29/08/08
Pierre Henry – ein Porträt von Anne Rey
Pierre Henry wurde am 9. Dezember 1927 in Paris geboren. Seine freie, unbeschwerte Kindheit auf dem Land bescherte ihm unvergessliche Erinnerungen an Umwelt- und Tiergeräusche. Schon als Kind erhielt er Musikunterricht. Am Pariser Konservatorium gab ihm Nadia Boulanger Klavierstunden, bei Felix Passeronne lernte er Schlagzeug. Der namhafte Olivier Messiaen unterwies ihn in Komposition. Mit 17 Jahren spielte Pierre Henry bereits als vollwertiges Orchestermitglied Pauke, Trommel und Becken in großen Philharmonien. Er experimentierte am Klavier mit Klangneuheiten, komponierte für sein Lieblingsinstrument jedoch auch neue Orchesterstücke. Seine ersten Arbeiten zur experimentellen Musiklehre stellte er dem Ingenieur und Musiktheoretiker Pierre Schaeffer vor, der 1944 das Studio d’Essai in der französischen Rundfunkanstalt gegründet hatte. Schaeffer war Autor der ersten Studien zur „Geräuschmusik“. Diesen Begriff wandelte er Ende der 40er Jahre in „konkrete Musik“ um. Das erste gemeinsame Werk der beiden Musiker entstand 1950, „Symphonie pour un homme seul“. Es gilt als erstes Meisterwerk der Gattung. Pierre Henry beabsichtigte, die „Musik zu zerstören“, um „Sphärenmusik“ erklingen zu lassen. Pierre Schaeffer dagegen wollte künftigen „Musikingenieuren“ eine neue Notenlehre zukommen lassen. Ihre Trennung war Vorwand für ein weiteres gemeinsames Werk, „l’Opéra d’Orphée“, von dem heute nur noch die Prosopopöie von „Le Voile d’Orphée“ erhalten ist. Als dessen Komponist gilt Pierre Henry. 1958 entstand sein erstes Pariser Klangstudio APSOME in der Rue Cardinet. Zwischen 1966 und 1971 wurde es in den Boulevard Saint-Germain verlegt. Um diese private Experimentierstätte für Musik aufrechterhalten zu können, wurde ein Kino- und Werbebetrieb genehmigt. Aus dieser Zeit stammt „Haut Voltage“ (1956), das erste französische Werk, das die Bezeichnung „elektroakustische Musik“ für sich verbuchen kann; denn in ihm sind Stimmen, Auszüge aus Sinfonien, elektronische Laute und grobe Instrumentalklänge vermischt, die durch kurze Berührungen mit dem Mikrofon erzeugt werden. 1982 erhielt Pierre Henry Zuwendungen vom französischen Kultusministerium sowie 1990 von der Stadt Paris für sein drittes, privates Atelier, SON/RÉ. Er bewahrt dort seine unermesslich große Klangsammlung auf, eine Art auditives Gedächtnis, und hinterlässt in Monumentalfresken seine Erinnerungen an seine verschiedenen Lebensabschnitte.
