„Massaker in Benthala“, von Hocine Zaourar.
„Der Tod von Mohamed Adoura“, von Talal Abouramé.
Bilder als Zeugen der Konflikte im Kosovo, in Algerien und Palästina. Bilder, in denen der westliche Betrachter zunächst Motive der christlichen Kultur erkennt: Das Bild der Mater dolorosa, der Pietà, der Madonna. Wir fühlen uns an das Leiden Christi erinnert oder an „Das Massaker der Unschuldigen“ von Rubens. Ihre Verwandtschaft mit den religiösen Motiven macht sie zu Vertrauten – Pietà, Madonna, Massaker der Unschuldigen. Was stört ist die perfekte Ästhetik dieser Bilder. Wir glauben sie zu kennen, sie in unseren Kanon einordnen zu können und zugleich zeigen sie das Gemeinsame der Länder um das Mittelmeer auf. Und sie führen die Idee einer Grenze zwischen Okzident und Orient, die Idee einer Achse des Bösen, ad absurdum.
Pascal Convert : "Zwei Gründe haben mich bewogen, mit diesen Fotos zu arbeiten: zum einen die Lage auf dem Balkan, die ich sehr aufmerksam verfolgt habe und mit der ich mich tagtäglich auseinander setzte. Zum anderen das Künstlerische an ihnen. Ein Pressefotograf machte ein Bild, das nicht nur einem künstlerischen Anspruch gerecht wurde, sondern sogar auf die sakrale Kunst verwies. Einen Künstler stellt das vor die Frage, was er in seiner eigenen Arbeit tut. "
- Totenwache im Kosovo
Als Pressefoto berichtete „Totenwache im Kosovo“ schon 1990 von den schwelenden Konflikten zwischen den Völkern auf dem Balkan, doch zugleich offenbarte es Brücken, die den westlichen Betrachter einbezogen. Der stumme Schrei, die uns zugewandten flehenden Hände, die von Kummer gezeichneten Körper erzählten von Trauer, Verlust und Schmerz. Neu war ein universeller Schmerz, der uns allabendlich in den Fernsehnachrichten erwartete. Ein Schmerz wie aus einer anderen Zeit, der uns erschaudern ließ, als hätten wir soeben von einer drohenden Pestepidemie erfahren. Und die Gesten waren vertraut: Aferdita mit der Geste ihrer Mutter, ihrer Großmutter, ihrer Ahnen, einer Geste, die ihren Ursprung im alten Griechenland hat und die Teil des christlichen Trauerritus’ ist.
Pascal Convert: "Zu meiner Arbeit mit der Pietà aus dem Kosovo gehörte auch die Beschäftigung mit der womöglich berechtigten Kritik daran: dass es als Bild unsere Kultur in den Mittelpunkt stellt, dass es nichts als eine Kopie der Bilder unserer eigenen Kultur darstellt, obwohl es in einem islamischen Kontext entstanden ist. Oder dass es ein gestelltes Foto ist. Ich fühlte mich von diesen Vorwürfen getroffen, als sei ich selbst der Fotograf. Schließlich arbeitete ich mit diesen Bildern. Ich setzte mich mit jeder Kritik auseinander und fragte mich, ob sie berechtigt war.
Wer genau hinschaut, erkennt den islamischen Ritus. Wir sind es, die eine Verbindung zum Christentum entdecken wollen … und damit wird die Sache interessant. Es ist ein Ritus, in beiden Kulturen."
Der Verweis auf die christliche Malerei ist also gar nicht abwegig und was läge näher, als sich davon inspirieren zu lassen?
- Die Technik
Die Arbeit wurde mit der klassischen Technik der Plastik hergestellt, mit einer Technik, für die die Hilfe der Bildhauer des Musée Grévin notwendig war. Zuerst das Relief aus Ton, Gipsabdruck, Gegenabdruck, zuletzt das Abformen in Wachs. Doch während sich in der traditionellen Bildhauerei das Motiv „positiv“ nach außen wölbt, wählt Pascal Convert das Basrelief. Seine Bilder erscheinen als Vertiefung. Dass Convert die Negativ-Darstellung wählt, verwirrt uns. Und das Wachs, das Material der Totenmasken, trägt das Seine dazu bei. Es weicht die Kontraste auf und lässt die Formen strahlen. Der Künstler hat etwas geschaffen, das dem Leid einen Körper gibt.
