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Der Zweite Weltkrieg und die US-Army

The War: Wie haben Amerikaner den Krieg erlebt, wie empfanden Deutsche und Franzosen die Ankunft der Amerikaner?

> Perfekte Befreier?

Der Zweite Weltkrieg und die US-Army

The War: Wie haben Amerikaner den Krieg erlebt, wie empfanden Deutsche und Franzosen die Ankunft der Amerikaner?

Der Zweite Weltkrieg und die US-Army

Im Fokus: der Zweite Weltkrieg und Amerika - 08/02/10

Perfekte Helden? Die amerikanischen Befreier in Frankreich - zwischen Mythos und Realität

Die „Libération“, die Befreiung ihres Landes, weckt bei Franzosen Erinnerungen an Menschenmassen im Freudentaumel, die den alliierten Soldaten zujubeln, an Frauen, die GI’s um den Hals fallen, an Kinder, die neben amerikanischen Panzern herlaufen und um Kaugummi oder Schokolade betteln. Im Großen und Ganzen entspricht diese Vorstellung wohl der Realität, doch es fehlen ihr einige Nuancen, die es zu präzisieren gilt. Artikel des französischen Historikers Olivier Wievorka.

Die Befreiung Frankreichs fand nämlich unter höchst unterschiedlichen Umständen statt. Ein Teil des Landes wurde wie der Nordwesten und der Süden (nach der Landung der Alliierten in der Provence am 15. August 1944) ohne großen militärischen Widerstand übergeben. Einige Regionen, insbesondere der Limousin, wurden zum Schauplatz schwerer Kriegsverbrechen– man denke nur an das Massaker von Oradour-sur-Glane. In anderen Landesteilen, etwa im Südwesten, spielte die Résistance eine ganz entscheidende Rolle. Die Befreiung wurde somit von den Franzosen auf ganz unterschiedliche Weise erlebt. Dies erklärt auch, warum sie in der Erinnerung nicht zu einem homogenen Bild zusammenfließt. Viele Franzosen kamen nur ganz kurz oder überhaupt nicht mit den alliierten Truppen in Kontakt.

Die britischen und amerikanischen Truppen landeten am 6. Juni 1944 an der Ärmelkanalküste. Mehrere Wochen saßen sie in der Normandie fest, erst im Juli gelang der Durchbruch. Die Briten stießen daraufhin rasch nach Norden vor, während sich die amerikanischen Verbände aufteilten und ein Kontingent Richtung Bretagne, das andere ostwärts vorrückte. Diese Vorgehensweise erklärt teilweise, warum die Franzosen ihre Befreiung vor allem mit den amerikanischen Truppen in Verbindung brachten. Abgesehen von der Schlacht um die Normandie ließen die Briten unter Montgomery nämlich Frankreich rasch hinter sich, um sich an die Rückeroberung Belgiens zu machen. Eisenhowers Mannen zeigten dagegen stärkere Präsenz: Zu den in Frankreich kämpfenden Verbänden kamen noch die Reservetruppen, die über die Häfen Cherbourg und später auch Marseille heran- und später auch wieder in die Heimat abtransportiert wurden.

Olivier Wieviorka ist Historiker mit Forschungsschwerpunkt Zwanzigstes Jahrhundert/Zweiter Weltkrieg und lehrt an der Ecole Normale Supérieure in Cachan. In seinem 2007 erschienenen Werk (Verlag Le Seuil) „Histoire du Débarquement“ dokumentiert er die Landung der Alliierten in Frankreich. Olivier Wieviorka ist außerdem Chefredakteur der Zeitschrift „Vingtième siècle
Freude und Neugier dominieren. Die Kontakte zwischen Franzosen und amerikanischen Soldaten erstreckten sich also nicht nur über ein großes geografisches Gebiet, sondern auch über einen langen Zeitraum vom 6. Juni 1944 bis zum Jahr 1945 und noch darüber hinaus. Und es waren Kontakte ganz unterschiedlicher Natur. Die eintreffenden Truppen wurden gewöhnlich bejubelt, und die ersten Begegnungen waren von echter Herzlichkeit geprägt. Die Franzosen traten den GI’s freundschaftlich gegenüber. Zu der Freude, mit der die Befreier begrüßt wurden, gesellte sich die Neugier, die diese Männer als Symbole materiellen Überflusses und moderner Errungenschaften weckten. Es entspannen sich zahlreiche mal kürzere, mal längere Liebschaften, insbesondere nach der Befreiung von Paris.

Dieses idyllische Bild wird allerdings von einigen weniger harmonischen Tönen getrübt. Zum einen betrieben die Soldaten gelegentlich anrüchige Schwarzmarkt-geschäfte, zum Beispiel mit Benzin oder Zigaretten, die den Behörden beträchtliche Probleme bereiteten.
Hinzu kamen kriminelle Machenschaften, die von Militärangehörigen – wenngleich auch nur einer Minderheit – begangen wurden: Vergewaltigungen (208 Fälle im Département Manche), Tötungsdelikte (rund dreißig im genannten selben Département) oder auch Plünderungen.
Die Straftaten „reichten vom einfachen Matratzendiebstahl, um es sich gemütlicher zu machen, bis hin zu bewaffneten Überfällen mit Gewaltanwendung“. Solche Taten wurden von den Führungsstäben aber niemals gezielt instrumentalisiert, sondern vielmehr nach Kräften verhindert. Sie erklären allerdings, warum gewisse Bevölkerungsteile mit gemischten Gefühlen an ihre amerikanischen Befreier zurückdenken.

Die Normandie schließlich stellt einen Sonderfall dar. Sowohl durch Bombardierungen als auch durch schwere Kampfhandlungen wurde diese Region schrecklich in Mitleidenschaft gezogen. Viele ihrer Bewohner machten daher die Alliierten und insbesondere die Amerikaner für die erlittenen Schäden und Verluste verantwortlich, umso mehr, als ihnen manche Bombardierungen (wie etwa der Stadt Caen) aufgrund des zweifelhaften militärisch-strategischen Nutzens ungerechtfertigt erschienen.
Diese Umstände erklären insgesamt die zwiespältigen Gefühle, mit denen sich die Franzosen ihrer Befreier – vor allem der Amerikaner – entsinnen. In die Dankbarkeit, die man den Männern entgegenbrachte, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, um ihnen die Freiheit zu bringen, mischten sich weniger angenehme Gefühle, sobald die Zivilbevölkerung der - sei es militärischen oder kriminellen - Gewalt dieses Krieges ausgesetzt wurde, von der sie sich bedroht fühlte.

Von Olivier Wieviorka



Erstellt: 22-02-08
Letzte Änderung: 08-02-10