„Unser Planet ist zu klein geworden für den Fortschritt“ – trotz dieser alarmierenden Feststellung leuchtet aus Paul Virilios Augen der Wissensdurst eines von Grund auf neugierigen Menschen. Der Philosoph und Urbanist, der Schüler von Gilles Deleuze und Maurice Merleau-Ponty war, befasst sich seit über 40 Jahren mit der Geschwindigkeit und ihren Auswirkungen in allen Bereichen unseres Lebens.
Stéphane Paoli ist Journalist und Regisseur des Films „Paul Virilio: Denker der Geschwindigkeit“. Als Student bearbeitete er in einer Redaktion Nachrichtenmeldungen, die im Papierformat eingingen. Doch durch die digitale Revolution hat die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung rasant zugenommen, wodurch sich unser Blick auf die Welt radikal verändert hat. Stéphane Paolis Film stellt mit der Philosophie Paul Virilios eine in Frankreich noch weitgehend unbekannte Denkweise vor.
Ich halte es mit Winston Churchill, der sagte, ein Optimist sehe in jeder Schwierigkeit eine Chance.
Durch moderne Kommunikationsmittel wird unsere Sicht der Wirklichkeit heute von Bildern bestimmt. Für Paul Virilio führt diese „audiovisuelle Belastung“ zur Synchronisierung und Gleichschaltung der Gefühle. Als am 11. September 2001 die ganze Welt zeitgleich die Bilder der Anschläge auf das World Trade Center entdeckte, machte sich ein allgemeines Gefühl des Entsetzens und des Hasses breit. Die Geschwindigkeit der Bildersprache hemmt die Analysefähigkeit des Betrachtes und verfälscht die zwischenmenschlichen Beziehungen; dem Betrachter fehlt es an Abstand zum Gesehenen, demokratisches Denken wird erschwert.
„Wenn Zeit Geld ist, dann ist Geschwindigkeit Macht.“ Paul Virilio sieht hierin die Gefahr, dass die Welt an Vielfalt einbüßt, sei es durch politische Gleichgültigkeit, Todesangst oder Streben nach Übermenschlichkeit. Die Technik ist heute schneller als der Mensch, was für Paul Virilio zur politischen, sozialen und vielleicht auch physischen Zerstörung der Menschheit führen kann.
Dieses apokalyptische Szenario bezeichnet Paul Virilio als „globalen Unfall“. Gemeint ist die Gefahr einer virtuellen Katastrophe, die gewissermaßen einen weltweiten Kurzschluss in Wissens- und Gewissensfragen zur Folge haben könnte.
Früher barg ein Unfall aufgrund der niedrigeren Geschwindigkeit geringere Risiken. Heute können auf Knopfdruck ganze Kontinente von der Landkarte gelöscht werden, und Computerviren können sich innerhalb weniger Stunden auf der ganzen Welt ausbreiten. Die jüngste Finanzkrise ist ein weiteres Beispiel.
Paul Virilio befasst sich mit den Brüchen der Moderne und kommt dabei zu der Erkenntnis, dass unser vermeintlicher Fortschritt eigentlich ein Scheitern ist: Seit 1990 sind 70 % aller Katastrophen auf „künstlich“ erzeugte technische Unfälle zurückzuführen. Ob Tschernobyl oder die Madrider Zuganschläge: Überall wird der Mensch mit der Endlichkeit der Welt konfrontiert.
Doch Paul Virilio lässt sich von dieser gnadenlosen Feststellung nicht entmutigen: „Ich halte es mit Winston Churchill, der sagte, ein Optimist sehe in jeder Schwierigkeit eine Chance.“
Der Philosoph wünscht sich die Schaffung einer „Universität des Desasters“, die über den Umgang mit schweren Unglücksfällen nachdenken und zukünftige Schäden verhindern helfen könnte. Solange eine solche Einrichtung nicht besteht, forscht Paul Virilio im Alleingang über das „zugleich tragische und aufregende Zeitalter der Moderne“.
Salomé Kiner






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