Was heißt "persönliche Identität"? Handelt es sich um die Summe der Merkmale auf dem Personalausweis oder um mehr? Äußerliche Faktoren wie das Aussehen, der Beruf und die Gruppenzugehörigkeit spielen eine wichtige Rolle, aber genauso das Selbstbild. Es scheint eine Diskrepanz zu geben zwischen der Rolle, die ein Mensch in der Gesellschaft spielt, und dem, was diesen Menschen in seiner persönlichen Entwicklung ausmacht.
Bei ihrem Streifzug durch die Philosophie beschäftigen sich Enthoven und Marrou mit Spiegeln und Narzissmus genauso wie mit der Biometrie; die Eckpfeiler ihrer Diskussion bilden Identitätsmerkmale, Selbstbewusstsein, Erinnerung, Gleichheit und Individualität. Dabei werden nicht nur altbekannte Philosophen wie Descartes, Locke und Sartre zurate gezogen, sondern auch der Film "Dark City" von Alex Proyas besprochen, in dem Fremde den Menschen ihre Identität rauben wollen, sowie das Phänomen der Minderheiten-Diskiminierung. So kann die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe die individuelle Identität überlagern ...
Hintergrundinformationen zu in der Sendung erwähnten Literatur oder Personen:
Alphonse Bertillon
(1853-1914) war ein französischer Kriminalist und Anthropologe. Das von ihm entwickelte anthropometrische System zur Personenidentifizierung wurde zu seinen Ehren später Bertillonage genannt.
Anthropometrie
ist die Lehre der Ermittlung und Anwendung der Maße des menschlichen Körpers. Anthropometrie wird vor allem in der Ergonomie zur Gestaltung von Arbeitsplätzen, Werkzeug und Möbeln gebraucht sowie im Arbeitsschutz zur Festlegung von Sicherheitsmaßnahmen z.B. Bemessungen von Schutzabdeckungen oder Abständen zu gefahrenträchtigen Teilen verwendet.
Die Daktyloskopie
beschäftigt sich mit den Papillarleisten in den Handinnen- und Fußunterseiten. Auf ihr basiert das biometrische Verfahren des daktyloskopischen Identitätsnachweises – auch Fingerabdruckverfahren genannt –, das auf der biologischen Unregelmäßigkeit menschlicher Papillarleisten in den Handinnenseiten und Fußunterseiten beruht.
René Descartes
(1596-1650) war ein französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler.
Descartes gilt als der Begründer des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus. Sein rationalistisches Denken wird auch Cartesianismus genannt. Er ist außerdem für das berühmte Dictum „cogito ergo sum“ („ich denke, also bin ich“) bekannt, das die Grundlage seiner Metaphysik bildet, aber auch das Selbstbewusstsein als genuin philosophisches Thema eingeführt hat.
René Descartes:
Meditationes de prima philosophia / Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Übers. u. hrsg. v. Christian Wohlers. Meiner 2008. ISBN-10: 3787318879.
Edmund Husserl
(1859-1938) war ein Philosoph und Mathematiker. Der Geburt nach Österreicher, erwarb Husserl 1896 die preußische Staatsangehörigkeit.
Husserl gilt als Begründer der Phänomenologie, mit deren Hilfe er die Philosophie als strenge Wissenschaft zu begründen suchte. Husserl forderte von der Philosophie, sich vorschneller Weltdeutungen zu enthalten und sich bei der analytischen Betrachtung der Dinge an das zu halten, was dem Bewusstsein unmittelbar (phänomenal) erscheint. Damit brach er mit dem um 1900 vorherrschenden Psychologismus, der die Gesetze der Logik als Ausdruck der psychischen Gegebenheiten sah, die Objektivität prinzipiell unmöglich machten.
Epoché
bezeichnet in der Philosophie der antiken Skepsis eine Enthaltung im Urteil, die sich aus der Einsicht in die Ungewissheit allen Wissens herleitet.
Als Methode kennzeichnet Epoché bei Husserl die phänomenologische Reduktion, durch die zunächst den vorgefassten Urteilen über die äußere Welt die Geltung entzogen wird, um anschließend – unter Beiseitelassung der tatsächlichen Existenz – zu Erkenntnissen über das Wesen des betrachteten Gegenstandes zu gelangen.
