![]() | |
|
„Eine große Verletzlichkeit und gleichzeitig eine große Stärke – diese Mischung ist das Bemerkenswerte an ihr. Sie ist jemand, der sich immer wieder in Frage stellt. Das berührt mich sehr.“ Dominique Mercy sitzt in einem ausgeblichenen Louis XIV-Lehnstuhl in seiner Garderobe in der Pariser Oper. Ein enger Freund von Pina Bausch sei er zwar nicht, aber es gebe da schon etwas Besonderes zwischen ihnen, sagt der Tänzer: „Ich weiß nicht genau, wie ich es nennen soll.“
Mit 67 Jahren noch unermüdlich aktiv
Dominique Mercy, 1950 bei Bordeaux geboren, arbeitet seit Beginn des Wuppertaler Tanztheaters 1973 mit Pina Bausch zusammen, ist ihr Assistent und Vertrauter. „Er gibt mir Selbstvertrauen“, sagte die Grande Dame des Tanztheaters einmal in Bezug auf ihr legendäres Stück „Café Müller“ von 1978, in dem die 67-Jährige bis heute neben Mercy tanzt. „So lange er da ist, habe ich das Gefühl, das Recht zu haben, das zu tun.“ Zurzeit studiert Mercy mit den „Étoiles“, den Startänzern des Pariser Opernballetts, die Choreografie von Pina Bauschs „Orpheus und Eurydike“ ein. 2005 hatte das Pariser Opernballett das Stück nach der gleichnamigen Oper von Christoph Willibald Gluck erstmals vom Tanztheater übernommen. Bis heute ist es das einzige Ballett, das Stücke von Pina Bausch nachtanzen darf.
Als Bausch ihre Tanzoper 1975 uraufführte, tanzte Mercy selbst an der Seite seiner damaligen Frau Malou Airaudou den liebeskranken Orpheus, der Eurydike in den Hades folgt, um sie ins Leben zurückzuholen. Musikalisch stützt sich Pina Bausch in ihrer deutschsprachigen Inszenierung auf die französische Version der Gluck-Oper von 1774. Dabei hat sie alle Rollen doppelt besetzt: Orpheus, Eurydike und Amor treten jeweils in Gestalt eines Tänzers und einer Sängerin auf die Bühne, wobei es die Tänzer sind, die den Handlungsfaden spinnen. Ihre singenden Pendants treten in schwarzen Kostümen auf und – für die Oper höchst ungewöhnlich – hinter den Tänzern zurück. Seit 1975 hat Bausch nichts an der Inszenierung geändert. Die ausdrucksvoll schlichten Kostüme der Tänzer und das symbolistische Bühnenbild tragen noch immer die Handschrift ihres 1980 verstorbenen Lebenspartners Rolf Borzik, der auch ihr Bühnen- und Kostümbildner war.
![]() | |
|
Zur Zeit der Uraufführung 1975 in Wuppertal steckte das Wuppertaler Tanztheater, das heute weltweit zu Gastspielen und Kooperationen eingeladen wird, noch in den Kinderschuhen. Und eine unbeschwerte Kindheit war das nicht. 1973 von Generalintendant Arno Wüstenhöfer zur Leiterin des Balletts der Wuppertaler Bühnen berufen, gab Bausch 1974 ihr Debüt mit dem Tanzabend „Fritz“. Die Zuschauer waren empört über die schrägen Gestalten, die auf der Bühne Hustenanfälle simulierten. Das sollte Tanz sein? „Das Publikum verließ türenschlagend den Saal, manchmal wurden auch Gegenstände auf die Bühne geworfen“, erinnert sich Mercy. Obwohl sich die Compagnie schon relativ früh auch außerhalb der Stadt einen Namen machte, habe es lange gedauert, bis die Wuppertaler mit ihrem Tanztheater warm geworden seien. Und erst als Pina Bausch im vergangenen November der renommierte japanische Kyoto-Preis – neben dem Nobelpreis einer der höchsten Kulturpreise – verliehen wurde, rang sich die Stadt endlich dazu durch, ihrer weltweit gefeierten Kulturbotschafterin die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Dominique Mercy lacht lauthals auf: „Kein Kommentar!“
