Zufall und Intuition haben sein Leben bestimmt. Das bekennt Pierre „Fatumbi“ Verger (1902-1996), der französische Ethnograph, 1991 in einem Interview. Mit 30 ist er lebensmüde, Opfer des süßen Nichtstuns im großbürgerlichen Paris. Zehn Jahre gibt er sich noch: eine Weltreise als ultimativer Lebenskick, dann der Freitod. Doch es kommt anders, denn Verger hat einen Talisman dabei: die Rolleiflex 6x6.Der Dandy wird zum Foto-Reporter, zum Mitarbeiter am Pariser Musée d’Ethnographie, zum Pionier der visuellen Anthropologie und zum Wissenschaftler wider Willen: 30 Bücher, 120 Artikel und 63 000 Fotos lässt er zurück, ein einzigartiges Zeit- und Mediendokument, gehütet von der Pierre-Verger-Stiftung, die er selbst 1988 in São Salvador ins Leben rief, dem einstigen Bahia.
Denn Bahia de todos os Santos, jene „Allerheiligenbucht“, die von 1549-1763 Kapitale des kolonialen Brasilien war, über Jahrhunderte hinweg Umschlagplatz für Sklavenschiffe aus Ouidah (Benin) an der Goldküste Westafrikas, wird für ein halbes Jahrhundert zum Heimathafen Pierre Vergers, den der Charme, den die Stadt ausstrahlt, in ihren Bann zieht, die Herzlichkeit der Bahianer, ihre Toleranz und Spontaneität, ihre gelassene Selbstsicherheit: in den Augen Vergers das Ergebnis einer geglückten ethnisch-religiösen Durchmischung - jener mitunter befremdlichen Symbiose aus afrikanischem Geister- und Götterglauben und dem Volkskatholizismus der portugiesischen Einwanderer, wie sie sich im Voudou-Kult (Haiti), der santéria (Kuba) oder dem brasilianischen Candomblé manifestiert, dessen Zentrum Bahia ist.
Der großen Faszination, die der Candomblé auf den einstigen Pariser Dandy ausübt, ist ein Großteil jenes Bandes gewidmet, der unter dem Titel Schwarze Götter im Exil rund 300 Fotos aus knapp fünf Jahrzehnten (1934 - 1974) vereint, und sie überträgt sich auf den Betrachter all der Trance-Tänzer und Schlafenden, Lasten- und Maskenträger, Fischer und Landarbeiter, Ganoven und Heiligen in Brasilien oder auf Haiti, Martinique oder Kuba ...
Die zahlreichen Textauszüge, Interviews und Essays (u.a. von Roger Bastide und Edouard Glissant), die die Bildblöcke begleiten, sind zudem eine Fundgrube an Informationen zu den afroamerikanischen Trance- und Mischreligionen, zu Vergers Lebenswerk und -philosophie und seiner fotografischen Ethik. Und sie bieten dem deutschen Leser erstmals einen anderen Blick auf Verger als jenen leicht verqueren, den einst Hubert Fichte in seinem Ethnologieroman Explosion auf ihn warf.Wer den opulenten Bildband durchblättert, der in fünf Themenblöcken die Stationen von Vergers Leben im transatlantischen Dreieck zwischen Brasilien und Schwarzafrika, der Karibik und den USA aufrollt, im Rhythmus von „Flux und Reflux“ den Spuren Afrikas in Brasilien
nicht minder als den Anzeichen der Brasilianisierung und Modernisierung Afrikas im Gefolge der Rückwanderung der freigelassenen Sklaven auf der Spur, stellt schnell eines fest: Vergers eigener Blick ist – analog zu seiner Rolleiflex, die man beim Fotografieren nicht vors Auge hält - ein Blick aus dem Bauch heraus, ein intuitiver, sehr direkter Blick, intim und einfühlsam, ohne je voyeuristisch zu sein. Trotz oder gerade wegen der Schwarzweiß-Optik sind die Aufnahmen, die Verger von Menschen im Zustand tiefster Trance macht, von manchmal beklemmender Nähe. Sie zeigen rituelle Parallelen zwischen Afrika und Brasilien auf und bezeugen zugleich, bis in die Tracht hinein, die katholisch-afrikanische Durchmischung:Verger gilt als Pionier der empathischen Ethnologie, der teilnehmenden Beobachtung als wissenschaftlicher Methode. Nicht ganz unwichtig dürfte dabei der Umstand sein, dass er selbst ein – wohl eher zufällig - Initiierter war, eingeführt in den Candomblé-Kult durch seine spirituelle Mutter, die mächtige Matrone Maria Bibiana do Espirito Santo (1900-1967), genannt Mãe Senhora.
Der rituelle Name, der ihm zugedacht war, könnte treffender nicht sein: „Babalaô“ - „Vater des Geheimnisses“. Denn Vergers Bilder halten häufig magische Momente fest, deren Sinn sich ihm, so bekennt er, oft erst viel später erschließt. Und die Schriften, die er der Ethnobotanik widmet und der Ethnomusik, der Etymologie und den mythischen Stammeslegenden, zumal der Yoruba, zeugen von unerschöpflichem Wissensdurst, der nur den einen Antrieb hat: das Fremde zu verstehen. Als „Botschaft der Versöhnung“ zwischen Alter und Neuer Welt bezeichnet Gilberto Gil, der brasilianische Musiker und Kulturminister, denn auch die Fotografien seines langjährigen Freundes Pierre Verger, welche Brücken der Verständigung zwischen Europa, Afrika und den beiden Amerikas schlagen, die umso haltbarer sind, je häufiger sie begangen werden.Rezension von Regina Keil-Sagawe
Noch bis 2006 auf Deutschlandtournee: die große Werk-Retrospektive des französischen Ethnologen und Fotografen Pierre „Fatumbi“ Verger (1902-1996) zum Thema "afro-brasilianischer Kulturtransfer in Religion und Lebensalltag".
Dritte Station, nach Berlin und Frankfurt, ist vom 24. Juni bis 18. September 2005 das Linden-Museum in Stuttgart, gefolgt von Paris (Jeu de Paume), München, Leipzig (Grassi-Museum) und Bremen (Übersee-Museum). Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftswerk des Goethe-Instituts und der Pierre-Verger-
Stiftung (Salvador da Bahia) in Zusammenarbeit mit dem Ethnologischen Museum Berlin-Dahlem und dem Staatlichen Völkerkunde-Museum in München, organisiert aus Anlass des 200. Jahrestags der Abschaffung des Sklaventums auf Haiti im Jahr 1804. Ausstellungsbegleitend ist ein umfangreicher Katalog erschienen: Schwarze Götter im Exil, hg. von Manfred Metzner und Michael M. Thoss, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2004.







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