch Alex’ Schuld ein Sicherheitsbeamter dabei ums Leben, er wird von einem Zug überfahren. Alex spricht mit niemandem darüber und versucht, sein normales Leben weiter zu führen – auch als die Polizei an der Schule ermittelt und heraus zu finden versucht, ob es sich um einen Unfall oder um ein Verbrechen handelt.

Kritik: Van Sant, der mit „Elephant“ 2003 die Goldene Palme gewann, ist mit seiner ganz eigenen filmischen Handschrift ein Stammgast in Cannes, und oft ist es das noch indifferente Lebensgefühl an der Schwelle zum Erwachsenwerden, das ihn interessiert. Hier ist es die Skater-Community, in die sein Film nach der Romanvorlage von Blake Nelson direkt eintaucht, die Laiendarsteller wurden angeblich über das Internetportal „MySpace“ gecastet, und viele Skateboard-Szenen sind mit einer kleinen Super8-Kamera gedreht. Aber das ist nur ein Aspekt des Films, der für Glaubwürdigkeit und Authentizität steht. Die besondere poetisch-sensible Atmosphäre, die den ganzen Film trägt, und die langen, fast meditativen Skating-Passagen bilden einen spannend-irritierenden Gegensatz zu dem tragischen Vorfall der Handlung und nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise in die Innenwelt dieses Teenagers. Das Spiel von Gabe Nevins als Alex ist dabei sehr zurück genommen und für einen Laiendarsteller beachtlich, manchmal aber doch zu wenig variabel in der Mimik und Gestik. Ein Minimalismus, den Van Sant gern atmosphärisch einsetzt, der aber auch Eintönigkeit bedeuten kann.

Die großartige Kameraarbeit von Chris Doyle, der schon die ausdrucksstarke Bildsprache in den Filmen von Wong Kar Wai mit geprägt hat, überspielt diese Gefahr jedoch elegant, Poesie und Rhythmus der Bilder bleiben davon unberührt.

So gelingt Van Sant ein unsentimentales und gerade dadurch beeindruckendes Jugenddrama, weil er sich nicht an dieses Lebensgefühl heranschmeißt, sondern sich vorsichtig, dezent und einfühlsam annähert. Man kann hinsichtlich des Realismusgehalts auch an Filme von Larry Clark denken, an „Ken Park“ z.B., aber Van Sant wirft einen milderen Blick auf die Jugendlichen, für die es angesichts des Familienzerfalls und Werteverlusts auch ohne ein solches Unglück schon sehr schwer sein muss, ihren Platz zu finden. Nicht zuletzt deshalb ist die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft so wichtig, und die metaphorische Bedeutung des Treffpunktes „Paranoid Park“. Alex trifft keine wirkliche Schuld am Tod des Mannes, aber es ist im Zusammenhang mit einem Besuch des Paranoid Park passiert – und so ist ihm als schwere Strafe auch dieser letzte Ort der Zugehörigkeit genommen.

Thomas Neuhauser

Erstellt: 22-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08