(China, 2004, 1 Std. 52 Min.)
mit Geng Le, Chang Jieping…
Offizielle Auswahl – Un Certain Regard
Kritik: Die Bilder in „Passages“ scheinen direkt einer Farbpalette aus schönen, kalten Blau- und Grautönen zu entstammen, herrlich elegisch und neblig. Dennoch überzeugt der Beginn des Films vor allem dank der gelungenen Zusammenfügung von Hauptelementen der amerikanischen Komödie: Zunächst ist da das merkwürdige Paar mit einem schweigsamen Jungen und einer geradezu chaplinesken jungen Frau mit ihren vier (!) Rattenschwänzen, dann die ungeschickten und wahnwitzigen Abenteuer, in die sich unsere beiden chinesischen Ausflügler stürzen.
Der Ton, den Yang Chao in seinem ersten Kinofilm anschlägt, ist eindeutig: Ihm geht es nicht um das Aufbauschen der melodramatischen Dimension seines Films, in dessen Zentrum zwei arme Gestalten stehen, die symptomatisch für die wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen in China sind, sondern er verpackt seine Erzählung in minimalistischen Humor. Dennoch gelingt es Yang Chao, die pathetische Seite des Stoffs mit der nötigen Zurückhaltung zur Geltung kommen zu lassen. Dieses feine ästhetische Bewusstsein ermöglicht es ihm, das ganze Ausmaß der Enttäuschung der beiden jungen Leute aufzuzeigen. Es ist keine psychologische Herangehensweise, sondern eine gestalterische.
Die sich schlängelnden Bewegungen der Kamera, die die Personen immer wieder aus den Augen verliert, um sie dann wieder einzufangen (oder auch nicht), symbolisieren die Missverständnisse und setzen die daraus resultierenden Missgeschicke in Beziehung zur unendlichen Weite Chinas, in der alles verschluckt zu werden scheint. Obwohl sich das junge chinesische Kino immer wieder mit dem erdrückenden Charakter der Kultur und des chinesischen Systems auseinandersetzt, gibt es bislang nur wenige Regisseure, die diesen unermesslichen, unfassbaren Raum so eindrücklich durch Starre (perfekte und geschickt eingesetzte Einstellungen) und Bewegung (das immer wiederkehrende Element der Reise, bei der die Bewegung bis zur Inhaltslosigkeit degradiert wird) in Szene setzen.
Ungewöhnlich ist, dass „Passage“ von den strengen chinesischen Zensurbehörden genehmigt wurde. Und doch hat der Film nichts Versöhnliches. Das grausame Feingefühl, mit dem sich Yang Chao diesen Riten des Übergangs nähert, steht den Metaphern des iranischen Kinos und dessen Ausdruck von Kritik mit Mitteln des Symbolismus in nichts nach.
Julien Welter






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