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15/06/09

Pierre-Henri Gouyon über die Bedeutung Darwins

Ein Interview


ARTE feiert das Darwin-Jahr mit vier einander ergänzenden Dokumentationen. Der Biologe Pierre-Henri Gouyon vom Pariser Museum für Naturgeschichte, der auch in dem Dokumentarfilm "Darwins Reise ins Paradies der Evolution" mitwirkt, spricht über sein leidenschaftliches Interesse für den Vater der Evolutionstheorie.


Ist ein Darwin-Jahr wirklich sinnvoll ?

Pierre-Henri Gouyon: Ja, sogar in zweifacher Hinsicht. Erstens, weil das Thema sehr viele Menschen interessiert. Ich bin angenehm überrascht über den Erfolg der bisher organisierten Veranstaltungen, seien es Vorträge, Ausstellungen oder Filme. Das zweifache Jubiläum (Darwins Geburtstag jährt sich zum 200. und das Erscheinen von "Die Entstehung der Arten" zum 150. Mal) bietet der Öffentlichkeit Gelegenheit, die in der Geschichte der Ideen wohl einmalige Tragweite von Darwins Beitrag zur Wissenschaft zu ermessen. Und zweitens ist diese „Begegnung“ mit Darwin hilfreich, weil fundamentalistisches Gedankengut in allen Religionen auf dem Vormarsch ist und die Tendenz, die Evolutionstheorie in Frage zu stellen, immer mehr Anhänger findet. Nebenbei sei erwähnt, dass Darwin selbst nie den Begriff „Evolution“ im heute bekannten „Darwin'schen“ Sinne verwendete. Er sprach von "Divergenz" oder "Veränderung" bzw. "Abänderung".

Wie hat sich seine Theorie nach 150 Jahren weiterentwickelt ?

Pierre-Henri Gouyon: Sie bildet nach wie vor die Grundlage der modernen Biologie, und zwar aufgrund von zwei Prinzipien: dem der Herausbildung der Arten aus einem gemeinsamen Ursprung, und dem der natürlichen Selektion. 
"Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, dass [...], während unser Planet den strengsten Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise geschwungen, aus so einfachem Anfange sich eine endlose Reihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und noch immer entwickelt."
Charles Darwin, Die Entstehung der Arten
Aus ein und derselben Population, deren Nachkommen in unterschiedlichen Milieus leben, können zunächst zwei neue Varietäten, dann zwei Unterarten usw. mit geänderten Eigenschaften entstehen. Diese Veränderungen sind auf die natürliche Auslese zurückzuführen, die dafür sorgt, dass von den verschiedenen erblichen Veränderungen in jeder Generation diejenigen weitervererbt werden, die für das Überleben oder die Fortpflanzung der Individuen förderlich sind, ähnlich wie bei der künstlichen Zuchtwahl, die der Mensch an Haustieren und Pflanzen praktiziert.

Die gesamte Vielfalt der Lebewesen lässt sich mit Hilfe dieses Vorgangs erklären. Die Abstammung der Lebewesen erklärt ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede und verleiht ihrer Klassifizierung Kohärenz. Außerdem verdanken wir Darwin auch die Grundlagen der Ökologie, d.h. der Wissenschaft von den Wechselbeziehungen zwischen Organismen und ihrem Lebensraum.

Nur zwei Elemente unterscheiden Darwin von einem zeitgenössischen Naturforscher: Er hat dem Phänomen der Kontinentalverschiebung nicht Rechnung getragen und kam daher zu dem falschen Schluss, dass einige Arten wanderten und dabei große Entfernungen zurücklegten. Vor allem jedoch hat er den Mechanismus der Vererbung nicht erfasst. Doch dieses Manko in seiner Theorie stellte gewissermaßen das Forschungsprogramm für die nachfolgenden Generationen auf: die Genetik.
 
War der Vater der modernen Biologie von den anderen Wissenschaftlern seiner Zeit isoliert?

Pierre-Henri Gouyon: Ganz im Gegenteil, er suchte ständig den Dialog mit Seinesgleichen. Das von ihm aufgestellte Paradigma lag damals gewissermaßen in der Luft, denn gleichzeitig formulierte ein jüngerer Forscher, Alfred Russell Wallace, ähnliche Hypothesen. Und die Tatsache, dass die erste Ausgabe von "Die Entstehung der Arten" innerhalb eines halben Tages ausverkauft war, zeigt, dass Darwins Zeitgenossen durchaus bereit für eine solche Theorie waren, auch wenn ihr Autor dafür angegriffen und verurteilt wurde!
Das einzige Buch über Biologie, das man wirklich unbedingt gelesen haben sollte, ist "Die Entstehung der Arten"
P.-H. Gouyon
Das Erstaunliche an Darwin ist, dass er in vielerlei Hinsicht einem modernen Wissenschaftler ähnelte, der weltweit tätig ist. Als junger Mann unternahm er zunächst die initiatorische Reise auf der Beagle, in deren Verlauf er in Südamerika und Ozeanien eine unglaubliche Fülle natürlicher Lebensräume studieren konnte. Nach der Rückkehr nach England nutzte er die Anfänge des internationalen Postwesens, um sich über wissenschaftliche Arbeiten in aller Welt zu informieren. Doch Darwin war auch ein Visionär, der im Verlauf seines Lebens ein ungeheuer beeindruckendes Gedankengebäude erstellt hat. Für die meisten Biologen haben seine Ideen bis heute Enthüllungscharakter: Erst gegen Ende des Studiums befasst man sich mit der Evolutionstheorie, die allem bisher Gelernten urplötzlich seinen wahren Sinn verleiht. Das einzige Buch über Biologie, das man wirklich unbedingt gelesen haben sollte, ist "Die Entstehung der Arten".


Das Gespräch führte Irène Berelowitch

Erstellt: 18-05-09
Letzte Änderung: 15-06-09