Eudeline ist auch heute noch ein Punk – und ein Dandy, der sich mit seiner Eleganz vor der Vulgarität der Welt schützt. Er bringt Bücher und ab und zu auch einmal eine CD heraus, schreibt aber vor allem weiter Musikkritiken, hauptsächlich für „Rock & Folk“, wobei er versucht, er selbst zu bleiben ohne nostalgisch zu werden. Wie Lester Bang oder Nick Kent gilt er inzwischen als Autorität auf seinem Gebiet.
- Fragebogen nach Marcel Proust
… eine Stadt:
1970 war ich besessen von England. Deshalb natürlich London.
… ein Reiseziel:
New York, denn dort passierte sehr viel. Und dort lebte der Geist von Velvet Underground, den New York Dolls…
… eine Farbe:
Schwarz, denn diese Farbe war und ist ein eindeutiges Symbol.
… ein Motto:
1973 hätte ich geantwortet: „Liebling, reich mir mal die Wimperntusche.“ 1970 war ich ja gerade mal 16; da lautete mein Motto eher: „Verbieten verboten.“ Und 1978? Auf keinen Fall „No Future“, das ist nämlich ein Klischee. Nein, 1977 wäre mein Motto nicht „No Future“ gewesen, sondern dieses Zitat von Oscar Wilde: „Wir liegen alle in der Gosse, aber einige von uns betrachten die Sterne.“
… ein Kleidungsstück:
Eine rotschwarze Samtjacke.
… ein Buch:
„Rose poussière“ von Jean-Jacques Schuhl.
… eine LP oder ein Song:
Da gibt es so viele! Für 1970 einen einzigen Song auszuwählen, das ist wirklich nicht einfach. Ich würde mich für das „Medley“ auf der B-Seite von „Abbey Road“ von den Beatles entscheiden. So sehr mich die Rolling Stones schon seit Jahren kalt lassen, so sehr bin ich den Beatles treu geblieben. Es ist ein grässliches Klischee zu meinen, Punks konnten und können die Beatles nicht leiden. Das ist totaler Quatsch. Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Ich war mit Joe Strummer von den Clash im Pariser Club „Gibus“. Um uns herum lauter kleine Möchtegernpunks, die alle dachten, man dürfe auf keinen Fall Leute zitieren, die vor 1977 Musik gemacht hatten – mit Ausnahme der Stooges und Velvet Underground. Wir standen also da rum und redeten über unsere Faszination für Bob Dylan und John Lennon. Ich schwärmte vor allem für Lennon und McCartney, Strummer für Dylan. Die Möchtegernpunks wollten unbedingt mitbekommen, was wir sagten, hörten aber nur ab und zu „Beatles“ oder „Dylan“ und blickten überhaupt nicht durch. Tatsache ist: Echte Punks hörten sehr wohl Beatles und Blues. Genesis hingegen, das nicht.
… ein Film:
„Das süße Leben“ von Fellini, denn das war damals schon Utopie. Dafür war es schon zu spät.
Welche Utopie oder welches Konzept vermissen Sie am meisten?
Ich werde jetzt nicht jammern, dass früher alles besser war, aber … nehmen wir ein Bild. Stellen wir uns Françoise Sagan in einem Nachtclub vor. Wir schreiben das Jahr 1974/75. Die Sagan, mit Amphetaminen zugedröhnt, zieht an ihrer Mentholzigarette, steigt in ihren Aston Martin und braust nach Hause. Heute sind Amphetamine verboten, rauchen darf man auch nicht mehr und wer schnell fährt, kriegt einen Strafzettel. Sagan ist rechtzeitig gestorben.
Welche Utopie oder welches Konzept vermissen Sie am wenigsten?
Die Klamotten und die Hippies.
Welches Erlebnis hätten Sie nur in den 70er Jahren haben können?
In den 70ern ist wahnsinnig viel in meinem Leben passiert, das zu keinem anderen Zeitpunkt hätte so passieren können, nicht einmal in den 80ern, weil die Leute, die Gesellschaft und die Orte ganz anders waren. Damals steckte ich meine Nase in die Hinterhöfe der Bronx und kaufte Heroin bei den Transvestiten an der Place du Châtelet. Das macht man heute nicht mehr. Alles, das ganze Leben ist so anders. Ich kann die Frage eigentlich gar nicht beantworten, weil ich über einen völlig anderen Planeten reden müsste. Alles hat sich verändert.







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