1949 begann eine freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Tänzer und Choreographen Maurice Béjart. Die Höhe des gemeinsamen Schaffens wurde 1967 auf dem Festival von Avignon mit der „Messe pour le temps présent“ erreicht. 1997 erschien deren Techno-Version „Fantaisie Messe pour le temps présent“. Zwischen beiden Varianten dieser weltlichen Messe, die aus dem Fundus der Moderichtungen zeitgenössischer Variétémusik schöpft, hat Pierre Henry einen weiten Weg zurückgelegt. Er hat seine großen mystischen Werke überarbeitet wie „Messe de Liverpool“ (1967) und „L’apocalypse de Jean“ (1968) sowie Literarisches wie „Fragments pour Artaud“ (1970), „Dieu d’après Victor Hugo“ (1977) , „Le Voyage“ nach dem „Livre des morts tibétain“ (1962) und „Le Livre des morts égyptien“ (1988). 1975 entstand „Futuristie“, eine Hommage an die italienischen Futuristen sowie 1980 das feenhafte Ritual „Les noces chymiques“. Das Gesamtwerk von Victor Hugo wurde von ihm in „Hugosymphonie“ thematisch seziert und wieder zusammengesetzt. Erwähnt sei auch „Un Salut sans cérémonie“ an Marcel Proust, Lautréamont und Jean de la Fontaine. Die zwölf Konzerte „Parcours-Cosmogonie“ (1976) sind eine thematische Neufassung seines Gesamtwerkes. 1996 konnten anlässlich des Festival d’Automne in Paris sechs Wochen lang in seinem Haus Klang-Happenings aus nächster Nähe verfolgt werden. 1997 wandte er sich erneut seinen großen, spektakulären Sinfonien zu: In „Histoire naturelle - les roues de la terre“ wird der italienische Maler und Architekt Giovanni Piranesi in eine Science-Fiction-Welt versetzt. „Une Tour de Babel“ (Januar 1999) ist eine synkretische Erinnerung an die Vielfalt der musikalischen Ausdrucksweisen. Im Jahr 2000 wartete das breite Publikum ebenso wie die Liebhaber klassischer Musik und der großen Skala der Klaviermusik auf ein Comeback von Pierre Henry. Am 15. Juli 2000 war es soweit. Ein euphorisches Publikum von etwa 4000 Menschen hörte (anlässlich des Festivals Paris Quartier d’Eté) auf dem Platz vor dem Centre Pompidou in Paris die große, vom Rave-Techno inspirierte Live-Sinfonie „Tamtam du merveilleux“. Am 13. August 2000 wurde auf dem Klavierfestival im südfranzösischen La Roque d’Anthéron das Werk „Concerto sans orchestre“ aufgeführt. Es besteht aus einer vorab aufgenommenen Komposition von Pierre Henry sowie musikalischen Momenten aus dem Spätwerk von Franz Liszt. Live am Klavier war Nicholas Angelich. 1979 hatte Pierre Henry in einer Hommage an Beethoven eine „Zehnte Symphonie“ geschrieben, deren neun Bilder die Symphonien des großen Musikers aus Bonn neu miteinander verweben. Anlässlich des Festivals von Luzern am 1. September 2001 entstand aus einem Fragment jener „Zehnten“ die Instrumentalversion für zwei kleine Orchesterbesetzungen aus der Feder des Dirigenten Christian von Borries. Ein Kreis schloss sich.
Henry schrieb noch zwei weitere Werke, die ebenfalls in höchstem Respekt vor ihrem klassischen Vorbild entstanden sind, so das von René Martin aus Anlass der Folles Journées de Nantes in Auftrag gegebene Werk „Carnet de Venise“ (2002), eine Hommage an Monteverdi, sowie „Dracula“ nach der Ring-Tetralogie von Richard Wagner, die zwischen dem 13. und 27. April 2002 im Rahmen der Soireen des Centre Pompidou „Pierre Henry chez lui 2“ aufgeführt wurden. „Phrases de quatuor“, eine Hommage an Franz Schubert, wurde von Maurice Béjart für dessen Choreographie an der Pariser Opéra Bastille im Mai 2003 ausgewählt. Ebenfalls im Jahr 2003 entstand ein Beitrag für das Hörspielprogramm „Schattenzonen“ des Bayerischen Rundfunks, das auf einer Biographie von Jean-Jacques Schuhl über die Schauspielerin Ingrid Caven beruht. Das Hörspiel wurde von Ingrid Caven selbst gelesen und am 23. März 2003 bei den Berliner Festspielen aufgeführt. Am 29. und 30. März 2003 entstanden im Konzertsaal „Olivier Messiaen“ bei Radio France anlässlich des 70. Geburtstages von Pierre Henry drei weitere Werke: „Labyrinthe!“, „Faits-divers“ und „Duo“. In Pierre Henrys jüngsten Werken steht die digitale polyphone Montage im Mittelpunkt. Seine Musik konzentriert sich zunehmend auf den „Akkord“ der Klänge. Sie ähnelt einem Happening zeitgenössischer Musik und lädt dazu ein, die eigene Phantasie spielen zu lassen.
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Pierre Henry oder wenn aus Geräuschen Musik wird
Ein Film von Eric Darmon und Franck Mallet
Frankreich, 2006, 52 Min.
ARTE France, Mémoire magnétique
Samstag, den 08. Dezember 2007 um 22.35 Uhr
Wiederholung am 09. Dezember 2007 um 06.00 Uhr
und am 18. Dezember 2007 um 08.00 Uhr
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Erstellt: 05-12-07
Letzte Änderung: 29-08-08