Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

> Krimi-Bestenliste Mai 2010 > 02. Pete Dexter: God’s Pocket

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 30/07/10

Pete Dexter: God’s Pocket

Weitere Artikel zum Thema

  • Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau 23.4.10

KrimiWelt-Bestenliste Juni 2010

In der Jackentasche Gottes ist es elendsduster. "God´s Pocket", das ist bei Pete Dexter der Name eines Kleine-Leute-Viertels in Philadelphia. Es gibt eine Kneipe dort, in der sich die einen die Welt ein bisschen schöner saufen, die anderen in Stimmung bringen für die nächste Prügelei. Die einen leben einigermaßen davon, dass sie Lastwagen klauen und Fleisch verschieben - aber Vorsicht, die Mafia versteht keinen Spaß -, die anderen arbeiten immerhin auf dem Bau. Einen Bestatter gibt es auch.
Der ist bald gefragt. Wie in Pete Dexters wesentlich späterem Roman "Trout" (2003), liegt der Auslöser für fatale Ereignisse in seinem erst jetzt übersetzten Erstling von 1983 im Rassismus. Auf einer Baustelle ritzt der 24-jährige drogenabhängige und vor nervöser Aggressivität strotzende Leon einen alten "Nigger" - den einzigen schwarzen Arbeiter dort - mit dem Rasiermesser, einfach so. "Old Lucy" revanchiert sich einen Moment später, indem er Leon ein Eisenrohr auf den Kopf haut. Aber der alte Lucien ist nicht nur der beste Arbeiter, er ist durch seine stete Verlässlichkeit dem Vorarbeiter ans Herz gewachsen. Und also sagt dieser, als die Polizei kommt: Da ist Leon ein Teil vom Kran auf den Kopf gefallen. Einer der Polizisten wiederum ist zwar ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen, andererseits sieht er keinen Grund, sich wegen eines toten Psychopathen Arbeit und Ärger einzuhandeln.

Der 1943 geborene Pete Dexter schreibt so großartige wie atemberaubend und herzzerreißend dunkle Romane. Man möchte und möchte auch nicht wissen, was den armen Tröpfen zustößt. Oft schwindeln und lavieren sie sich selbst mitten ins Verderben, aber es ist auch klar: Eine richtige Chance hatten sie nie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

In "God´s Pocket" gibt es zum Beispiel den bärenhaften Mickey. Kein schlechter Kerl, aber mangels Job-Alternativen klaut er im Auftrag anderer Lastwagen. Er ist verheiratet mit der schönen Mutter Leons und spürt, wie sie ihm nach dem Tod ihres Sohnes, seines Stiefsohnes, entgleitet - hin zu einem in der Stadt berühmten Journalisten, der Anteilnahme heuchelt. Mickey versucht, das Richtige zu tun. Und tut und sagt doch immer das Falsche. Oder es gibt den Vorarbeiter Peets, den seine Frau verlässt, nachdem er böse zusammengeschlagen wird: Sie sieht, dass er nicht der Supermann ist, als den sie, die Ängstliche, ihn geheiratet hat. Peets, der Koloss, leidet wie ein Hund.

Eigentlich sind Pete Dexters Bücher nicht so sehr Krimis wie Gesellschaftsromane der unteren Schichten. Mit sämtlichen Zwischentönen und psychologischer Feinzeichnung. Dazu gehören die Stimmungsverschiebungen im Stadtteil nach Leons Tod. Eigentlich wusste jeder, was für ein Lügner und Nichtsnutz der Junge war, keinen Job konnte er länger als ein paar Wochen behalten, alle machte er an - plötzlich erinnert sich der eine an seine Hilfsbereitschaft, der andere an Leon, den famosen Zeitungsausträger. Und als seine Leiche auch noch bei einem grotesken Autounfall auf die Straße rutscht, da könnte man meinen, er sei ein Heiliger gewesen.

Für viele gehen die Ereignisse, die Leon und der schwarze Lucien anstoßen, nicht gut aus. Noch nicht mal für den berühmten Journalisten. Der hat nämlich bei den Leuten von God´s Pocket schon deshalb schlechte Karten, weil er nicht aus God´s Pocket kommt.

  • Tobias Gohlis/DIE ZEIT 26.5.10

KrimiWelt-Bestenliste Juni 2010


In God’s Pocket kommt keiner von draußen rein. In diesem Viertel von Philadelphia nehmen die Leute eher „einen Bus nach Kuba“ als ins Stadtzentrum zu fahren. Hier stirbt eines Morgens im Mai Leon Hubbard. „Auf die eine oder andere Art hätte er ohnehin seinen Job verloren.“ Lakonie als Distanzwaffe – das schätzen die amerikanischen und zunehmend auch die deutschen Leser an Pete Dexter. (…)

