"Kompetenzerweiterung" ist das Schlüsselwort des Konzeptes, das Weibel als zukunftsträchtig für Künstler hält, die jene neuen Arbeitsfelder erforschen sollen, die bisher von kunstfernen Wissenschaften, von der Soziologe bis zur Ökologie, besetzt sind. Aus diesem "transdisziplinären Mapping der Kompetenzen" sollen sich kritische Auseinandersetzungen mit Wissenschaft und Ökonomie ergeben. "Die Kunst wird eines der letzten sozialen Residuen sein, welches das Primat der Ökonomie, das gesamtgesellschaftlich seine Herrschaft angetreten hat, noch in Frage stellt," prophezeit Weibel — aber nur dann, wenn sie selbst mit den Mechanismen der Moderne und mit dem Kunstmarkt bricht.
Hart geht der österreichische Medientheoretiker ins Gericht mit der modernen Kunst des späten 19. und des 20. Jahrhunderts, die sich nach und nach technischer Kompetenz entledigt habe, um sich vornehmlich in Richtung 'Diskurs' weiterzuentwickeln. Abgesehen von herausragenden Künstlern mit wissenschaftlichem Sachverstand, wie der dem Bauhaus enstammende Laslo Moholy-Nagy, "ist es das erste Mal in der Geschichte, dass der Künstler technisch und wissenschaftlich gar nichts können braucht, so wie es schlussendlich auch Beuys' Ausspruch besagt, dass ja jeder ein Künstler sein könne." So sei die Kybernetik mit vielen Jahrzehnten Verspätung in der Kunst angekommen, und auch schon der Impressionismus, der die Motive als Lichtpunkte darstellte, sei erst dann darauf gekommen, als ein jeder selbst dieses Wahrnehmungsphänomen beim Eisenbahnfahren feststellen konnte. Die Moderne habe tradierte Kompetenzen und Techniken zerstört, altes durch neues ersetzt, indem sie in ihren Material-Experimenten nach und nach die Gestaltungsmethoden entwertet und abgeschafft habe, argumentiert Weibel: "So folgt auf die Dekonstruktion des Bildes zwangläufig der Ausstieg aus dem Bild." Und: "Der experimentelle Ausstieg aus dem Bild führt zum Ausstieg aus der Kunst, zumindest aus der historischen Definition von Kunst."
Was nun? Gerade die Gegenwart mit Netzkunst und anderen Praktiken, in denen nicht mehr das Objekt sondern ein Prozess im Mittelpunkt steht, zeigt ja, dass der Gesellschaftsvertrag, was Kunst sei und darf, derzeit immer öfter überschritten wird. "Die Moderne selbst war die Reaktion der Kunst auf die maschinengestützte industrielle Revolution. Die Nachmoderne ist die Reaktion der Kunst auf die postindustrielle computergestützte Informationsrevolution. Auch die Künstler verlegen ihre Arbeitsweise von der Produktion zur Dienstleistung. Auch sie operieren mehr im sekundären und tertiären Sektor der Kommunikation als im primären Sektor der Produktion."
Wer ist der Autor, was ist ein Werk, welches ist die Rolle des Betrachters? Was soll in diesem erweiterten Kunstbegriff Platz finden? Die Kunst weitet sich in ihrer Praktik Richtung Wissenschaften aus, und die Ars Electronica hat diesen Trend stets unterstützt und forciert, als ars informatica, ars genetica, ars chemica, ars nanotechnologica… und angesichts der immer unübersichtlicheren digitalen Datenflut vielleicht bald Memory Art? "Speicherfüllkunst heisst die Kunst der Zukunft", sagt Peter Weibel, denn "die Ereignisproduktion kann mit der Speicherkapazität nicht mehr Schritt halten." Kurz: Jene Kunst soll nicht konkrete Technologien absorbieren und damit herumspielen, sondern sich selbst strukturell neu zur Gesellschaft definieren.
Dass dies nicht reibungslos vor sich geht, weiss auch Peter Weibel. So hat der Skandal der Buchpublikation von Alan Sokal und Jean Bricmont "Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaft missbrauchen" (1999) Spuren im Milieu hinterlassen. Viele Wissenschaftler sehen es nicht gern, wenn Künstler oder postmoderne Philosophen ihre Konzepte aus dem Kontext reißen und damit blumig und oft schwammig ihre Gedankenspiele ausstaffieren. "Die konservative Wissenschaft wehrt sich gegen Überschreitungen der Territorien, gegen neue Kompetenzverteilungen. Das aber ist gerade die progressive Praktik der gegenwärtigen Avantgarde."
Und auch weder Museumslandschaft noch Kunstmarkt sind unbedingt erpicht auf jene Art der "Kompetenzerweiterung". Medienkunst, interaktive Arbeiten, kreative und subversive Software-Prozesse sind hier immer noch vage Randerscheinungen. Und eine Kunst, die "nichts" zu verkaufen hat, ist abhängig von anderen Finanzquelllen, von Kooperationspartnern, Strukturen und Institutionen, die sie tragen — wie etwa die Ars Electronica und das ZKM.
Alan Sokal und Jean Bricmont
"Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaft missbrauchen" (1999)
frz. Titel: Impostures Intellectuelles, Paris 1997.
Editions Odile Jacob
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Kultur Digital
September 2004
Ars Electronica 2004
Bericht: Jens Hauser
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