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Im Gespräch mit... - 25/10/05

Paul Spiegel

Gespräch mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Paul Spiegel, über die ARTE-Filmpremiere von „Alles auf Zucker!“ am 23. September 2005.


Hier kann man endlich miteinander lachen - und nicht übereinander.

Thomas Neuhauser (T.N.): Herr Spiegel, ARTE zeigt als TV-Premiere gleichzeitig in Deutschland und Frankreich den Dani-Levy-Film „Alles auf Zucker!“. Sie haben die Komödie, die sich auch über jüdisch-religiöse Rituale lustig macht, schon gesehen. Haben sie gelacht?

Paul Spiegel (P.S.) : Nicht nur einmal. Ich habe den Film drei Mal gesehen, und zwar nicht, weil ich ihn nicht verstanden hätte, sondern weil er mir so viel Spaß gemacht hat.

T.N.: Nun ist es in Deutschland aus gutem Grund immer auch ein wenig heikel, sich über jüdische Verhaltensweisen oder die Religion lustig zu machen, obwohl ich schon erlebt habe, dass Juden selbst in dieser Beziehung ausgesprochen witzig und humorvoll sein können. Kann so ein Film wie „Alles auf Zucker!“ da vielleicht auch ein wenig zur Normalisierung beitragen?

P.S.: In der Tat. Das ist, glaube ich, auch ein Anliegen von Daniel Levy und es ist ihm auch gelungen. Denn bisher gab es Filme, in denen über Juden gelacht wurde, über die jüdische Religion. Aber dies ist ein Film, in dem mit Juden gelacht wird. Und das ist das Neue, das Einzigartige an diesem Film, und das macht den Film zu einem Werk, das Schleusen öffnen kann, das Brücken herstellen kann zwischen Juden und Nicht-Juden, damit sie endlich einmal gemeinsam lachen. Daniel Levy hat sehr großen Wert darauf gelegt, keine Tabus zu errichten, sondern Tabus abzubauen. Es gibt doch nichts schöneres, als wenn Menschen miteinander lachen. Und dazu regt dieser Film geradezu an.

T.N.: Der Film bleibt insgesamt liebevoll im Umgang mit diesen menschlich-allzumenschlichen Figuren. Man hat das Gefühl, dass Levy seine Figuren trotz ihrer Schwächen liebt.

P.S.: Richtig, man verlässt das Kino oder beendet den Fernseh-Abend, indem man sich amüsiert hat. Und das nicht auf Kosten einer Gruppe oder auf Kosten einer Religion. Und das ist doch etwas sehr Befreiendes, was dieser Film da geschaffen hat.

T.N.: Gibt es etwas, was Ihnen persönlich in Erinnerung geblieben ist, was ihnen an dem Film gefallen hat? Oder gab es auch etwas, bei dem Sie sagen würden: „Da ist er ein bisschen zu weit gegangen.“?

P.S.: Na ja, es gibt einige Szenen, von denen ich mir gewünscht hätte, dass sie nicht da wären. Beispielsweise, als die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Cousin und Cousine gezeigt werden. Das sind aber Nebensächlichkeiten. Wichtig ist, dass man wirklich mal von Herzen lachen kann. Und ich habe im Kino beobachtet, wie junge Menschen sich köstlich amüsiert haben. Sie haben sich ganz frei von Häme amüsiert und sich gefreut, hier einen leichten Zugang zu einer Welt zu bekommen, die ihnen an und für sich fremd ist.

Und es ist doch das Wichtigste heute, dass man einem jungen Menschen den Zugang verschafft zu einer anderen Religion, oder zu den Menschen, die einer Religion verbunden sind, und zwar auf eine lockere, leichte und dadurch auch verständliche Art und Weise.

Es gibt viele Szenen, über die ich mich außerordentlich köstlich amüsiert habe, sogar beim zweiten und dritten Mal des Betrachtens. Deswegen kann ich da eigentlich gar keine besonders hervorheben.

Aber vielleicht doch z. B. die, wie die Hannelore Elsner als Zuckers nicht-jüdische Frau sagt: Ihr habe so viele Gebote und Verbote, Ihr macht es uns Nicht-Juden sehr schwer, hier zu improvisieren. Das ist für mich eine der Highlight-Aussagen des Films.

T.N.: Man erfährt ja auch einiges über orthodoxe, religiöse Rituale, die im Alltag offenbar nicht immer ganz einfach anzuwenden sind. Haben selbst gläubige Juden da manchmal Probleme mit der richtigen Einhaltung?

Hören sie, es gibt 613 Ge- und Verbote. Die alle auf die Reihe zu kriegen, ist bestimmt auch für einen orthodoxen Juden nicht immer leicht, aber gerade ein orthodoxer Jude hat gegenüber einem liberal eingestellten Juden damit weniger Probleme, als ein liberaler Jude.

Ein Film mit einer befreienden Wirkung
T.N.: Können sie sich vorstellen, Herr Spiegel, dass der Film in strengeren jüdische Kreisen, also in Israel zum Beispiel oder in den USA vielleicht auch auf Ablehnung trifft?

P.S.: Ach, es gibt immer wieder Menschen, denen eine komödiantische Darstellung vielleicht nicht gefällt. Damit muss man rechnen, damit muss man leben. Ich habe viele Freunde gesprochen, die den Film gesehen haben, und ihre einhellige Meinung war, dass es ein Film sei, der befreit, der auch uns Juden in einer Art und Weise darstellt, wie wir es gut verkraften können.

T.N.: Woody Allen im Film oder Philip Roth in der Literatur haben noch nie davor zurückgeschreckt, ihre Figuren mit negativen jüdischen Klischees auszustatten und haben sich daran abgearbeitet - und das keineswegs nur auf der humorvollen Ebene. Wird das nun mit solch einem Film auch in Deutschland denkbar? Aber an welchem Punkt würden sie sagen, dass es zu weit geht?

P.S.: Es gibt da gewisse Grenzen. Wenn zum Beispiel über den Holocaust berichtet wird, wenn man Witze macht über Holocaust, über die Opfer, dann sind das Grenzpunkte, die man nicht überschreiten kann. Und das hat der Film ja auch nicht getan, das Wort „Holocaust“ kommt einmal vor, und das in einem ganz anderen Zusammenhang. Das kann man akzeptieren.

Vor allem aber gilt: man darf sich nicht lustig machen über andere Religionen. Das betrifft nicht nur das Judentum, sondern auch die anderen Religionen.
Auch die Satire hat da Grenzen. Satire darf nicht alles machen, was sie glaubt, machen zu können. Hier handelt es ja um eine leichte Komödie, und als solche wird sie auch akzeptiert, und als solche ist sie von meinem Freund Daniel Levy auch gedacht. Und ich glaube feststellen zu können, dass ihm die Umsetzung auf eine sehr feine Weise und mit viel Fingerspitzengefühl gelungen ist. Nicht umsonst hat der Film so viele Preise gewonnen.

Paul Spiegel, vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Thomas Neuhauser, ARTE Deutschland (September 2005)


Erstellt: 19-09-05
Letzte Änderung: 25-10-05