- Madonna von Benthala
Die „Madonna von Benthala“ ist eine offene Wunde im Gedächtnis Algeriens geblieben. Am 23. September 1997 zeigten sie 750 Zeitungstitel auf der ganzen Welt. In ihrem Gesicht schien das ganze Ausmaß des Grauens eines Bürgerkrieges auf, der mehr als 200.000 Menschenleben kostete. Für viele trug das Foto das Leid an die Weltöffentlichkeit, doch die Kritiker wetzten schon die Messer. Schon damals wurde es in der Tradition der christlichen Ikonographie gesehen. Die „Madonna von Benthala“ sage nicht das Geringste über Algerien aus, hieß es. Sie sei ein Klischee, das Algeriens Lage für das Ausland noch undurchsichtiger mache. Dadurch habe sie zur Desinformation beigetragen und den Krieg zu etwas Unwirklichem gemacht. War die Madonna tatsächlich ein Bild, das die Realität verfälscht, ein Bild, das nichts über Algerien erzählt? Politik und Militär in Algerien hatten ihre eigene Sicht auf die Dinge: sie klagten die Bildrechte ein und bezichtigten den Fotografen der Verleumdung. Nach fünf Jahren wurde das Verfahren eingestellt.
Dem Missbrauch des Bildes zu Propagandazwecken durch radikalislamische Gruppen stand nun nichts mehr im Weg. Der GIA instrumentalisierte die „Madonna von Benthala“ und schob der Militärregierung die Verantwortung für die Massaker an Zivilisten in die Schuhe.
Pascal Convert: "Ich bin heute überzeugt, dass die Wahl der drei Fotos auch eine politische Entscheidung war. Ich meine damit keine politische Stellungnahme meinerseits. Es läge ja auf der Hand, dass ich Partei ergreife für die Kosovaren, für die demokratischen Algerier, und für die Palästineser. Es war eine politische Entscheidung, weil diese Bilder etwas über unser Verhältnis zu Bildern aussagen. Ich meine: Was macht die westliche Gesellschaft aus Bildern und nach welchen Bildern verlangt sie? Das ist die Frage, die diese Fotos aufwerfen. Brauchen wir solche Bilder nicht mehr? Verteufeln wir sie als archetypisch, als stereotyp oder als gewöhnlich? Suchen wir nur noch das Außergewöhnliche, das Extreme? Das sind dann die Bilder wie wir sie aus Abu Graib kennen oder die Bilder, die die Terroristen in dieser Schule in Tschetschenien aufgenommen haben. Das sind die Bilder von heute.
Ich finde solche Bilder nicht einmal uninteressant, aber extrem gefährlich, weil sie uns nicht mit einbeziehen. Bilder wie die „Madonna von Benthala“ oder „der kleine Mohamed Adoura“ zwingen uns hinzusehen. Es sind Bilder, die wir nicht sehen wollen, weil sie mit uns zu tun haben. "
- Der Tod von Mohamed Adoura
Am Freitag, den 29. September 2000, gehen die Bilder des zwölfjährigen Mohamed Adoura um die Welt, der im Gazastreifen getötet wurde. Das Entsetzen bringt uns den realen Schmerz des palästinensischen Volkes nahe. Auch dieses Foto steht der christlichen Bildwelt nahe. Doch erinnert die Szene zuallererst an die „Mur des Fusillés“, die Mauer der Hingerichteten aus der Ikonographie des Widerstands. Und sie ruft das Bild des Kindes als Märtyrer, als Opfer wach, ein Leitmotiv der Bilder vom Krieg. Und allein die Worte „Jude“ und „Israel“ beschwören Bilder der Schoah und ihrer Opfer herauf. Doch hier sind die Rollen von Opfer und Henker vertauscht: die einstigen Opfer werden zum Henker. Eine Verwandlung, die die radikalislamische Propaganda ausschlachtet. Indem das Foto das palästinensische Volk als Opfer zeigt, tilgt es scheinbar das Entsetzen über die Selbstmordattentate, verübt von Märtyrern der Hamas oder des Islamischen Dschihad.
Pascal Convert: "Ohne den Zugang zu solchen Bildern, insbesondere zu diesen drei Fotografien, würde mir, ungeachtet der Probleme, die sie aufwerfen, etwas fehlen. Wer keine Bilder hat, der hat seinen Platz in der Welt nicht gefunden, der hat keine Verbindung zur Welt. "
bis zum 17. Oktober
im Rahmen des September-Festivals
im Jakobinerkloster von Toulouse
>> Die Website des Festival - http://www.printempsdeseptembre.com/
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Metropolis
Eine Reportage von Fabien Béziat
Samstag, den 09. Oktober 2004 um 00.30 Uhr
Wiederholung am Sonntag, 10. Oktober um 17.50 Uhr
Redaktion: ARTE France, Online Production
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