Jacques-Marie Émile Lacan
(1901-1981) war ein französischer Psychoanalytiker.
Das Spiegelstadium bezeichnet in der Theorie des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan eine psychologische Entwicklungsphase des Kindes um den 6. bis 18. Lebensmonat, mit der die Entwicklung des Ichs einhergeht. Lacan versucht mit dieser Theorie eine Antwort auf die Frage zu geben, wie im Menschen Selbstbewusstsein entsteht und funktioniert.
Der große Andere ist ein Begriff der Lacan'schen Psychoanalyse. Der große Andere („A“) ist im Unterschied zum „kleinen anderen“ (Objekt klein a) ein Konzept der Alterität und Andersheit. Der große Andere ist das Andere des Subjekts, das Nicht-Ich, das dieses Subjekt jedoch immer schon strukturiert und ausrichtet. So muss „der Andere als der Ort [verstanden werden], an dem das Ich, das spricht, sich konstituiert.“
Jacques Lacan:
Seminar IV. Die Objektbeziehung. Textherstellung von Jacques-Alain Miller
Aus dem Franz. von Hans-Dieter Gondek. 2. Aufl. Turia und Kant 2007. ISBN 978-3-85132-472-3.
Jaques Lacan:
Das Seminar, Buch. 3: Die Psychosen. Aus dem Französischen von Michael Turnheim. Berlin: Quadriga 1997. ISBN-10: 3886799093.
John Locke
(1632 -1704) war ein Hauptvertreter des britischen Empirismus. Er bildet zusammen mit George Berkeley (1684–1753) und David Hume (1711–1776) das Dreigestirn der britischen Aufklärung und des aufkommenden Empirismus.
John Locke:
Ein Versuch über den menschlichen Verstand. Hrsg.von Rolf Nölle. Books on Demand 2008. ISBN-10: 3837063798.
Die vorgeschlagene Ausgabe von Meiner ist vergriffen.
Jean-Paul Sartre
(1905-1980) war ein französischer Schriftsteller und Philosoph. Der politisch engagierte Verfasser zahlreicher Romane, Erzählungen, Dramen, Essays und philosophischer Werke gilt als Vordenker und Hauptvertreter des Existentialismus.
Jean-Paul Sartre:
Der Ekel. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. 52. Aufl. Rowohlt 2006. ISBN-10: 3499105810
Dark City
ist ein 1998 erschienener US-amerikanischer Spielfilm, Autor und Regisseur ist der Australier Alex Proyas. (Der eigentlich kein Australier ist, sondern der in Ägypten geborene Sohn einer griechischen Familie, die bald nach seiner Geburt nach Australien einwanderte).
Die Little Rock Nine
waren 1957 die ersten schwarzen Schüler, die auf die Little Rock Central High School im Bundesstaat Arkansas gingen, drei Jahre nach offizieller Aufhebung der Rassentrennung in amerikanischen Schulen (vgl. Brown v. Board of Education). Der damalige Gouverneur des Bundesstaates, Orval Faubus, ließ am Abend vor dem ersten Schultag am 2. September die ihm unterstehende Nationalgarde aufmarschieren, um den Schülern den Zutritt in das Gebäude zu verweigern, außerdem demonstrierten aufgebrachte Weiße vor dem Schulgebäude.
Der Gouverneur musste aufgrund eines Gerichtsentscheids die Nationalgarde am 20. September von der Schule zurückziehen. Am 24. September stellt Präsident Eisenhower sämtliche Polizei- und Armeeeinheiten von Arkansas unter Bundeskommando. Er entsandte auf Bitten des Bürgermeisters von Little Rock Truppen der 101. US-Luftlandedivision nach Little Rock, die Versammlungen weißer Demonstranten um die Schule herum auflösten und die schwarzen Schüler auf dem Schulweg und im Gebäude bis vor die Türen der Klassenzimmer schützten. Dadurch wurde den 9 Schülern der Schulbesuch am 25. September erstmals für einen vollen Schultag ermöglicht.






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