„Orpheus und Eurydike“ ist nicht die erste Tanzoper von Pina Bausch. 1974 schuf sie auf Anfrage des Intendanten Wüstenhöfer bereits „Iphigenie auf Tauris“, ebenfalls nach der Musik von Gluck. Dessen Opern hätten ihr die Freiheit gelassen, „etwas Eigenes damit zu verbinden“, begründet Bausch ihre Wahl. Und auch das Publikum hätte sehr viel leichter Zugang zu den Tanzopern gefunden, als zu „abrupteren, schwieriger verständlichen Facetten von Pina Bauschs Tanztheater“, sagt Mercy. Dabei wollte sie nie provozieren, das hat die Choreografin immer wieder deutlich gemacht. Die gebürtige Solingerin, die mit 15 Jahren zu Kurt Jooss, dem „Vater des Tanztheaters“, an die Essener Folkwangschule und später mit einem Stipendium an die Juilliard School of Music nach New York ging, feiert in ihrer Kunst das Leben. Geliebt-werden-wollen ist seit jeher ihr Thema, dessen sämtliche Facetten sie auf der Bühne durchspielt. Sie versteht es, Gesten von brutaler Derbheit, von unendlicher Einsamkeit und einer berührenden Suche nach Zärtlichkeit zu schaffen, die ihresgleichen suchen. Stets gepaart mit kindlichem Schalk und Koketterie. Tänzer, die die Hände von Tänzerinnen in die Luft halten, um sich unter ihnen zu reiben, sich von ihnen streicheln zu lassen – das sind Bilder, die bleiben.
![]() | |
|
Pina Bauschs Tänzer schaffen es, die Knochenarbeit Tanz in unerreichte Leichtigkeit aufzulösen. Und die Meisterin weiß, was sie an ihnen hat. In ihrer Compagnie gibt es keine Stars, jeder Einzelne repräsentiert den Reichtum seiner selbst. Jeder arbeitet aus sich heraus und die Meisterin lenkt. „Sie hilft, Türen zu öffnen“, sagt Mercy. Pina Bausch sagt: „Ich interessiere mich nicht dafür, wie die Menschen sich bewegen, ich interessiere mich dafür, was sie bewegt.“ Sie will offene Bilder gestalten, Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst darin zu erleben. Wer ein Stück von Pina Bausch anschaut und versucht, zu interpretieren, was er sieht, ist fehl am Platz. Hier geht es um sinnliches Erfahren.
Pina Bausch hat den Zufall zum Prinzip gemacht. Ihre Methode, die Arbeit an einem neuen Stück zu beginnen, indem sie ihren Tänzern Fragen stellt und sie dann improvisieren lässt, ist legendär geworden. „Wobei die Fragen selbst keineswegs legendär sind“, sagt Mercy lachend und räumt ein: „So zu arbeiten, ist nicht immer leicht.“ Es gebe Fragen, die immer wiederkehrten. Und wenn man dann sagt: „Aber Pina, das hatten wir doch schon“, sagt sie: „Ja, ich weiß, aber du antwortest jetzt sicherlich anders darauf als letztes Jahr oder vor einer Woche.“ Und damit habe sie natürlich recht. „Aber einfach ist es nicht, wenn du mit dir selbst konfrontiert wirst und das Gefühl hast, du drehst dich im Kreis.“
In den vergangenen Jahren sind die Stücke von Pina Bausch bunter, fröhlicher, vielleicht hedonistischer geworden. Sie zeigen „eine größere Tendenz zur Lebensfreude, durch den Tanz, die Musik, durch Farbe“, sagt Dominique Mercy. „Pina Bausch schreibt das Leben mit einem großen L.“
Maike van Schwamen für das ARTE Magazin.
ARTE PLUS
TANZTHEATER WUPPERTAL: Pina Bausch, 1940 als Philippine Bausch in Solingen geboren, gilt als bedeutendste Choreografin der Gegenwart. Ihr Name ist untrennbar mit dem Begriff „Tanztheater“ verbunden. Jedes Jahr lädt Bausch, die ihre Premieren als „Work in progress“ betrachtet, zur Uraufführung eines neuen Stücks, noch ohne Titel, nach Wuppertal. „Neues Stück 2008“: UA 30.5.2008.







per E-Mail verschicken


Facebook
Twitter
RSS

