Handlung
Travis (Harry Dean Stanton), ein ausgemergelter Mann in mittleren Jahren, irrt vier Jahre durch die texanische Wüste, wo ihn sein Bruder (Dean Stockwell) wieder aufliest. Travis will sein aus den Fugen geratenes Leben neu ordnen und verstehen, was ihm widerfahren ist. Er erinnert sich an seine Frau Jane (Nastassja Kinski) und seinen Sohn Hunter (Hunter Carson), die er gänzlich aus den Augen verloren hat und wiederfinden will. Ein ähnliches Thema behandelte Wenders in seinem 2005 im US-Bundesstaat Montana gedrehten Film „Don’t Come Knocking“; das Drehbuch dazu schrieb er zusammen mit dem Schauspieler und Dramatiker Sam Shepard, der auch das Drehbuch zu „Paris, Texas“ verfasst hatte und in dem neuen Film einen heruntergekommenen Westernstar spielt, der von Dreharbeiten wegläuft, um seine alte Liebe (Jessica Lange) wiederzufinden, die er 20 Jahre zuvor verlassen hat.
Exil
Abgesehen von der höchst melodramatischen Geschichte faszinierte „Paris, Texas“ die Zuschauer auch gleich zu Beginn vor allem durch seine Filmsprache. Eine wichtige Rolle spielen dabei sicherlich die Mythen, die der Film transportiert, denn er zeigt die USA aus der Sicht eines deutschen, also europäischen Regisseurs. Obwohl sein Drehbuch von zwei Amerikanern, L.M. Kit Carson und Sam Shepard, geschrieben wurde, unterscheidet sich der Film sehr stark vom damaligen Hollywood-Kino und ist eindeutig von Wenders’ Handschrift geprägt: Das Durchqueren der texanischen Wüstenlandschaften - die grandiose Kulisse der Western-Klassiker! - wird zur Metapher für die Suche nach sich selbst. Wenders lässt sein sehr persönliches Drama in der Phantasiewelt eines fast schon vergangenen Cinemaskop-Amerika spielen. (NB: Paris in Texas ist übrigens kein verlorenes Nest in der Wüste, sondern eine mittelgroße Stadt in Waldnähe!)
Ultimatives Roadmovie
Zuerst wird aus der Vogelperspektive eine trostlose, phantastisch anmutende Wüstenlandschaft gezeigt. Dann fährt die Kamera die endlosen texanischen Straßen entlang bis zum Stadtzentrum von Houston. In vielen Nachtaufnahmen fängt sie die Neonlichter, Graffitis und bläulichen Motelfassaden ein. Robby Müller, bereits der Kameramann von Wenders’ Frühwerk, hat das harte Licht dieses großen Nomanslands in so atemberaubend schönen Panoramaaufnahmen festgehalten, dass der Film zum Paradebeispiel des Roadmovies wurde. Müller schuf unvergessliche Bilder, die mittlerweile Kultstatus haben, z. B. die einsame und überirdisch schöne Nastassja Kinski in ihrem roten Angorapulli, die einsam in ihrer Peepshow-Kabine agiert.
„Dark Was The Night, Cold Was The Ground“ (Dunkel war die Nacht, kalt war der Boden“)
Aber das Unvergesslichste, geradezu Hypnotisierende an dem Film ist die Musik des Komponisten und Musikers Ry Cooder, der als Slide-Gitarrist weltberühmt wurde. Aufgrund seiner hervorragenden Beherrschung und enzyklopädischen Kenntnis des Blues arbeitete Cooder mit den Rolling Stones, Neil Young, Van Morrisson und John Lee Hooker zusammen. Für die Musik von „Paris, Texas“ ließ er sich von dem legendären Song „Dark Was The Night, Cold Was The Ground“ inspirieren, einem der 30 von „Blind“ Willie Johnson eingespielten Titel. Ry Cooder bezeichnete diesen Song als „das wunderbarste und ausdrucksvollste Stück der gesamten amerikanischen Musik“. Der 1897 geborene, früh erblindete Johnson, ein als Halbwaise in armen Verhältnissen in Texas aufgewachsener Schwarzer, war tief religiös und trat häufig als Straßenmusiker auf. Sein Werk als Sänger und Gitarrist wurzelte im Blues sowie in Folk-Traditionals und Gospels. Er verwendete eine Zigarrenbox-Gitarre, mit der er den berühmten „Slide-Effekt“ erzeugte. Die wenigen Fotos, die es von ihm gibt, zeigen ihn trotz seiner Armut immer elegant und gepflegt. Er starb an einer Lungenentzündung, die er sich nach dem Brand seines Hauses zugezogen hatte (seine Witwe sagte später, er sei wegen seiner Hautfarbe und seiner Blindheit im Krankenhaus nicht behandelt worden). „Dark Was The Night …“ wurde 1977 von der NASA als eines der Musikstücke für die Goldene Schallplatte an Bord der beiden interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 ausgewählt, die im Weltraum Zeugnis von unserer Kultur ablegen sollen.
Mythos
Der Einfluss von „Paris, Texas“ ist seit den 80er-Jahren ungebrochen. Die Band U2 nannte den Film als wichtigste Inspirationsquelle für ihr Album „The Joshua Tree“. Kurt Cobain und Elliott Smith bezeichneten ihn als einen ihrer Lieblingsfilme. Merkwürdigerweise wirkte er auch bis nach Schottland: Die Bands Travis und Texas entliehen ihm ihre Namen, und Primal Scream sampelte Nastassja Kinski auf dem Album „Screamadelica“.
Delphine Valloire






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