Was sich da in Gottes Tasche verfängt, ist ein Knäuel von Alltagsschicksalen, abstrusen Ereignissen und Gewaltakten, denen jede narrative Beweihräucherung oder vulgo: Sinngebung abhanden gekommen ist. Leon ist einer dieser misslaunigen Jungs, die zu nichts weiter taugen als schnieke Klamotten zu tragen und mit einem Rasiermesser Kunststückchen aufzuführen. Leon hat über Beziehungen zu einem Kleingangster einen Job als Maurer bekommen und ist sauer, dass er zu mehr als Handlangerdiensten nicht eingeteilt wird, erst recht, weil er diese dem Schwarzen Lucien leisten muss. Zusätzliches Ungemach bereitet ihm ein Kratzer am Penis, den ihm der eifersüchtige Kater seiner Freundin beigebracht hat. In mieser Laune fuchtelt er dem verachteten Nigger einmal zu viel unter dem Kinn herum. Als er ihn versehentlich am Hals schneidet, nimmt der grundsätzlich friedliche alte Mann eine Eisenstange vom Boden auf und haut Leon den Schädel ein.

Jeder Erzähler schlägt sich auf die eine oder andere Weise mit dem Problem der Kontingenz herum: Das Leben ist eine Ansammlung von Zufällen – ein Roman aber konstruiert und erfindet sie, ordnet sie nach einem ästhetischen Prinzip und nimmt ihnen damit das Zufällige. Um lebensnah zu erzählen, muss der Autor Chaos schaffen. Dexter tut dies mit dem Zynismus des langjährigen Zeitungsmannes, dem auch die unwahrscheinlichste Fügung eine Story wert ist, wenn sie dem Kosmos Farbe gibt. Und so entwickelt er aus dem simplen Totschlag ein Pandämonium der Vorstadtbizarrerie. Der Nichtsnutz Leon wächst im Alkoholdunst der Stammtische von God’s Pocket zum edelsten Amerikaner, der je unschuldig sein Leben ließ, wird zum Medienhelden und stirbt als solcher zweimal. Der doppelte Tod hat neben anderem mit Fleischschmuggel und dem Versuch einer Truppe von Mafiasöhnen zu tun, die jetzt nach der Macht in God’s Pocket greifen, aber auch mit einem Gebrauchtwagenhändler, einer Pferdewette und der Unmöglichkeit, zwei verschiedene Dateien unter dem selben Namen zu speichern. Unterm Strich bleiben: ein groteskes Durcheinander, wie es in jeder Vorstadt der USA in den achtziger Jahren hätte beobachtet werden können, aber selten mit so bitterem Witz beschrieben wurde, und ein paar Leute, die tapfer, hoffnungs- und orientierungslos ihren Weg gehen. Unter ihnen der Journalist Richard Shellburn, der von einer Bande Besoffener totgeschlagen wird. Pete Dexter hat, zwei Jahre bevor er diesen bitteren, komischen und weisen Roman veröffentlichte, eine gleiche Situation mit schwersten Verletzungen überlebt.

 

  • Ingeborg Sperl/www.krimiblog.at Mai 10

KrimiWelt-Bestenliste Juni 2010

 

Ein dunkelschwarzer Krimi aus dem Jahre 1983 ist nun erstmals auf Deutsch erschienen. God’s Pocket stammt vom renommierten Ex-Journalisten Pete Dexter, der, - so was liest sich im Klappentext immer gut - aufgrund einer „kontroversen Berichterstattung krankenhausreif geschlagen wurde“ und anschließend die Profession wechselte. Was viel mehr einbringt, denn Dexter hat sich seitdem als Drehbuchautor und Schriftsteller einen Namen gemacht. Das Debüt-Meisterwerk spielt in der Reagan-Ära und in God’s Pocket, einem wenig vornehmen Viertel in Philadelphia, wo die Mafia alten Stils um ihren Einfluss kämpft. Auf einer Baustelle kommt der ekelhaft aggressive Leon ums Leben, was kein Verlust für die Menschheit ist. Ein Vorarbeiter hat ihn in Notwehr erschlagen. Man tarnt das Ganze als Unfall. Die Mutter glaubt nicht an diese Version, ein alternder, alkoholkranker Zeitungskolumnist auch nicht. Die Polizei hat keine Ahnung und wird auch keine haben. Der Stiefvater des Getöteten verschiebt geklaute Rinderhälften und verzockt das Geld auf den Rennbahnen; die Leiche Leons gerät in die Kühlkammer seines Lasters und von dort in einen Verkehrsunfall. Der Kolumnist gerät an die Mutter Leons und dann an eine Straßengang. Die unterbelichteten Schläger des Mafiabosses geraten an eine alte Lady, die mit Schusswaffen umgehen kann und ihren Blumenladen in ein Schlachthaus verwandelt. Die makabre Spirale dreht sich immer schneller, und Dexter befeuert sie mit lakonischen Bemerkungen. Seine illusionslose Sicht transformiert Sexszenen in todtraurige und gleichzeitig komische Episoden und Begräbnisse in furchtbar peinliche Scharaden. Wer da davonkommt, hat Glück gehabt, - fürs erste. 

Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 30-07-10


+ aus Kultur entdecken