Kennen gelernt haben wir uns 1987 in Berlin bei der Sendung „Menschen 87“, zu der wir beide eingeladen waren. Wir haben hinterher bis zum Morgengrauen in der Hotelbar gesessen und uns über unsere Vorlieben in der Kunst, Musik und im Kino unterhalten. Von Walker Evans bis Edward Hopper, von den Kinks bis zu Bob Dylan. Es war ganz einfach, denn er kannte mich und meine Musik, ich kannte ihn und seine Filme.
Der erste Wenders-Film, den ich gesehen habe, war Alice in den Städten. Das war für mich einer der berühmten Nichts-ist-mehr-wie-vorher-Momente. Er war komplett anders erzählt als alles, was ich vorher kannte. Nichts Spektakuläres, nur eine ruhig erzählte Geschichte, die auch von meinen Amerikaträumen handelte. Durch diesen Film habe ich auch die Wirkung von Polaroid-Fotografien richtig kapiert. Bis dahin war das für mich nur eine Sofortbildkamera, mit der man an den Stränden die Touristen verblüffen konnte, so wie ich es viele Jahre zuvor während eines Italienurlaubs mit meiner Mutter erlebt hatte. Der Film hat mein eigenes Interesse an Polaroids entfacht, mit denen ich später selbst viel herumexperimentiert habe. [...]
Außenwirkung. Wenn man in Paris ist, kann man sicher sein, dass irgendwo ein Wenders-Film läuft. In Deutschland hingegen wird er wie der Prophet im eigenen Lande verstanden. Schon das Vorurteil, er sei ein Melancholiker und obendrein humorbefreit, ist blanker Unsinn. Ich finde ihn ungeheuer lustig, er hat halt eine besonders trockene Form von Humor. Abgesehen davon sollte man Humor sowieso nicht mit Schenkelklopfen verwechseln. Natürlich kann er auch ein umständlicher Professor sein, dem man die Würmer aus der Nase ziehen muss. Er ist einfach dezent und kein Mensch, der dir mit einem stinkenden Fisch nachrennt.
Ratschläge. Inzwischen habe ich gelernt, auf ihn zu hören. Wir waren zusammen in Montana, wo er einen Werbespot für unseren Toursponsor Jack Wolfskin gedreht hat. Die Familien waren auch mit. Er hat zu mir gesagt: „Du solltest mal mit Robin (mein jüngster Sohn) nach Butte fahren.“ Da spielt nämlich Dashiell Hammetts Roman „Rote Erde“. Wir sind hingefahren und haben festgestellt, dass es dort aussieht wie auf den Bildern von Edward Hopper. [...] Es ist eine alte Kupferminenstadt, in der die Umweltgifte fast alles zum Stillstand gebracht haben. Jetzt blutet sie aus und wird zur Geisterstadt. [...] So etwas habe ich noch nie gesehen. Vor kurzem hat er dort seinen neuen Film Don’t come knocking gedreht.
Zusammenarbeit I. Wir haben uns nach längerer Zeit ausgerechnet getroffen, nachdem wir mit BAP gerade von jemandem versetzt worden waren, der ein Video zu unserem Song „Mayday“ machen sollte. Wim erkundigte sich, was denn das für ein Stück sei und ich habe ihm dann unser gerade erschienenes Album „Tonfilm“ mitgegeben. Ich habe noch im Spaß zu ihm gesagt: „Stimmt überhaupt. Mach du das doch!“ Ein paar Tage später hat er angerufen, hatte sich das Album angehört und schlug vor: „Lass uns kein Video machen, sondern etwas Ordentliches!“ So haben wir mit „Viel passiert – Der BAP-Film“ angefangen.
Edward Hopper. Wim hat jahrelang immer wieder Seiten aus seinem Hopper-Buch herausgerissen und irgendwo hingetackert, damit seine Mitarbeiter wussten, wonach sie suchen sollten, denn die Bilder waren für ihn Vorgaben für die Locationsuche. Ich kenne den Maler auch schon aus den Zeiten meines Kunststudiums. Fotorealismus war Anfang der 1970er Jahre hip. Man konnte sich damit wunderbar gegen die Dozenten der älteren Generation auflehnen, die sich gerade vom Gegenständlichen freigeschwommen hatten. Die allgemeine Begeisterung für die Fotorealisten hat mich allerdings schon damals ein bisschen gewundert, denn an Hopper kam das alles nicht ran. Wim und ich sind noch Anfang dieses Jahres zusammen mit Kind und Kegel am letzten Tag in die Hopper-Ausstellung in Köln gegangen. Vor den Originalen zu stehen ist doch ein unvergleichlich sinnliches Erlebnis, selbst in der dritten Reihe.
