Ein Sommertag: Ohne Ankündigung besucht Paul, 16 Jahre alt, seine Verwandten. Weil er vor kurzem seinen Vater verloren hat und die Trauer seiner Mutter nicht ertragen kann, sucht der Teenager nach Ablenkung und Liebe in der auf den ersten Blick intakten Familie seines Onkels. Paul zeigt sich zunehmend fasziniert von seiner Tante Anna, die seine Anwesenheit anfänglich nur widerwillig hinnimmt, ihn dann aber zu akzeptieren beginnt und auf ihre Seite zieht. Als Paul schließlich bemerkt, dass Anna ihn als Spielball benutzt, reagiert er mit einer Verzweiflungstat ...
Eines schönen Sommertags steht der 16-jährige Paul unangekündigt vor der Haustür seiner Verwandten, die zurückgezogen im Grünen leben. Das letzte Familientreffen liegt ein paar Monate zurück und hatte einen tragischen Anlass: Pauls Vater hat sich das Leben genommen. Auf der Suche nach einer heilen Welt, die er hinter der schönen (Häuser-)Fassade der Familie seines Onkels zu finden glaubt, kehrt der Junge an den Ort zurück, der ihn an unbeschwerte Kindheitstage erinnert. Sein Onkel Stefan und seine Tante Anna fühlen sich in die Pflicht genommen und nehmen ihren Neffen bei sich auf.
Besonders Anna ist zunächst wenig erfreut über den Überraschungsbesuch. Sie ist damit beschäftigt, ihren ebenfalls 16-jährigen Sohn Robert, einen talentierten Pianisten, auf die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Leipzig vorzubereiten. Um nicht wieder nach Hause geschickt zu werden, beschließt Paul, sich nützlich zu machen und den verrotteten Swimmingpool im Garten zu renovieren.
Je mehr sich Paul der scheinbar harmonischen Kleinfamilie aufdrängt, desto tiefer dringt er in deren Mikrokosmos ein. Und die Fassade beginnt zu bröckeln: Nicht nur der nach außen hin cool wirkende Paul ist innerlich verzweifelt. Wie in seiner eigenen zerrütteten Familie lauern auch hinter den Mauern der "Vorzeigefamilie" des Onkels eine Menge unausgesprochener Probleme. Ursache dieser Konflikte scheinen jedoch weniger der eigenwillige Sohn Robert und sein Alkoholproblem als dessen unbeherrschte, überehrgeizige Mutter zu sein.
Als Stefan, der sich anfangs unbeholfen um Paul gekümmert hat, überraschend auf Geschäftsreise geht, bleibt Anna mit den beiden pubertierenden, Pingpong spielenden Jungs und ihrem geliebten Hund Schumann allein zurück. Ihre anfängliche Abneigung gegen Paul schlägt allmählich in Sympathie um. Ermutigt durch Annas wachsendes Zutrauen, welches sie ansonsten nur Schumann entgegenbringt, sucht Paul immer öfter ihre Nähe.
Je näher Roberts Vorspiel im Konservatorium rückt, desto größer werden die Spannungen zwischen Mutter und Sohn. Weil er dem großen Druck und den hohen Erwartungen von Anna, selbst eine ausgebildete Pianistin, nicht standhalten kann, widersetzt sich Robert seiner Mutter zunehmend. Daraufhin beginnt Anna, Paul als Spielball in ihrem Mutter-Sohn-Konflikt zu benutzen: Indem sie ihren Neffen auf ihre Seite zieht, nutzt sie seine emotionale Schwäche aus, während der liebesbedürftig-naive Paul glaubt, Anna würde seine Gefühle erwidern.
Robert hingegen beobachtet argwöhnisch, wie sich sein Cousin und seine Mutter einander nähern. Am Tag der Aufnahmeprüfung kommt es zum Eklat: Sturzbetrunken boykottiert Robert das Vorspiel und sieht zu, wie Anna das Spiel mit Paul zu weit treibt. Diese lässt ihren aufgestauten Frust weiterhin an ihrem Sohn aus, den sie wie sich selbst am Klavier gescheitert sieht. Auch ihren Neffen weist Anna rigide zurück, indem sie ihn und das Geschehene völlig ignoriert. Als Stefan von seiner Reise zurückkehrt, ist Anna krampfhaft bemüht, den Haussegen wieder gerade zu hängen. Und alle spielen mit, außer Paul, dem auf schmerzliche Weise klar wird, dass er nichts mehr in dieser Familie zu suchen hat. Er reist ab, jedoch nicht, ohne vorher Rache zu nehmen ...
"Pingpong" ist das gefeierte Regiedebüt von Matthias Luthardt und zugleich sein Abschlussfilm an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf". Mit seinem mehrfach ausgezeichneten Film eröffnet der Regisseur einen detaillierten und zugleich distanzierten Blick auf die Lebenssituation einer Kleinfamilie des Bildungsbürgertums. Doch das auf den ersten Blick intakte Familiengefüge gerät bei näherem Hinsehen ins Wanken, je mehr sich die Kamera nähert, je intensiver sich die Blicke der Figuren treffen, je öfter die Familienmitglieder aneinandergeraten.
Mit "Pingpong" hat Luthardt ein atmosphärisch dichtes, kammerspielartiges Drama geschaffen, dessen spannende Handlung trotz nüchterner Erzählweise von Anfang an in den Bann zieht.
Doch nicht allein dem außergewöhnlichen und prämierten Drehbuch hat "Pingpong" seinen Erfolg zu verdanken, sondern auch der exakten Schauspielerführung und den herausragenden schauspielerischen Leistungen. So gelingt es insbesondere dem hoffnungsvollen Jungdarsteller Sebastian Urzendowsky, seine Figur mit einer abgründigen Tiefe und einer unterschwelligen Verletzlichkeit auszustatten. Auch Marion Mitterhammer überzeugt in der Rolle der unzugänglichen und zugleich verletzlichen Anna. Clemens Berg, Darsteller des Robert, hat für den Film vom Klavier - er ist ein erfolgreicher Jungpianist - vor die Kamera gewechselt. So hat Matthias Luthardt seine Schauspieler ausnahmslos zu Höchstleistungen angetrieben und gemeinsam mit seiner Crew ein tiefgründiges Familienpsychogramm in eiskalt schönen Bildern inszeniert.
"Pingpong" hatte seine Premiere bei der "Semaine de la Critique" in Cannes - seitdem ist Luthardt auch in Frankreich kein Unbekannter mehr.
In Deutschland hat man zuletzt seinen Fernsehfilm "Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf" gesehen. Zudem war er einer der Regisseure des von ARTE koproduzierten Fernsehmarathons "24 Stunden Berlin".