
(I racconti di Canterbury)
(Italien, Frankreich 1971)
Regie: Pier Paolo Pasolini
Mit: Hugh Griffith, Laura Betti, Ninetto Davoli, Franco Citti, Josephine Chaplin, Alan Webb, Vernon Dobtcheff, Adrian Street, Michael Balfour

Um sich die Zeit auf dem langen Weg zu verkürzen und die Reise unterhaltsamer zu gestalten, erzählen sich die Männer und Frauen, vom Schriftsteller angeregt, beim Wandern volkstümliche Geschichten von sexuellem Begehren, Ehebruch, Verrat, Habgier, einem Pakt mit dem Teufel sowie einer Vision der Hölle, die einem Gemälde von Hieronymus Bosch entsprungen sein könnte.
So erfährt man gleich in der ersten Episode vom alten Sir January, der unmittelbar nach seiner Hochzeitsnacht mit der jungen Mary erblindet, aber von Gott sein Augenlicht gerade noch rechtzeitig wiedererhält, um das unkeusche Treiben seiner Frau mit einem jugendlichen Liebhaber zu unterbinden. Oder man hört von zwei Cambridge-Studenten, die den Betrug eines Müllers an ihnen wettmachen, indem sie nachts mit dessen Frau und Tochter schlafen. Oder von drei jungen Raufbolden, die auf der Suche nach dem Tod einen Schatz unter einem Baum finden und sich im Streit darum gegenseitig umbringen ...
"Pasolinis tolldreiste Geschichten" bildet zusammen mit "Das Dekameron" (1970) und "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht" (1974) die "Trilogie des Lebens" des großen italienischen Regisseurs - alles Episodenfilme nach Stoffen der klassischen Weltliteratur.
Mit diesem eher derben Erotikfilm hatte Pasolini in seinem Heimatland für Wirbel gesorgt. Ein Gericht in Neapel beschlagnahmte im Oktober 1972 das Werk und Pasolini wurde wegen Verleumdung des Kapuzinerordens und der italienischen Staatsreligion angeklagt. Der Prozess endete im Februar 1973 mit einem Freispruch. "I racconti di Canterbury" ist gewiss nicht der künstlerische Höhepunkt im Schaffen Pier Paolo Pasolinis. Dennoch enthält auch dieses eher uneinheitliche Werk des Meisters genug Bemerkenswertes, Außergewöhnliches und Provokantes, das den selten gezeigten Film äußerst sehenswert macht. Insbesondere die Sequenz der öffentlichen Verbrennung eines Homosexuellen auf dem Scheiterhaufen scheint in ihrer Gestaltung wie eine filmische Vorahnung auf sein letztes Meisterwerk "Salò oder Die 120 Tage von Sodom".






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