Kunst. Darüber unterhalten wir uns eigentlich nicht systematisch. Es ist eher so, dass ab und zu ein Name fällt. Dann nickt der eine oder es brummelt der andere etwas. Man weiß jedenfalls, was man davon zu halten hat. Womit ich nie etwas anfangen konnte, ist Wims Vorliebe für Paul Klee. Der ist einer seiner größten Helden. Das muss noch aus seiner Kupferstecherzeit in Paris stammen. [...]
Musik ist in Wenders-Filmen sehr wichtig. Er hat ja auch mal gesagt, der schönste Moment beim Filmemachen sei für ihn, wenn die Bilder und die Musik zusammenkommen. Bereits bei Summer in the City hören wir die Kinks und bei Alice in den Städten hat er Aufnahmen von Chuck Berry hineingeschnitten. Schon allein dieses Bekenntnis für Berry sprach mir aus der Seele. Für mich – und für Wim ist das wohl genauso – ist er der eigentliche Held des Rock ‘n’ Roll. Elvis hat den Erfolg gehabt, weil er ein Weißer war, der singen und mit dem Arsch wackeln konnte wie ein Schwarzer. Unser musikalischer Geschmack hat eine große gemeinsame Schnittmenge. Als Wim in Los Angeles an The Soul of a Man gearbeitet hat, haben wir zusammen das Video zum Song „Schluss, Aus, Okay“ gedreht. Dafür sind wir zusammen durch die Mojawe-Wüste gefahren, mal er, mal ich am Steuer. Er bediente die Kamera, ich die Gitarre. Dieser Videodreh war für uns eine Art Methadon-Programm nach den schönen Dreh-arbeiten zu „Viel passiert“. [...]
Zusammenarbeit II. Bei allem, was wir gemeinsam gemacht haben, war das Arbeiten immer wie ein Puzzle. Er ist immer sehr aufmerksam, aber manchmal auch einfach verschwunden. Ich saß anfangs oft zu Hause und dachte: „Eigentlich sind wir doch jetzt am arbeiten. Wo bleibt der Kerl bloß.“ Und dann kommt von irgendwoher – er ist ja auch wirklich dauernd unterwegs – eine Nachricht. Man lernt, dass man nicht beunruhigt sein muss, wenn man ein paar Tage lang mal nichts hört. Es wird schon weitergehen, und wenn man das kapiert hat, ist alles in Ordnung. Außerdem passt das ganz gut mit meiner eigenen Arbeitsweise zusammen.
Eitelkeit. Er zählt definitiv nicht zu diesen selbstverliebten Filmfuzzis. Dafür ist er einfach zu erfahren, zu gelassen. Er genießt so einen Rummel wie in Cannes zwar auch, aber nur, weil er Distanz dazu hat. Er ist vor allem nicht so eitel, dass er auf sich selbst hereinfällt.
Glauben. Ich bin kein Atheist, ich bewundere, wie der Glaube den Menschen Kraft geben kann. Wim ist religiös, aber er missioniert nicht. Er geht regelmäßig zur Kirche und kennt sich gut in der Bibel aus. Seine dicke Ausgabe ist mit reichlich Notizzetteln gespickt. [...]
Heinrich Böll. Mit dem haben wir beide was am Hut. Schade, dass er ihn nie kennen gelernt hat. Ein Ausschnitt meines Gesprächs mit Böll ist auch in „Viel passiert“. Für Wim ist ja die Sprache ohnehin mehr Heimat als irgendein realer Ort. [...]
Untermieter. In meinem Gästezimmer hängen seit langem einige von ihm signierte Filmplakate. Als wir dann zusammen gedreht haben, hat er uns öfter besucht – warum sollte er auch immer im Hotel wohnen. Irgendwann schenkte er mir das Plakat von The Million Dollar Hotel mit der Widmung „Hier schlafen nur Millionäre“. Mittlerweile gibt’s auch noch eins, auf dem steht: „Viele Grüße von deinem Untermieter“. [...]
Typisch deutsch finde ich an Wim seine Sekundärtugenden. Er ist Perfektionist und er ist zuverlässig. Abgesehen davon kann man nicht unterscheiden, wann er arbeitet und wann nicht. Aber dass er einfach nur faulenzt oder sich langweilt, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.
Romantiker ist „mein großer Bruder“ zweifellos. Sonst könnte er nicht solche Filme machen.
Aufgezeichnet von Volker Behrens
- ARTE-Gastautor






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